Bitte so kurz wie möglich“, sagt im Vorfeld seine Frau Gabriele, die seine Termine managt; er habe doch schon alles gesagt. Tatsächlich: Armin Mueller-Stahl hat in jüngster Zeit einige große Interviews gegeben, Ende Mai zum Beispiel im Magazin der „Süddeutschen Zeitung“. Als man ihn dann eine Woche später persönlich am Telefon hat, ist der 91-Jährige ein freundlicher und zugewandter Gesprächspartner.

Herr Mueller-Stahl, in Neuhardenberg zeigen Sie Ihre „Jüdischen Freunde“, eine Serie mit 100 gemalten Porträts. Wer zählt denn alles zu Ihrem Freundeskreis?

Es sind Weggefährten, Lebensbegleiter; angefangen habe ich mit lebendigen Freunden meines Lebens wie Fritz Wisten, ein großer Weichensteller, dem ich in Sachen Schauspiel alles, wirklich alles verdanke. Eigentlich wollte ich ja immer zurück zur Musik, aber er hat mich einfach nicht von der Leine gelassen. Oder der Journalist und Filmemacher Georg Stefan Troller, der begnadete Fragen-Finder. Oder Stefan Heym, ein sehr guter Freund und fast Nachbar. Dann kamen Persönlichkeiten wie Jesus, Karl Marx oder Felix Mendelssohn Bartholdy hinzu, die ich nicht kennen kann, die mich aber ebenfalls durchs Leben begleitet haben.

Wie kamen Sie auf die Idee für ein solches (Groß-)Projekt?

Anlass war der Rechtsruck und zunehmende Antisemitismus in den europäischen Ländern. Mir erscheint das furchtbar. Ich habe das Dritte Reich ja noch erlebt – ein jüdischer Schulfreund von mir verschwand … ich wollte vor diesem Hintergrund jüdische Menschen ins Bewusstsein holen, die mir wichtig sind.

Und ist die Liste mit den 100 beendet?

Nein, ich habe gerade für die Ausstellung in Neuhardenberg ein neues Porträt gemalt, vom Geiger David Oistrach.
Der sei ein großartiger Musiker gewesen, sagt Mueller-Stahl. Aber er habe sich auch bewusst „für einen Russen“ entschieden, um ein Zeichen zu setzen. Er halte gar nichts davon, wegen des Krieges gegen die Ukraine russische Künstler zu boykottieren, etwa den von ihm verehrten Dmitri Schostakowitsch.

Herr Mueller-Stahl, in einem Interview haben Sie gesagt, Sie hätten ihr „ganzes Leben eingeteilt in Kapitel.“ Welches Kapitel ist im Moment dran?

Die Malerei. Ein wenig auch noch das Schreiben.

Sie haben auch gesagt, Sie wollen sich auf keiner Leinwand mehr sehen; gibt es wirklich keine Rolle mehr, die sie noch reizt?

Nein, das ist erledigt. Ich bekomme immer noch schöne Angebote, aber genug ist genug.

Lassen Sie uns noch mal zurück zu Ihren Porträts gehen – wie finden Sie für jeden der Freunde das Charakteristische?

Mal ist es das Gesicht, das das ganze Leben erzählt. Oder das Schicksal, etwa bei Walther Rathenau oder Walter Benjamin.

Sie haben mal gesagt, die Kunst sei leider zu schwach, um wirklich etwas zu bewegen. Glauben Sie das immer noch?

In der Ehe von Politik und Kunst ist Kunst immer der schwächere Partner. Und wir sehen ja gerade, dass die Autokraten wie die Pilze aus dem Boden schießen. Aber ich denke doch, dass die Kunst besser überlebt als die Politik.

Nach allem, was Sie erlebt haben – mit wie viel Hoffnung oder Verzweiflung blicken Sie derzeit auf die Welt?

Hoffnung wäre ein zu starkes Wort. Ich wäre froh, noch zu erleben, dass die Autokraten verschwinden und unsere Enkelkinder ein ruhiges Leben haben.

Gibt es noch Dinge, die Sie überraschen?

Die Natur! Die Farben, die Vielfalt.
Ob er persönlich nach Neuhardenberg zur Ausstellungseröffnung kommt, weiß er noch nicht. „Das hängt davon ab, wie es mir geht“, sagt er und wünscht zum Abschied: „Alles Gute für Sie!“.

Ein bewegtes Leben

Armin Mueller-Stahl (1930) ist Schauspieler, Musiker, Maler und Schriftsteller. Er feierte als Filmschauspieler große Erfolge in beiden deutschen Staaten und in Hollywood. Für seine Rolle in „Shine – Der Weg ins Licht“ wurde er 1997 für den Oscar als bester Nebendarsteller nominiert. Weitere wichtige Filme: „Das unsichtbare Visier“, „Lola“, „Night on Earth“, „Die Manns“, „Music Box – Die ganze Wahrheit“, „Avalon“. Geboren ist er in Tilsit (Ostpreußen), als Kind lebte er eine Zeitlang in Prenzlau (Uckermark), 1980 verließ er die DDR. 

Ausstellung und Buch

Ausstellung „Armin Mueller-Stahl: Gegen das Vergessen“, 25.6. bis 14.8., Schloss Neuhardenberg, Orangerie
Katalog „Jüdische Freunde. Schicksale, Weggefährten, Porträts“, 160 Seiten, 99 Abbildungen, 38 Euro, Hatje Cantz Verlag