Wirtschaft: Die Fracht-Lotsen aus dem Internet

Lotsen für Fracht: Max Gürtler (l.) und Julian Laße von Freightfinders in ihrem Berliner Büro – einem Co-Working-Space im Prenzlauer Berg
Ina MatthesSie haben ihn: den Mut zum Risiko. Junge Leute, die mit einer Idee, einer Entwicklung die eigene Firma gründen. Wir stellen einige in loser Folge vor. Heute: Freightfinders – wie Waren ihren Weg finden.
Ein kleines Unternehmen aus Brandenburg stellt Medizingeräte her. Es verkauft sie deutschlandweit und auch ins europäische Ausland. Doch eines Tages erhält die Firma einen Auftrag aus Salina, USA. Wie kommt eine Ladung Brandenburger Medizintechnik jetzt über den großen Teich? Das Unternehmen hat noch nie mit Spediteuren zusammengearbeitet, die in die USA liefern.
An dieser Stelle kommt freightfinders.com ins Spiel. Das ist eine Plattform im Internet, die Frachtverkehr und Dienstleistungen vermittelt. Ein Vertriebsmitarbeiter der kleinen Brandenburger Firma tippt in eine Suchmaske auf freightfinders. com ein, dass er einen Container mit Fracht nach Salina schicken will. Die Webseite gibt ihm das Angebot des Logistik-Unternehmens Lion Group aus: Von Frankfurt (Oder) reisen die Container per Bahn nach Bremerhaven, mit dem Schiff weiter nach New York, dann per Lkw nach Salina Kansas. Preis für einen Container: etwas über 4000 Euro.Julian Laße hat den konstruierten Fall der kleinen Brandenburger Firma auf seinem Laptop durchgespielt. Laße (26) ist der Marketing-Experte von Freightfinders. Sein Chef heißt Max Gürtler (31), Firmengründer und Mitgesellschafter von Freightfinders, einem Dienstleister, der Fachttransport zu Wasser, in der Luft, auf Straße und Schiene vermittelt. Und das weltweit. Beide sitzen in braunen Ledersessel vor einem kleinen Bistrotisch im Office Club im Prenzlauer Berg. Der Office Club ist eingerichtet wie ein großes, helles Café. An den Tischen sitzen zumeist Menschen mit Laptops. Dieser sogenannnte Co-Working-Space ist der Berliner Firmensitz von Freightfinders.
Wenn sie sich mit ausländischen Interessenten treffen, dann in diesem Gebäude in Berlin, wo man auch ruhige Konferenzzimmer mieten kann. „Gerade hatten wir eine Anfrage aus Indien“,sagt Gürtler, der in Wandlitz lebt. Dort unterhält das junge Fünf-Personen-Unternehmen ein weiteres Büro. In der Provinz lässt es sich in Ruhe arbeiten, in einer schönen Gegend, die aber nicht die Netzwerke und Kontaktmöglichkeit der Hauptstadt bietet. Berlin ist Max Gürtlers Geburtsstadt. Er hat Logistik-Management in Mannheim studiert und bei Großen in der Logistik-Branche wie UPS gearbeitet, kennt sich besonders mit Schiffsfracht aus. Julian Laße hat Medienmanagent studiert. Max Gürtler managt das Unternehmen zusammen mit dem Mitgründer und Gesellschafter Sven Noatzke, der im Brandenburgischen Forst die Firma Lion Logistics besitzt. Bei seiner Arbeit in der Logistikbranche hat Gürtler eine Erfahrung gemacht: „Die Unternehmen kennen oft nicht die richtigen Partner“. Den Logistik-Markt beschreibt der Wandlitzer als intransparent. Kleinere Unternehmen beschäftigten oft keine Logisitik-Experten. Wenn sich eine Firma aber nicht gut auskenne in der Branche, dann falle es ihr schwer, Preise zu vergleichen und gute Angebote für ihre Fracht zu finden, meint Gürtler. Viele kleine Logistikfirmen, die sich zum Beispiel auf den afrikanischen Markt spezialisiert haben, seien kaum bekannt. Gürtler nennt sie die „hidden champions“. „Wir wollen Transparenz in den Markt bringen.“ Ein kleines Brandenburger Unternehmen muss nicht Hinz und Kunz in der Logistikbranche kennen, es muss nur den Weg zu freightfinders googlen. Angebote der kleinen Spezialisten und der Großen aus der Branche will er auf der Plattform bündeln. Gürtler vergleicht Freightfinders mit einer der großen Flugreisesuchmaschinen, wo Kunden unter vielen Flügen verschiedenster Airlines den günstigsten und für sie passenden finden.
Gestartet sind Freightfinders im April 2017, zunächst mit dem Schwerpunkt Schiffsfracht. Die Gründer haben zunächst eigenes Geld in ihr Unternehmen gesteckt. Angebote größerer Logistik-Unternehmen, die das junge Start-up an sich binden wollten, haben sie abgelehnt. Freightfinders soll ein unabhäniger Marktplatz bleiben. Ein Investor, den Gürtler und seine Mitstreiter bei einer Präsentationsveranstaltung des Landes Brandenburg kennenlernten, will Freightfinders jetzt helfen, weiter zu wachsen. Anderthalb bis zwei Millionen Euro braucht das Start-up. „Derzeit geht es um die Entwicklung der Technologie und um Reichweite“, sagt Gürtler. 9000 Besucher zählt die Seite derzeit pro Monat. Sie können über Freightfinders alles mögliche verschicken – Geräte, Autos, Schüttgüter. Selbst internationale Umzüge vermittelt der Dienstleister. Für die Kunden der Plattform ist die Vermittlung kostenlos. Freightfinders will zunächst seine Reichweite steigern – die Kommerzialisierung komme später, sagt Gürtler. Eine mögliche Finanzierungsquelle sieht er in der Vermittlung von Dienstleistungen rund um den Transport wie Frachtversicherungen. Mitte dieses Jahres will die Firma die Leistungen von 200 Speditionen auf ihrer Plattform anbieten – das ist das Ziel: „Umso mehr Speditionen wir haben, umso besser können wir Preise kalkulieren,“ sagt Julian Laße. Auch personell will der Vermittler wachsen – auf zehn bis 15 Leute in diesem Sommer. Das größte Problem ist derzeit, Logistiker, Entwickler und Marketing-Fachleute zu finden.
Die Gründer von Freightfinders drücken aufs Tempo. Wer es in dem Geschäft zu etwas bringen will, der muss sich schnell etablieren und wachsen. Es gibt einige Marktplätze für Fracht im Netz. Doch die Konkurrenten, sagt Gürtler, bedienten nur Teilmärkte. Freightfinders hingegen decke von Wasser bis Luft alles ab – und will global unterwegs sein. Viele Anfragen bekommt die Firma aus dem Ausland, aus Indien oder China, das als der Zukunftsmarkt in der Branche gilt. Wer etwas werden will, muss da mitspielen. „Unser nächster Standort“, steht für Gürtler fest, „wird in China sein.“