Heldenhafte Jedi-Ritter? Fehlanzeige. Finstere Sith-Lords? Auch von ihnen fehlt jede Spur. Nicht die leiseste Erschütterung der Macht ist spürbar. Und trotzdem: „Star Wars“ ist zurück. Nach „The Mandalorian“, „The Book of Boba Fett“ und „Obi-Wan-Kenobi“ hat Disney mit „Andor“ der Sternenkrieg-Saga ein weiteres Stück Content abgerungen. Seit 21. September sind die ersten drei Folgen auf Disney+ streambar. Mit ihrem niedrigen Midi-Chlorianer-Wert mag die Serie Sehgewohnheiten von „Star Wars“-Fans herausfordern – einschalten lohnt sich trotzdem.

Cassian Andor ist schon aus „Rogue One“ bekannt – Vorgeschichte einer Vorgeschichte?

„Andor“ erzählt die Geschichte von Cassian Andor, gespielt von Diego Luna. Dessen Werdegang ist gesäumt von allerlei Wirren und kriminellen Eskapaden, ehe er seinen Weg in die gerade erst entstehende Rebellen-Allianz findet. Dass der titelgebende Serienheld für sie später die Baupläne des imperialen „Todessterns“ erbeuten wird, ist bereits durch „Rogue One“ bekannt. Somit handelt es sich bei „Andor“ also um ein Prequel des ersten „Star Wars“-Spin-Offs, der 2016 in die Kinos kam und wiederum die Vorgeschichte zu „Krieg der Sterne“ lieferte. Was also ist von einer Serie zu erwarten, die die Vorgeschichte einer Vorgeschichte erzählt? Dem Spin-Off eines Spin-Offs? Wie sich herausstellt, eine gründliche Charakterstudie.
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Die tut äußert gut daran, die glatt polierten Flure imperialer Sternenkreuzer (zumindest fürs erste) und imposante Jedi-Tempel zur Abwechslung zu verlassen. Nicht die mächtigen Herrscher des Galaktischen Imperiums stehen im Fokus, sondern die Beherrschten, die im imperialen Alltag vor sich hin schuften. „Wie viele Wesen existieren in dieser Galaxie?“, beschrieb Showrunner Tony Gilroy im Interview mit der „New York Times“ die Herangehensweise an die Serie. „All diese Klempner und Bauern und Anästhesisten, sie alle haben Leben. Ist es ein echter Ort oder ist es etwas Künstliches? Wenn es ein echter Ort ist, dann können wir echte Sachen machen.“

Frankfurt (Oder)

Als Dieb kämpft sich Andor durchs imperiale Prekariat

Den beschwerlichen Alltag im imperialen Prekariat kennt Cassian Andor nur zu gut. Mehr schlecht als recht verdingt er sich als Hehler von Elektroschrott. Er hat Schulden bei Freund und Feind gleichermaßen. Ziellos irrt er durchs Leben. Das heißt nicht ganz. Die Suche nach seiner verschollenen Schwester hat er noch nicht aufgegeben. Der Weg der beiden trennte sich als Andor, den Flashbacks als Spross einer indigenen Gemeinschaft zeigen, von der Widerstandskämpferin und späteren Mutterfigur Maarva (Fiona Shaw) verschleppt bzw. gerettet wird. Denn von seinem rohstoffreichen Heimatplaneten Kenari scheint nichts mehr übrig. Zu gierig wurde sich in den imperialen Minen offenbar durch die Landschaft gefressen.
Auf der Flucht vor imperialen Schergen: Luthen Rael (Stellan Skarsgard) und Cassian Andor (Diego Luna)
Auf der Flucht vor imperialen Schergen: Luthen Rael (Stellan Skarsgard) und Cassian Andor (Diego Luna)
© Foto: Des Willie/Lucasfilm Ltd.
Doch eine Spur, die ihn nach Morlana One, einer Art Industrieplaneten, führt, endet im Chaos. Andor gerät ins Visier der dortigen Sicherheitskräfte, die im Dienst des Imperiums die Betriebsamkeit an den gigantischen Industriestandorten gewährleisten sollen. Um seinen Verfolgern zu entkommen, schließt er sich Luthen Rael (Stellan Skarsgård) an. Der Käufer von Andors Hehlerware entpuppt sich als Sympathisant der sich regenden revolutionären Bestrebungen. In dem talentierten, aber herumirrenden Langfinger erkennt er einen geeigneten Rekruten im Kampf gegen das Imperium.

Die neue „Star Wars“-Serie zeigt schmutzige, fragwürdige und allzu menschliche Anti-Helden

Das epische Ringen der hellen und dunklen Seite der Macht, wie es in der drei Trilogien umfassenden Hauptsaga dargestellt wird und bereits mehrere Generationen der Familien Skywalker und Palpatine vereinnahmt, es fehlt in „Andor“. Vermisst wird es aber nicht. Wie schon in „Rogue One“, wo er als Drehbuchautor fungierte, zeigt Tony Gilroy keine märchenhafte Dichotomie von Gut und Böse. Er präsentiert schmutzige, fragwürdige und allzu menschliche Anti-Helden. Nicht der finstere Imperator selbst interessiert, sondern die Auswirkungen seiner Schreckensherrschaft auf die Unterjochten. Die Flashbacks zurück in Cassian Andors indigene Kindheit, sie dürften nicht umsonst Bilder vom rücksichtslosen Abbau in den Regenwäldern des Amazonasgebiets und den selbstherrlichen Kolonialismus vergangener Jahrhunderte evozieren.
Nimmt sich Zeit beim Erzählen einer Geschichte: "Andor"-Showrunner Tony Gilroy
Nimmt sich Zeit beim Erzählen einer Geschichte: „Andor“-Showrunner Tony Gilroy
© Foto: Jesse Grant/Getty Images for Disney
In dem unter Disney immer weiterwachsenden und sonst eher Pathos schwangeren „Star Wars“-Universum ist das eine willkommene Abwechslung. Das gilt auch für den gründlichen Charakteraufbau der Hauptfigur, der, wie schon bestätigt wurde, über zwei Staffeln erzählt werden soll. Das Tempo, gerade der ersten beiden Folgen, mag zwar etwas träge daherkommen. Dennoch lohnt die Zeit, die sich „Andor“ beim Erzählen lässt. Die Motivation hinter Cassian Andors späterem Engagement in der Rebellen-Allianz, sie mag dem Helden selbst noch nicht klar sein – er muss das Imperium als Fluchtpunkt seiner Frustration erst noch ausmachen – doch für die Zuschauenden wird sie wunderbar greifbar. Man merkt: „Andor“ erzählt eine Geschichte, keine Saga. Manchmal ist das mehr als genug.

„Andor“ auf Disney+

Die erste Staffel von „Andor“ ist seit dem 21. September 2022 auf der Streaming-Plattform Disney+ zu sehen. Neue Folgen erscheinen dort immer mittwochs. Die erste Staffel wird insgesamt 12 Episoden umfassen.