Zukunftspläne: Wer rettet die Lausitz?

Ungewissheit: Die Stadt Welzow liegt an einer Braunkohle-Grube. Die Einwohner sind verunsichert.
Patrick Pleul/dpaIm Salon der Firma Rohnstock Biografien in Berlin Prenzlauer Berg diskutierten am Donnerstagabend Akteure aus der Lausitz mit Vertretern der DDR-Wirtschaft. „Die Menschen in der Lausitz wollen den vor ihnen liegenden Umbauprozess mitbestimmen“, sagt Margaritta Knobloch, Vorsitzende beim Traditionsverein Braunkohle Senftenberg. Sie betreibt mit ihrem Verein in der von Kohle geprägten Stadt ein Café. Vor allem die älteren Bewohner würden zu ihr kommen, „viele sind froh, dass sie einen Ort haben, an dem sie auch mal ihr Herz ausschütten können“, sagt Knobloch. Die Kinder seien weggezogen, die Enkel wüchsen in Süddeutschland auf. Auch ihr eigener Sohn ist vor fast 30 Jahren nach Baden-Württemberg gegangen, sagt die Senftenbergerin.
Fördergelder allein nutzen nicht
Für Tobias Zschunke, Professor an der Hochschule Zittau/Görlitz, ist das ein entscheidendes Problem. Wenn es nicht gelingt, die Region für junge Leute attraktiv zu gestalten, wird der Süden Brandenburgs und der Norden Sachsens „weiter entvölkert“. Es gäbe zwar positive Beispiele, so sind in den vergangenen Jahren zwar Start-ups rund um die Universität entstanden, aber es fehlen Fachleute, damit die Firmen expandieren. „In der Lausitz gibt es Start-ups, die 100 Leute beschäftigen, aber alles was darüber hinaus geht, dafür fehlt es an Manpower“, so der Professor für Kraftwerks- und Energietechnik. Mit Johanna Buck saß auch eine Schülerin mit auf dem Podium, das bei Rohnstock ein Sofa ist. Die 18-Jährige macht gerade ihr Abitur und engagiert sich bei der „Fridays for Future“-Bewegung. Es brauche einen radikalen Wandel der Lebensweise und eine höhere Besteuerung von CO2, lautet ihre Forderung. Ihrem Vater habe sie geraten, anstatt mit dem Flugzeug nach München zu fliegen, den Zug zu nehmen. Auf die Frage, ob sie sich einen Umzug in die Lausitz vorstellen könnte, um dort eine Öko-Stadt aufzubauen, kommt ein klares Nein. Sie wolle das Leben in Berlin verändern.
Boris Kudevita, zu DDR-Zeiten Leiter der staatlichen Energieinspektion, wüsste sehr wohl, wie man der Lausitz neues Leben einhauchen könnte. „Mit einem Plan für Industriepolitik“, jedoch sei das Wort „Planwirtschaft in diesem Land ein Schimpfwort“, so der Energieexperte.
Bei seinen Zuhörern kommt der Gedanke gut an, auch Eckhard Netzmann, früherer Vize-Generaldirektor beim Kraftwerkanlagenbau, plädiert für eine „konzertierte Aktion.“ Die Entwicklung beunruhige ihn. Der Bericht der Kohlekommission lese sich streckenweise „wie ein Wunschzettel“, dabei seien Vorgaben wichtig. Zudem säßen schon wieder Unternehmensberater und Lobbyisten bereit, die „es alleine auf die Fördergelder abgesehen haben“. Klaus Thiessen, Professor und früherer Forschungsdirektor im Werk für Fernsehelektronik (WF), will nicht so richtig verstehen, wieso sich ausgerechnet die Kohle-Kumpel beklagen. „Meine 9000 Mitarbeiter mussten sich bereits vor 30 Jahren umorientieren“, sagt der Physiker. Das Ende der Braunkohle solle als Chance gesehen werden. Die Region hat nun die Möglichkeit sich zu einem Zentrum für umweltfreundliche Energie zu verwandeln. „Ich weine der Braunkohle keine Träne nach“, sagt er.
Am Ende war sich die Runde einig, Verzagtheit helfe nicht weiter, auch müsse man dieses Mal seine Interessen selber vertreten. „Klar sehen und doch hoffen“, zitierte Eckhard Netzmann den französischer Schriftsteller Albert Camus.
KohlekommissionEinstieg in den Ausstieg
Die Kohlekommission (Kommission für Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung) hat im Februar einen Abschlussbericht vorgelegt. Darin stehen Maßnahmen zur sozialen und strukturpolitischen Entwicklung der Braunkohleregionen sowie zu ihrer finanziellen Absicherung. Bis 2038 soll in Deutschland keine Kohle mehr gefördert werden, die Bundesregierung hat für den Umbau mit 40 Milliarden Euro versprochen. Die Strukturhilfe soll Verkehrsprojekte und die Ansiedlung von Bundesbehörden umfassen. Zudem ist eine Investitionszulage für Unternehmer angedacht.⇥nj