Aequinox in Neuruppin
: Barockmusik der besonderen Art - so war das Festival für Alte Musik 2024

Verwirrung der Gefühle bei „Alcina“, Bach und Led Zeppelin in Spätkonzerten, ein Friedenskonzert und ein Kunstpfeifer – die lautten compagney zeigt bei Aequinox in Neuruppin wieder, was sie kann.
Von
Christina Tilmann
Neuruppin
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Zerrissen: Aurora Pena als Alcina beim Eröffnungskonzert von Aequinox 2024 in der Kulturkirche Neuruppin. Das Festival zur Tag- und Nachtgleiche in Neuruppin feiert 2024 15. Jubiläum.

Marcus Lieberenz/bildbuehne.de

„Wenn Sie jetzt noch durchblicken: Herzlichen Glückwunsch“, ruft Ensembleleiter Wolfgang Katschner nach dem Versuch, die verwirrende Handlung von Händels Barockoper „Alcina“ zusammenzufassen. Wer da mit dem alles verlobt, verliebt, verbandelt, verhext, betrogen oder verwandt ist, ist in der Tat schwer durchschaubar – zumal selbst Katschner bei seinen charmanten Zwischenmoderationen regelmäßig Protagonisten verwechselt. Der Stoff beruht auf Ariosts „Orlando furioso“ – laut Katschner so etwas wie „Der Herr der Ringe“ des Barock.

Doch das Eröffnungskonzert des Festivals Aequinox in der Kulturkirche in Neuruppin ist gleichwohl ein Fest – ein Fest der Stimmen, der Musik und der Emotionen. Denn was Georg Friedrich Händel in einer der schönsten Barockopern abfeuert, ist ein wahres Feuerwerk der Gefühle – und das sechsköpfige Sängerensemble lässt die Chancen in der konzertanten Aufführung nicht nehmen und tritt in den Wettstreit von Liebe, Verrat und Zauberkraft.

Aequinox 2024: Verwirrung der Gefühle und Fest der Stimmen

So lässt die Altistin Julia Böhme als von ihrem Verlobten verratene Bradamante in ihrer Wutarie mit bebenden Lippen die Koloraturen wie mit Schüttelfrost tanzen, der Spanier Jorge Navarro Colorado bricht als ebenfalls verratener Oronte in irres Lachen aus, Inga Schäfer taktiert in der Hosenrolle als verzauberter Ruggiero wunderbar zwischen den zwei ihn liebenden Frauen und Aurora Pena ist in der Titelrolle der Zauberin Alcina eine große, zerrissene, verzweifelte Liebende.

Star des Abends: Johanna Kaldewei als unglücklich verliebte Morgana in "Alcina" beim Eröffnungskonzert von Aequinox

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Doch der heimliche Star des Abends ist Johanna Kaldewei als Alcinas Schwester Morgana, die die schönsten Arien der innigen Liebe hat und von Solovioline oder Solocello innig begleitet wird. Wie überhaupt die Musik, zwischen Hysterie und Bitterkeit, Verzweiflung und Ekstase, Zorn und Verwirrung changiert, mit Echoeffekten und Zauberwirbeln. Da braucht es kein Bühnenbild, sondern nur die Gefühle zart markierendes Ensemble, das allein durch Mimik und Körperhandlung das ganze Drama dieses Verwirrspiels sichtbar macht.

Für die lautten compagney, die mit diesem Konzert ihr 15-jähriges Jubiläum mit den Musiktagen zur Tag- und Nachtgleiche Aequinox in Neuruppin und ihr 40. Jubiläum als renommiertes Ensemble für Alte Musik einläutet, ist das ein Heimspiel. Die exzellenten Musikerinnen und Musiker, jede und jeder eigentlich ein Solist, beherrschen das Spiel zwischen Vorer- und Hintergrund, Melodik und Dynamik so meisterhaft, dass Dirigent Wolfgang Katschner sich zwischenzeitlich getrost einmal zur Seite setzen kann, um einfach nur zuzuhören. Am Ende nicht enden wollender Jubel in der vollbesetzten Kirche, bevor ein Teil des Publikums zum Nachtkonzert in die Siechenhauskapelle weitereilt.

Nachtkonzerte in der Siechenhauskapelle Neuruppin

Dort hatten schon am Vortag Margret Köll auf der Barockharfe und Luca Pianca an der Laute beim Vorkonzert „Armonia delle Sfere“ vorgeführt, dass Bach, John Dowland und Led Zeppelin bestens zusammengeht, indem sie ihre beiden Instrumente zart ineinanderklingen ließen, kunstvoll verwoben wie die farbigen Ziegelrippen im Gewölbe des frisch restaurierten gotischen Kirchenkleinod der Fontanestadt.

Margret Köll (Barockharfe) und Luca Pianca (Laute) beim Vorkonzert zu Aequinox 2024 in der Siechenhauskapelle Neuruppin

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Beim Nachtkonzert am Freitag Abend ist es dann das junge Ensemble tiefsaits aus Berlin, das mit Viola da Gamba, Barockcello und Blockflöte Bachs Goldberg-Variationen zur Nachtmediation macht, indem es den Cembalosatz ebenso auf drei Instrumente verteilt wie eine von Bachs Solocellosuiten. Bach als minimal music und Jimmy Page auf Barock gedreht - beides entspricht bestens dem Crossover-Gedanken, den die lautten compagney mit ihrem Festival Aequinox seit 15 Jahren zelebriert.

Anna Reisener, Alma Stolte und Mirjam-Luise Münzel (Blockflöte) beim Late-Night-Konzert "Gold" in der Siechenhauskapelle

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Galakonzert mit Kunstpfeifer und Beatles

Das zeigt sich auch beim Galakonzert zum Jubiläum in der Kulturkirche: Das Programm ist ein Rückblick auf Highlights der vergangenen Jahre, mit Erinnerungen an das Telemann-Jahr 2017 in Gestalt der Wassermusik „Hamburger Ebb‘ und Flut“, an die Lesung mit Eva Mattes 2023 in der Schinkelkirche Wuthenow mit Jean-Féry Rebels „Les Elements“ von 1737, aber auch die Purcell/Beatles-Kombinationen und das Opening aus „Glassworks“ von Philip Glass.

Musik am runden Tisch: Konzert mit Werken aus der Zeit des Westfälischen Friedens in der Dorfkirche Vichel

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Die Ensemblemitglieder der lautten compagney, die schon am Nachmittag ein „Konzert am Runden Tisch“ mit Musik aus der Zeit des Westfälischen Friedens in der Dorfkirche in Vichel absolviert hatten, sind bestens aufgelegt, und als Gast haben sie einen besonderen Star geladen: den Österreicher Nikolaus Habjan, der mit seiner Klappmaulpuppe Oskar Werners legendäre Lesung von Rainer Maria Rilks „Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ zu neuem Leben erweckt - und als Kunstpfeifer Arien aus Händels Opern „Alcina“, „Rinaldo“ und „Giulio Cesare“ ebenso virtuos zum Besten gibt wie die Arie der Königin der Nacht aus der „Zauberflöte“ und „Yesterday“ von den Beatles.

Multitalent: Kunstpfeifer Nikolaus Habjan beim Galakonzert zum 15. Jubiläum von Aequinox in der Kulturkirche Neuruppin

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Das ist, in seiner Mischung aus Exzellenz und Schrägheit, ein charakteristisches lautten compagney-Projekt und bei aller Ernsthaftigkeit des Musizierens ein großer Spaß für alle Beteiligten. Ein treues Stammpublikum weiß es ihnen zu danken, während das Festival mit einem Wandelkonzert durch Neuruppin am Sonntag Mittag ausklingt. Es waren, bei ausverkauften Sälen, vier tolle Tage in Neuruppin. Und das Schöne: Da das Festival pandemiebedingt 2020 ausfallen musste, kann man im kommenden Jahr mit der 15. Festivalaugabe gleich noch einmal Jubiläum feiern. 2025 findet das Festival vom 21. bis 23. März statt.