Artur Lanz: Roman von Monika Maron über Political Correctness
„Wenn über eine Million Männer einer bestimmten Alterskohorte ins Land kommen, die zum großen Teil schlecht oder gar nicht ausgebildet sind, ein sehr abweichendes Frauenbild haben, die aus dysfunktionalen Staaten kommen, in denen Regierungen, Verwaltungen und die Polizei korrupt sind“, so Monika Maron kürzlich in der Berliner Zeitung, seien „die Probleme unausweichlich.“
Glaubt Monika Maron, der „Nationalpreis“ mache sie zur Gralshüterin der deutsche Sache? Stopp! Polemisieren bringt hier nicht weiter. Man muss weiter ausholen. Die Sache ist diffiziler. Nach ersten Äußerungen in der Presse, vor allem aber nach ihrem Roman „Munin oder Chaos im Kopf“ (2018), schoben viele die Schriftstellerin in die „neurechte“ Ecke. Das wurmte sie. „Ich bin weder links noch rechts. Ich bin freiheitssüchtig“, erklärte sie und betonte, als ehemalige DDR–Bürgerin, die „Ausgrenzung und Beschränkung der Meinungsfreiheit einmal erlebt“ habe, reagiere sie seismografisch, wenn sie das Gefühl habe, „es sei wieder so weit“.
In ihrem neuen Roman „Artur Lanz“ schreibt sie genau darüber. Es ist ein gutes Buch. Monika Marons bestes seit „Ach Glück!“ (2007). Zudem hochaktuell. Differenziert und geistreich schreibt sie über Political Correctness, die mitunter seltsame Blüten treibt, so dass manches zwar gedacht, aber nicht mehr ausgesprochen werden darf. Sie reflektiert im Roman über das neue Männerbild im „postheroischen Zeitalter“, die Rolle der Frau, ostdeutsches Selbstverständnis und die ideologische Moralkeule, die alle Andersdenkenden ausgrenzt. Ein fantastischer Stoff und Maron setzt ihn sprachlich wie stilistisch exzellent um. An der entscheidenden Stelle aber zieht sie den falschen Schluss und alles droht ihr auf die Füße zu fallen.
Auf der Suche nach einer geeigneten Vorlage für eine Erzählung stößt die Schriftstellerin Charlotte Winter, die etwa derselbe Jahrgang wie die 1941 in Berlin geborene Monika Maron sein dürfte, auf den 50–jährigen Artur Lanz. In einem Park tritt er aus dem Schatten, die beiden kommen ins Gespräch, treffen sich öfter. Weil seine heldenverehrende Mutter die Artussage liebte, so erzählt er, habe sie ihm den Namen Artur gegeben. „König Artus und Lancelot in ihrem einzigen Sohn vereint“. Für den Sohn auf jeden Fall eine gewaltige Bürde, zumal in einer Zeit, in der Helden so in Verruf geraten sind wie heute. Mit Helden verbinde man nur noch Krieg oder Nazis.
„Wir sind eine durch und durch pazifizierte Gesellschaft, für die allein der Gedanke, das Leben einer Idee oder dem Vaterland zu opfern, eine Zumutung ist.“ Bei Tischgesprächen mit ihren intellektuellen Freunden erörtert Charlotte diese Gedanken. „Die Helden sind vielleicht ausgestorben, aber nicht die Sehnsucht nach ihnen. Was ist aus dem Wort Held geworden, wenn man einen Pizzaservice Lieferheld nennt?“
Monika Maron beschreibt das großartig und selbstironisch. Mitunter auch böse. Wenn die, die gerade noch von unserem „unaggressiven, nicht von Testosteron beherrschten Land“ schwärmten, im nächsten Satz „den Einzug des Islam in Deutschland“ wohlwollend kommentieren. Literatur darf so was aussprechen und zur Diskussion stellen. Sie ist Experimentier– und Spielfeld. „Ich will mit dem Buch nicht provozieren, sondern ich wollte über dieses Thema nachdenken“, sagt Maron. Wo also liegt das Problem?
Es liegt darin, dass sie eben sehr wohl provoziert. Denn im weiteren Verlauf lässt Monika Maron, die mit „Flugasche“ (1981) zu einer der ersten Umweltaktivistinnen der DDR wurde, diesen Artur Lanz von einem Kollegen namens Gerald Hauschildt erzählen, der aneckt, weil er einen Kommentar über „das Grüne Reich“ postet, obwohl er in einer Firma für Windräder arbeitet. In den Klimadebatten sieht er eine Ökodiktatur. Weil er sich den Mund nicht verbieten lässt, muss Gerald kündigen. Sein Freund Artur wird zum Helden, indem er auch geht. Aus Loyalität, weil doch jeder in diesem Land seine Ansicht äußern dürfe, ganz egal, ob er recht habe oder nicht.
Monika Marons Buch trifft mitten hinein in die erhitzte Debatten über Demokratie und Meinungsfreiheit. Warum sympathisiert ihre Erzählerin aber mit diesem Artur Lanz, dem Freundschaft augenscheinlich mehr gilt als Fakten? Wie er seinem Kollegen die Treue hält, obwohl er selbst kein Klimaleugner ist, ist nicht heldenhaft, sondern dumm und lässt fast schon an die Nibelungentreue der Deutschnationalen denken.
Mit diesem Roman stellt sich Monika Maron einmal mehr ins Abseits. Mit fast 80 Jahren ist ihr das wahrscheinlich egal. Sollte es ihr aber nicht sein. Sie zündelt. Egal, ob sie sich selbst den Rechten zuordnet, oder nicht: AfD und Pegida können dieses Buch wunderbar instrumentalisieren. Das muss ihr beim Schreiben bewusst gewesen sein.

