Quer durch Europa hat Violeta Vollmer-Dundulyte ihre großen Engelsflügel geschleppt. Nun hängen sie im Untergeschoss ihres Hauses in Senzig (Dahme-Spreewald). Hier haben sie und ihr Mann nach unsteten Jahrzehnten einen Ruhepol gefunden.
Von Ruhe allerdings ist im Gespräch nicht viel zu spüren. Violeta Vollmer-Dundulyte erzählt, wie sie manchmal morgens um drei aufwacht und nicht mehr schlafen kann, weil sie arbeiten will. „Sie macht ja Kunst, um sich auszudrücken. Sie kann gar nicht anders“, sagt ihr Mann Wilfried Vollmer, der als Lehrer im Auftrag der Bundesregierung unter anderem im argentinischen Buenos Aires und in Windhoek in Namibia gearbeitet hat. Immer an seiner Seite: seine Frau und die beiden Kinder.
Einerseits waren diese Inspirationen für die Künstlerin ein Geschenk – andererseits sei es bei so einem Leben schwierig gewesen, ein Netzwerk aufzubauen und sich als Künstlerin zu etablieren, sagt Wilfried Vollmer. Wie sie ihm quer durch die Welt folgte, folgt er ihren künstlerischen Einfällen. So kommt es vor, dass sie ihn mit einer Rinderhälfte auf den Schultern malt – oder beide auf Vulkane steigen, um Fotos von Schmuckkreationen zu schießen.
Eigentlich sollten auch die Engelsflügel im Krater landen. Weil ein Aufseher kam, mussten sie jedoch umdrehen, erzählt Violeta Vollmer-Dundulyte. So behielt sie die Flügel und trug sie über zehn Jahre hinweg an Orte, wo sie sich mit ihnen fotografisch in Szene setzte: vor dem NS-Bau in Prora auf Rügen, vor dem Palast der Republik, in der Normandie, wo die Alliierten gelandet waren. „Sie hat ikonografische Orte in Europa beengelt“, sagt Wilfried Vollmer.
Ein Gang durch das Untergeschoss des Hauses, wo die Künstlerin im Sommer arbeitet, führt nicht nur durch die Phasen ihres Werkes, sondern auch durch die Zeitgeschichte. Wo sie auch waren: Violeta Vollmer-Dundulyte hielt Impressionen auf quadratischen Leinwänden fest, die nun wie Mosaike an den Wänden hängen. Ob Politiker, Landschaften, Werbungen: Zwischen den Quadraten ergeben sich ästhetische und inhaltliche Bezüge – dann etwa, wenn Vietnam-Krieg und Marlboro-Werbung in denselben Farben leuchten.
Geboren wurde Violeta Vollmer-Dundulyte 1966 in Litauen. Sie absolvierte eine Fachausbildung an der Kunsthochschule in Kaunas, wo sie sich auf Leder-Design spezialisierte. Später schaffte sie es, einen der wenigen Plätze für litauische Studierende an der Kunsthochschule im estnischen Tallinn zu bekommen. Das Problem: Sie verstand kein Estnisch. Als Fremde in neuer Umgebung zurechtzukommen ist ein Thema, das sie im Leben wie in der Kunst weiter beschäftigte.
Ihren Mann lernte sie als junge Frau bei einer Ausstellung im Völkerkunde-Museum in Hamburg kennen, wohin sie eingeladen war. Er war sofort begeistert von ihren fantasievollen Leder-Skulpturen. Zwar hatte er nicht genug Geld, um etwas zu kaufen – aber er lud sie und ihre Kolleginnen ein und kochte für sie. Später schickte er der Künstlerin Briefe per Fax nach Litauen, die sie mit Skizzen beantwortete.
Politisches und Persönliches treffen bei Violeta Vollmer-Dundulyte aufeinander. Immer wieder thematisiert ihre Rolle als Ausländerin oder als Künstlerin. Die Situation von Kunstschaffenden beschäftigte sie auch bei der Arbeit, mit der sie sich 2018 für den Brandenburgischen Kunstpreis beworben hat – und von der Vorjury nominiert wurde. Für die Serie zeichnete sie 28 000 Ameisen, die für die Künstler stehen, die bei der Künstlersozialkasse in Berlin gemeldet seien. Eine Fleißarbeit. „Ich dachte, ich werde verrückt“, sagt sie und lacht. Auch dieses Jahr bewirbt sie sich mit einer grafischen Arbeit: Zeichnungen von Kranichen, inspiriert von Bertolt Brechts Gedicht „Die Liebenden“.
Zum Leder-Design kamen später Malerei, Zeichnung, Schmuck, Bronzegüsse, Installationen, Buchillustration, Fotos und Videokunst. Violeta Vollmer-Dundulyte hat an vielen Ausstellungen teilgenommen – darunter an der documenta 13 in Kassel. 2018 erhielt sie bei der ART A10 für ihr Triptychon „Wenn die Haifische Menschen wären“ den zweiten Preis. Derzeit bereitet sie eine Ausstellung in Eichwalde vor.
Zurück aus Namibia, wollte Violeta Vollmer-Dundulyte unbedingt nach Berlin ziehen. Ein Jahr lang umrundete die Familie in den Ferien Berlin, bis sie das Haus bei Königs Wusterhausen fanden. Seit 2014 wohnen sie dort und haben sich vorgenommen: Das war ihr letzter Umzug.
Ausstellung „Das Eigene und das Fremde“, Vernissage am 5.4., 19 Uhr, Alte Feuerwache, Bahnhofstr. 79, Eichwalde, zu sehen bis 26.5., Fr/Sa/So 15–17 Uhr; während der offenen Ateliers in Brandenburg am 4.5. 14–19 Uhr und am 5.5. 11–18 Uhr

Ausschreibung

Die Märkische Oderzeitung und die Stiftung Schloss Neuhardenberg laden zur Beteiligung am Brandenburgischen Kunstpreis 2019 ein. Die Auszeichnung steht unter der Schirmherrschaft des Ministerpräsidenten des Landes Brandenburg, Dr. Dietmar Woidke. Prämiert werden Werke der Malerei, Grafik, (Klein-)Plastik sowie Fotografie. Den 2019 zum zweiten Mal vergebenen Preis für Fotografie stiftet die Ostdeutsche Sparkassenstiftung. Bewerben können sich Künstlerinnen und Künstler, die im Land Brandenburg leben oder arbeiten. Die Anzahl der Einreichungen ist auf ein Werk begrenzt, das aus mehreren Teilen bestehen kann und in den vergangenen zwölf Monaten entstanden ist.

Die Bewerbung erfolgt mit der Übermittlung einer digitalisierten Abbildung, die die Arbeit in einer Qualität zeigt, die für eine gedruckte Veröffentlichung geeignet ist (Auflösung mindestens 300 dpi als jpg- bzw. tiff-Datei vorzugsweise als E-Mail oder CD). Eine unabhängige Jury trifft aus diesen Einreichungen eine Auswahl für die Vergabe der dotierten Preise und eine damit verbundene Ausstellung in Neuhardenberg. Die Künstlerinnen und Künstler der so ermittelten Arbeiten werden danach eingeladen, die Originalwerke einzureichen.  Die Werke sollten die Maße von 200 mal 130 Zentimetern nicht überschreiten. Skulpturen müssen physisch von einer Person bewegt werden können. Im Bereich Fotografie sind maximal drei gerahmte Arbeiten, Maße maximal 100 mal 100 Zentimeter, einzureichen.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog. Deshalb gehören zu den Bewerbungsunterlagen eine Vita in digitalisierter Form und ein Porträtfoto (Auflösung mindestens 300 dpi) sowie Angaben zum eingereichten Werk inklusive Versicherungssumme. Die Preisverleihung mit anschließender Ausstellungseröffnung findet am Sonntag, dem 23. Juni, 12 Uhr, auf Schloss Neuhardenberg statt.

Einreichungsschluss für die digitale Bewerbung ist am 1. März 2019, per E-Mail unter kunstpreis@moz.de oder per Post, Märkisches Medienhaus, Kunstpreis, Chefredaktion, Kellenspring 6, 15230 Frankfurt (Oder); Infos unter 0335 5530511