70. Geburtstag
: Rio Reiser, König von Deutschland

Heute wäre Rio Reiser 70 Jahre alt geworden. Längst ist der Sänger, Liedermacher und Schauspieler zum Mythos geworden, der für die subversive Kraft deutscher Popmusik steht.
Von
Boris Kruse
Fresenhagen
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  • Produktiv, aber wenig geschäftstüchtig: die Band Ton, Steine, Scherben mit Sänger Rio Reiser bei einem Auftritt in den 80er-Jahren

    Produktiv, aber wenig geschäftstüchtig: die Band Ton, Steine, Scherben mit Sänger Rio Reiser bei einem Auftritt in den 80er-Jahren

    WDR
  • Zerbrechlich: Rio Reiser 1987 in der Stadthalle Offenbach

    Zerbrechlich: Rio Reiser 1987 in der Stadthalle Offenbach

    Thomas Muncke/dpa
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Kaum ein deutschsprachiger Popkünstler verzichtet heute darauf, den Einfluss von Rio Reiser und seiner Band Ton Steine Scherben zu betonen. Reisers Lieder werden munter weiter gecovert oder im Original abgespielt, von „Junimond“ über „Alles Lüge“ bis „König von Deutschland“. Etablierte Künstler wie Selig–Sänger Jan Plewka tingeln mit abendfüllenden Rio–Reiser–Programmen durch die Republik. Und auf Demos werden nach wie vor die alten Kultkracher wie „Keine Macht für Niemand“ und „Schritt für Schritt ins Paradies“ gespielt. Das ist längst linke Folklore, die bei gegebenen Anlässen immer wieder hervorgekramt wird wie auf süddeutschen Dorffesten die krachledernen Hosen.

Leidenschaft und Wut

Am Donnerstag (9. Januar) wäre Ralph Christian Möbius alias Rio Reiser 70 Jahre alt geworden. Ein zehrender Lebensstil und insgesamt viel zu viel Alkohol haben ihn schon im Alter von 46 Jahren das Zeitliche segnen lassen; Todesursache waren Kreislaufversagen und innere Blutungen. Wer sich durch seine letzten Soloalben hört, das starke „Himmel & Hölle“ von 1995 zum Beispiel, kann zu dem Schluss kommen, es mit einem Unvollendeten zu tun zu haben: Da wären womöglich noch ein paar spannende Kapitel hinzugekommen, da sind so viele skizzenhafte Ideen, mit denen Reiser der damaligen Popmusik etwas Eigenständiges entgegensetzt. Immer mit den Zutaten, die sein Talent als Liedermacher kennzeichnen: Leidenschaft, Sensibilität — und natürlich auch Wut. „Macht kaputt was euch kaputt macht“, „Keine Macht für Niemand“ — mit solchen Parolen sind Ton Steine Scherben ja zur Kult–Institution geworden. Und noch ganz zuletzt hat Reiser Lieder wie „Streik“ aufgenommen, in denen der Arbeitskampf traditioneller Prägung heraufbeschworen wird: „Ich mach nicht mehr, was du mir sagst / Und ich funktioniere nicht mehr / Ich pariere nicht mehr, mir reicht‘s!“

Hinter der sozialkämpferischen Fassade brodelte und bröckelte es stets. Reisers sechs Jahre älterer Bruder Gert Möbius zeigte in seiner Biographie „Halt dich an deiner Liebe fest“ von 2016 die verletzlichen Seiten des Sängers. Seine Unsicherheiten, seine unglücklichen Liebschaften. Seine Fluchten in den Alkohol. Rio Reiser wurde am 9. Januar 1950 als Ralph Christian Möbius in Berlin geboren, und im Westteil der Stadt erlebte er ab Ende der 1960er–Jahre auch seinen künstlerischen Aufstieg in der linken Subkultur. Doch Kindheit und Jugend verliefen wechselhaft. Sein Vater, ein Verpackungsingenieur bei Siemens, musste häufig den Arbeitsort wechseln, Familie Möbius zog andauernd um. Traunreut, Nürnberg, Brühl, Fellbach–Schmiden und Rodgau waren die Stationen. 1966 begann Ralph Möbius im hessischen Rodgau, mit dem Gitarristen und Schlagzeuger Ralph Peter Steitz in einer Band zu spielen. Steitz nannte sich später R.P.S. Lanrue, Möbius wählte ein Pseudonym in Anlehnung an den Roman „Anton Reiser“ von Karl Philipp Moritz. 1967 siedelten beide auf die Insel Westberlin über und begannen dort, mit Musik– und Theaterprojekten in der linken Szene zu arbeiten. Sie versuchten unter anderem, mit dem Lehrlingstheater „Rote Steine“ nicht–akademische Jugendliche für die künstlerische Arbeit zu begeistern. Aus diesen Vernetzungen gründeten die beiden 1970 mit Bassist Kai Sichtermann und Schlagzeuger Wolfgang Seidel die Band Ton Steine Scherben. Rio Reiser hatte schon 1967 einen ersten großen Auftrag, als er die Lieder für die Beat–Oper „Robinson 2000“ im Theater des Westens komponieren durfte. Mit dürftigem Publikumszuspruch.

Die „Scherben“ aber gingen in der Westberliner Linken durch die Decke. Sie spielten auf Soli–Aktionen und bei Kundgebungen, und aus ihren Auftritten heraus wurden häufig Häuserbesetzungen im von rigiden Stadtentwicklungsplänen betroffenen, weitgehend noch unsanierten Kreuzberg vorgenommen. Ihre Alben „Warum geht es mir so dreckig?“ (1971) und „Keine Macht für Niemand“ (1972) erlangten rasch Kultstatus. In Verkaufszahlen schlug sich das aber nicht nieder.

Dann der Bruch mit der Westberliner Szene. Die Band löst sich 1973 vorübergehend auf, weil die Mitglieder es leid waren, immer nur Begleitmusik für Demos und Protestaktionen zu machen. Ein undankbarer Job, mit dem sich auch kaum Geld verdienen ließ. Wenig später fand der Großteil der Gruppe aber im nordfriesischen Fresenhagen wieder, wo man einen alten Resthof ausbaute. Dort entstand das Doppelalbum „Wenn die Nacht am tiefsten...“ (1975), auf dem Reiser und Co. ungewohnt sanfte Töne zeigten und auch Balladen veröffentlichten.

Nach sechs Jahren Bandpause waren die Scherben mit dem Doppelalbum „IV“ von 1981 musikalisch in den 80er–Jahren angekommen. Der Weg in die Verschuldung war da schon nicht mehr zu stoppen. So einflussreich die Band auch immer war — in Verkaufserfolgen machte sich das nicht bezahlt. Unter dem Management der späteren Grünen–Politikerin Claudia Roth konnte die musizierende Landkommune sich zwar schrittweise stabilisieren. Die größte Ironie in der Geschichte dieser Institution der Linken aber sollte der Schritt sein, zu dem Rio Reiser sich Mitte der 80er–Jahre genötigt sah: Der umworbene Sänger willigte schließlich ein, für das Major–Label CBS ein Soloalbum aufzunehmen. Das Album „Rio I.“ von 1986 mit Hits wie „König von Deutschland“ gilt heute als Meilenstein der deutschen Popmusik. Verrat an den Idealen oder aufopferungsvolle Rettungsaktion? Mit den Einnahmen konnte er die Bandschulden abstottern.

Im kommenden September wird der Heinrichplatz in Kreuzberg in „Rio Reiser Platz“ umbenannt. Wenige Meter entfernt, am Mariannenplatz, nahm die Erfolgsgeschichte von Ton Steine Scherben ihren Lauf. Im „Rauch–Haus–Song“ haben sie die Besetzung des Bethanien–Krankenhauses im Jahr 1971 besungen: „Das ist unser Haus / schmeißt doch endlich Schmidt und Press und Mosch aus Kreuzberg raus“, heißt es darin über damals berüchtigte Immobilieninvestoren. Mit der Platzumbenennung wird implizit auch die Hausbesetzerszene nachträglich gewürdigt. „Rio Reiser und Ton Steine Scherben haben Rockgeschichte und die Geschichte Kreuzbergs geprägt“, erklärte das Bezirksamt von Kreuzberg–Friedrichshain dazu.