Aequinox 2025
: Was Meredith Monk mit dem Mittelalter verbindet

Zeitreise durch neun Jahrhunderte: Das Festival für Alte Musik untersucht Hildegard von Bingen auf ihre Aktualität - mit überraschenden Ergebnissen.
Von
Christina Tilmann
Neuruppin
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Auftakt mit Hildegard von Bingen: Das Aequinox Festival in Neuruppin beginnt in der Siechenhauskapelle mit einer Zeitreise

Auftakt mit Hildegard von Bingen: Das Aequinox Festival in Neuruppin beginnt in der Siechenhauskapelle mit einer Zeitreise

Eckhard Handke
  • Aequinox Festival 2025 startet in Neuruppin mit Hildegard von Bingen.
  • Lautten compagney kombiniert mittelalterliche Musik mit Philip Glass und Meredith Monk.
  • Schauspielerin Neda Rahmanian liest Texte von Hildegard von Bingen.
  • Weitere Veranstaltungen bis 23. März, meisten ausverkauft.
  • Infos unter www.musiktage-aequinox.de.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Es ist ein Hauch von „Der Name der Rose“, den Wolfgang Katschner, der Leiter der lautten compagney, heraufbeschwört: die mittelalterlichen Klöster mit ihren Skriptorien, in denen in mühevoller Arbeit Literatur per Hand vervielfältigt wurde, Kultur und Bildung entstand. Kein Strom, kein Buchdruck, eine völlig andere gesellschaftliche Struktur ... Wer Umberto Ecos Bestseller oder die Verfilmung von Jean-Jacques Annaud kennt, hat sofort ein Bild vor Augen.

Mit dem Auftaktkonzert zum 15. Aequinoxfestival in Neuruppin am Tag des Frühlingsanfangs (20.3.) wagt sich die lautten compagney, die das kleine, feine Festival für Alte (und nicht ganz so alte) Musik seit 2010 ausrichtet, so weit zurück wie noch nie: ins 12. Jahrhundert, auf den Spuren von Hildegard von Bingen, der großen Mystikerin, Botanikerin, Äbtissin, Ärztin, Komponistin und Autorin - hundert Personen in einer, wie Katschner betont.

Hildegard von Bingen trifft auf Philip Glass und Meredith Monk

Doch die lautten compagney wäre nicht die lautten compagney, wenn sie Hildegard von Bingen mit ihren Kompositionen nicht beherzt in eine Zeitkapsel packen würde und zumindest ins 20. Jahrhundert verfrachten - mit Musik von Philip Glass und Meredith Monk, die Katschner als "Wiedergeburt von Hildegard von Bingen" preist. Die Saxofonistin Asya Fateyeva, der Percussionist Peter A. Bauer und Wolfgang Katschner an der Laute meistern den Crossover virtuos, halten ihre Instrumente im Dialog und reisen unbekümmert durch die Zeit.

So löst sich der einstimmige Choralgesang des Mittelalters in ein Zwiegespräch zwischen Saxophon, Laute und Percussion auf, und geht nahtlos in Philip Glass' Minimal Music oder oder in die Musik zu Meredith Monks Kurzfilm „Ellis Island“ über. Wie passend, dass diese sehnsüchtige Hommage an die Insel, die für so viele Immigranten der erste Ankunftsort in den USA wurde, überlagert ist mit einem wütenden Brief, den Hildegard von Bingen an Friedrich Barbarossa schrieb und in dem sie die Hybris der Mächtigen geißelt - wer denkt da nicht an Mächtige von heute, die den Immigranten in den USA das Leben gerade so schwer machen?

Schauspielerin Neda Rahmanian liest die Texte von Hildegard von Bingen beim Auftaktkonzert von Aequinox 2025.

Schauspielerin Neda Rahmanian liest die Texte von Hildegard von Bingen beim Auftaktkonzert von Aequinox 2025.

Eckhard Handke

Die Texte, die der Dramaturg Christian Filips zusammengestellt hat, liest die Schauspielerin Neda Rahmanian, die man als Kommissarin aus dem „Kroatien-Krimi“ kennt. Und diese Texte haben es in sich: da ist viel Lebenspraktisches dabei, Rezepte, wie man Krankheiten wie Liebeskummer kurieren kann, warum Biertrinken gut für die Gesundheit sei oder was man aus Haut und Leber eines Einhorns alles gewinnen kann, aber auch Rätselhaftes wie eine eigenen Sprache, die die Mystikerin in einer Vision empfing - die drei Musiker deklamieren hingebungsvoll die kryptischen Worte.

Hildegard schreibt bildhaft, von Wäldern und Wiesen, von Schafen und Wölfen, verfasst hinreißende Charakterisierungen von verschiedenen Tieren, aber sie hadert und zweifelt auch, lässt den Glauben  nach Beweisen rufen und Gott sein geheimnisvolles Weltenei menschlicher Neugier verschlossen halten. Das hätte in seiner Mischung aus Fantasy und Philosophie leicht ein etwas anspruchsvoller, ja schwieriger Abend werden können, wenn die drei Musiker an ihren Instrumenten nicht einen unwiderstehlichen Sog und meditative Intensität entfaltet hätten.

So verfliegen die neun Jahrhunderte in neunzig Minuten wie im Flug, und nur Neda Rahmanian hat auf der Zeitreise offenbar eine Stunde zu viel zurückgelegt, als sie mit Blick auf die Uhr 21.50 Uhr als Endpunkt des Abends angibt. Sei's drum - es stehen noch drei lange, musikvolle Tage und Abende bevor, sodass die musikalischen Zeitreisenden beschwingt die irdische Heimreise antreten.

Das Festival Aequinox findet bis 23. März in Neuruppin statt. Fast alle Veranstaltungen sind ausverkauft. Karten gibt es ggf. noch an der Abendkasse. Infos: www.musiktage-aequinox.de