Eines muss man James Cameron lassen: Scheu vor Sequels hat er keine. Schon der erste Spielfilm des Regisseurs – ein Horrorstreifen namens „Piranha 2 – Fliegende Killer“ – fiel in die Kategorie. Und mit „Terminator 2 – Tag der Abrechnung“ verhalf er der Gattung Fortsetzungsfilm gar zu ungeahntem Glanz. Doch selbst ein Zeit reisender T-800 verblasst angesichts Camerons aktuellem Sequel „Avatar 2: The Way of Water“.
Der Film, der am Mittwoch in deutschen Kinos anläuft, ist so etwas wie die Mutter aller Fortsetzungen. Wie sonst nennt man ein Vorhaben, das an den Erfolg eines Filmes mit rund drei Milliarden US-Dollar Einspielergebnis anknüpfen will? Nun, irrwitzig vielleicht. Schließlich kam der erste Teil bereits 2009 in die Kinos. Nur zur Einordnung: Barack Obama war damals frisch als US-Präsident vereidigt, und Deutschland trieb die Kundus-Affäre um. Doch das Verrückteste? Nicht nur gelingt die Rückkehr nach Pandora. Sie fühlt sich sogar besser an als der erste Besuch vor 13 Jahren.

Luftige Date Night statt Jagd auf Helikopter

Auf Pandora herrscht wieder Frieden. Die Menschen, die für wertvolle Rohstoffe rücksichtslosen Raubbau an der artenreichen Biosphäre des Mondes betrieben, sind abgezogen. Und die siegreichen Na’vi haben die verkohlten Überreste ihres Wohnbaumes für die schwebenden Hallelujah-Berge hinter sich gelassen. Auch die Ikrans von Jake Sully (Sam Worthington) und Neytiri (Zoe Saldaña) dienen nun nicht mehr der Jagd auf Helikopter, sondern luftigen Date Nights. Selbst Pfeil und Bogen zückt das Paar nur noch zu Übungszwecken. Schließlich soll sich auch der Nachwuchs irgendwann selbst versorgen können.
Fühlt das "neuronale Netzwerk" Eywas stärker als andere: Kiri (Sigourney Weaver)
Fühlt das „neuronale Netzwerk“ Eywas stärker als andere: Kiri (Sigourney Weaver)
© Foto: 20th Century Studios
Zur Familie des einstigen Marines, der seinen menschlichen Körper verlassen und sich mit seinem Avatar vereint hat, gehören neben zwei Söhnen und einer Tochter auch die junge Kiri (Sigourney Weaver). Sie stammt auf mysteriöse Weise vom schlummernden Avatar der gestorbenen Wissenschaftlerin Grace Augustine (ebenfalls Weaver) ab und weist eine besondere Verbundenheit zum alles umschließenden „neuronalen Netzwerk“ Eywas auf. Voll macht das Pack das Menschenkind Spider. Statt Zeit mit den wenigen noch auf Pandora lebenden Mitgliedern seiner Spezies zu verbringen, schwingt er lieber mit der blauen Sully-Meute durch die Baumkrone.

Die Himmelsmenschen kehren zurück – und sorgen schon beim Landen für ökologische Desaster

Doch das Glück ist flüchtig. Mit der vollends heruntergewirtschafteten Erde im Rücken kehren die Himmelsmenschen in riesigen Raumschiffen zurück – und sorgen schon mit ihren Landungsmanövern für ökologische Desaster. Ebenfalls an Bord ist ein alter Bekannter: Colonel Miles Quaritch (Stephen Lang). Ja, richtig gelesen: jenes Mensch gewordene Sturmgewehr mit Buzzcut, das als Endgegner im ersten Film das Zeitliche segnete. Möglich macht die Wiederauferstehung ein futuristischer USB-Stick, der Erinnerungen speichert, die auf einen Avatar übertragen wurden.
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Wie sein menschliches Alter Ego ist auch der blaue Drei-Meter-Quaritch davon besessen, das größte Hindernis für eine Kolonialisierung Pandoras aus dem Weg zu räumen: Jake Sully. Doch der denkt gar nicht daran, sich dem Erzfeind entgegenzustellen. Um seinen Stamm zu schützen, hängt er die Krone der Omaticaya an den Nagel und sucht mit seiner Familie Zuflucht bei den Metkayina. Der Küstenclan der Na’vi lebt fernab der Regenwälder Pandoras im Einklang mit dem Meer.

Auch unter Wasser hält Pandora biolumineszierende Flora und Fauna bereit

Durch ihre türkisfarbenen Artgenossen lernen die Sullys die atemberaubende Unterwasserwelt des Mondes kennen. Auch dort wimmelt es nur so von biolumineszierender Flora und Fauna. Allein, das Verstecken hilft nichts. Denn auch die Menschen tummeln sich auf hoher See, wo sie einer Art Hyper-Lebertran nachjagen, der auf brutalste Weise aus riesigen Meeressäugern gewonnen wird und den menschlichen Alterungsprozess stoppen soll. Und wo Captain Ahab ist, ist Colonel Miles Quaritch nicht weit. So kommt es doch zum Showdown – Na’vi gegen Menschen. Sully gegen Quaritch.
Auch der zweite Teil der "Avatar"-Reihe hält wieder viele fantastische Wesen bereit, wie dieses tief fliegende Seeungeheuer.
Auch der zweite Teil der „Avatar“-Reihe hält wieder viele fantastische Wesen bereit, wie dieses tief fliegende Seeungeheuer.
© Foto: 20th Century Studios
Klingt vertraut? Ist es auch. Die Rahmenhandlung von „Avatar 2“ erinnert stark an den Vorgänger. Umso bedauerlicher, dass dieser mit einer der generischsten Storys der Filmgeschichte aufwartete. Immerhin kommt der Nachfolger moderner daher. Er leidet etwa weniger am White Savior Complex, einem filmischen Stereotyp, bei dem es einen weißen Retter braucht, um People of Color aus einer Notlage zu befreien. Auch verzeihen spannende, neue Charaktere wie Kiri die flachen Entwicklungsbögen bereits bekannter Figuren. Und auch das Thema Umwelt spielt erneut eine prominente Rolle – allein der gesellschaftlichen Entwicklung seit 2009 wegen wirkt der Film hier, wenn schon nicht relevant, so doch wenigstens zeitgemäß.

Story: nah + Bilder: woah = gutes Kino?

Avatar stand in erster Linie ohnehin stets für ein visuelles Erlebnis. Zu einer Zeit, in der modernes Kino-3D noch in den Kinderschuhen steckte, lotete Cameron die Grenzen der damaligen Technik aus. Sein Effekt-Feuerwerk geriet dabei so spektakulär, dass es viele zu mehrfachen Kinobesuche animierte – egal, ob man sich an die Namen der Figuren erinnern konnte oder nicht.
Die Formel „Story: nah“ plus „Bilder: woah“ gleich gutes Kino stellt Cameron auch beim zweiten Teil seines Franchises unter Beweis (so darf man eine Reihe, die am Ende fünf Filme umfassen soll, wohl getrost nennen). Gut 1400 Effekt-Künstler beschäftige der Regisseur dafür.

Per immersiven Strudel in die Untiefen des lunaren Ozeans

Ihre Arbeit hat sich gelohnt. Jeder Tropfen, der über eine blaue Stirn rinnt, jede Welle, jede Gischt an den felsigen Küsten Pandoras, ja, selbst die kleinsten Blasen, das leiseste Blubbern – sie alle sind atemberaubend realistisch animiert. Von seidenartig treibende Quallen oder Buckelwal großen Giganten ganz zu schweigen. Mehr als nur an einer Stelle zieht einen der immersive Strudel so in die Tiefen des lunaren Ozeans.
Mit „Avatar 2: The Way of Water“ legt James Cameron also erneut ein Sequel vor, das seinen Vorgänger übertrifft. Doch wie schon 2009 funktioniert die Lebenswelt von Pandora besonders gut auf möglichst großer Leinwand. Wer also die Möglichkeit hat, den Film in einem IMAX-Kino mit aktueller 3D-Technik zu sehen, sollte dies nutzen. Dort entfaltet der farbenprächtige Mond erst richtig seine Strahlkraft – und bereitet dem Publikum ein Kinoerlebnis, das diese Bezeichnung tatsächlich verdient. In Zeiten des heimischen Streamings ist das nicht gerade wenig. Um ehrlich zu sein, grenzt es schon fast an ein blaues Wunder.

„Avatar 2: The Way of Water“,
192 Min., FSK ab 12, ab 14. Dezember