Aktion in Seelow und Frankfurt (Oder): Wie Schweigen zu neuen Begegnungen führt

Zwei Stühle, ein Teppich, zwei Menschen, die sich gegenüber sitzen – das ist schon die ganze Aktion von „The Citizen is Present“. Warum das Projekt trotzdem viel bewirken kann.
Frank SchererDas Arrangement ist denkbar einfach: ein roter Teppich und zwei Klappstühle, irgendwo auf einem belebtem Platz im Stadtzentrum. Dort sind Menschen eingeladen, sich niederzulassen, Auge in Auge, schweigend, schauend. So lange sie wollen. So lange sie brauchen. So lange sie es aushalten.
Die Idee ist von der Performance-Künstlerin Marina Abramovic übernommen. Für ihr Projekt „The Artist is Present“ nahm diese 2010 im Museum for Modern Art Platz, insgesamt 736 Stunden. 1675 Menschen ließen sich ihr gegenüber nieder. Am Ende entstand ein derartiger Hype, dass gar nicht mehr alle Gäste ins Museum eingelassen werden konnten. Für die Künstlerin war es eine enorme Kraftanstrengung, für die Besucher eine einmalige Erfahrung. Der Film „Marina Abramovic – The Artist is Present“ dokumentiert das Projekt sehr eindrucksvoll.
„The Citizen is Present“ nach vielen Stationen jetzt Brandenburg
Der Therapeut Axel Perinchery aus Freiburg im Breisgau übernahm 2018 die Idee und demokratisierte sie sozusagen. Er brachte die Konfrontation auf die Straßen in Deutschland, nach München, nach Freiburg, nach Leipzig, Hamburg und Kiel. Immer nur für ein oder zwei Tage, denkbar niederschwellig. Das Team fährt mit einem Transporter vor, baut auf, und los geht es. Die Regeln sind schlicht: Platz nehmen, schweigen, sich auf den anderen einlassen, den Kontakt zulassen. „Wenn sie so weit ist, kehrt die Person in ihren turbulenten Alltag zurück und jemand anderes nimmt Platz“, heißt es in der Ankündigung.
Dass das Ganze in der Öffentlichkeit stattfindet und nicht in einem geschützten Privatraum oder einem Museum, sei ihm wichtig, erzählt Perinchery in einer kurzen YouTube-Dokumentation. Es gehe darum, den öffentlichen Raum zurückzugewinnen, der so oft durch kommerzielle Nutzungen belegt ist. Und es geht darum, in all dem Trubel, der unseren Alltag bestimmt, einen Moment und einen Ort der Ruhe und der Begegnung zu schaffen. „Wir gehen wohl durch den öffentlichen Raum, aber wir sind darin nicht anwesend, nicht präsent. Wir sind ständig mit etwas anderem beschäftigt“, so Perinchery. „Darum passieren dort auch Dinge, die passieren, weil wir nicht richtig hinsehen.“
Die Reaktionen waren bislang durchweg positiv. Man fühle ein Gefühl von Verbundenheit mit Fremden, mit denen man nichts zu tun hat, sagt ein junger Teilnehmer in Freiburg. „Es ist wie eine Art Meditation, man wird plötzlich still, während man einem Menschen in die Augen schaut.“ Marina Abramovic, die Adaptionen ihrer Kunst-Performance ausdrücklich erlaubt hat, kennt das Projekt.
„The Citizen is Present“: Idee entstand nach Europawahl
Die Idee, „The Citizen is Present“ nun auch nach Brandenburg zu bringen, entstand am Tag nach der Europawahl 2024. Monia Ben Larbi aus Alt-Mahlisch, die an dem Tag zum ersten Mal Wahlhelferin gewesen war, war konsterniert von der Karte der Wahlergebnisse mit ihren in Schwarz und Blau markierten Spaltung zwischen Ost und West. Und sie sprach mit ihrer Bekannten Clara Perinchery aus Freiburg, der es genauso ging. Im Gespräch entstand der Wunsch, etwas gemeinsam zu tun, diese Trennung wenigstens in ihnen selbst nicht zuzulassen, erzählt Ben Larbi am Telefon.
Sie hätten beide Sehnsucht gehabt nach einer Begegnung zwischen Menschen, die tiefer geht als die Frage, wo wir unser Kreuz bei den Wahlen machen. Und sie entschieden, das Projekt „The Citizen is Present“ nach Brandenburg zu holen, nach Seelow und nach Frankfurt (Oder). Als Angebot für eine kleine Pause von all dem, was uns scheinbar trennt, zwischen Ost und West. Kostenlos. Aber hoffentlich nicht wirkungslos.
„The Citizen is Present“ findet am 20. August von 9 bis 14 Uhr auf dem Marktplatz in Seelow und am 21. August von 10 bis 17 Uhr auf dem Platz der Republik in Frankfurt (Oder) statt. Weitere Aktionen sind in Leipzig, München und Landau geplant.

