zum Lebensmittelgipfel: Der Preis des guten Lebens

Autor Guido Bohsem
Thomas Koehler/photothek.netSelbst Familien der amerikanischen Mittelschicht können sich beileibe nicht jeden Tag eine Mahlzeit leisten, die aus frischen, gesunden, womöglich sogar noch biologisch angebauten Lebensmitteln hergestellt wird. Ärmere Familien greifen daher übermäßig oft zu billigeren Nahrungsmitteln, Hamburgern, Pizza oder aufwärmbaren Mahlzeiten. Das heißt, ihnen ist es aus finanziellen Gründen nicht möglich, sich gesünder zu ernähren.
Das alles ist in Deutschland anders. Die Erfolge und die Marktmacht der Lidls, Aldis, Nettos und Pennys haben für niedrige Lebenshaltungskosten gesorgt, die immer wieder mit den steigenden Ansprüchen der Verbraucher Schritt gehalten haben. So kam der Siegeszug der Bio–Lebensmittel in Deutschland auch deshalb zustande, weil die Discounter erkannt haben, damit ein gutes Geschäft machen zu können. Die Kombination von Preis, Qualität und Vielfältigkeit bei Lebensmitteln dürfte hierzulande so gut wie niemals zuvor sein.
Ausgerechnet dieses Verbraucherparadies will die große Koalition nun stören. Aus rein ökonomischer Perspektive ähnelte das Spitzentreffen der Einzelhändler und Ernährungsindustrie bei Kanzlerin Angela Merkel einer verbotenen Kartellabsprache. Denn im Prinzip sollen die Anbieter auf Wunsch der Koalition nichts anderes tun, als eine Vereinbarung zu suchen, mit der sie die Lebensmittelpreise gemeinsam und zulasten des Kunden anheben können. Wäre es wirklich so, es handelte sich um einen eklatanten Verstoß gegen Grundregeln des Wettbewerbs.
Doch so einfach ist die Sache nicht. Um das Verbraucherparadies zu kreieren, haben Verbraucher, Einzelhändler und Bauern über viele lange Jahre hinweg einen Pakt zulasten einer vierten Partei geschlossen, der Umwelt. Die immer höheren Erträge auf den Feldern sind eben nur durch hohen Einsatz von Düngemitteln und effizienten Unkrautvernichtern möglich, auf Kosten des Grundwassers, der Vögel und der Insekten. Billiges Nacken– oder Hüftsteak können die Verbraucher nur deshalb kaufen, weil das Wohl der Tiere bei der Fleischproduktion eine geringe Rolle spielt, weil die ethischen Standards der Verbraucher häufig noch unter dem niedrigsten Preis im Supermarkt liegen.
In jedem marktwirtschaftlichen System hat der Kunde das letzte Wort. Er entscheidet über den Preis und bestimmt damit, wie viel Geld den Erzeugern bleibt und wie die Kosten für die Umwelt verringert werden. Doch die Politik kann ihm eine Hilfestellung geben. Nicht durch Preisvorgaben, sondern durch Rahmensetzungen bei Grenzwerten und Haltungsstandards, und sie muss den Bauern helfen, die nötige Umstellung zu bewältigen — notfalls mit Steuergeldern.
