27 Gutsbezirke, 59 Landgemeinden sowie die sieben bisher selbstständigen Städte Charlottenburg, Köpenick, Lichtenberg, Neukölln, Schöneberg, Spandau und Wilmersdorf wurden nach Berlin eingemeindet. Auf einen Schlag hat die Metropole 3,8 Millionen Einwohner – und ist nach New York und London die drittgrößte Stadt der Welt; flächenmäßig nach Los Angeles sogar die zweitgrößte.
Die Mehrheit arrangiert sich mit der von der Preußischen Landesversammlung verordneten Einheitsgemeinde. Gleichwohl gibt es Bestrebungen, sich wieder abzuspalten. Vor allem wohlhabende, bürgerlich geprägte Städte und Landgemeinden wie Charlottenburg und Zehlendorf hatten den Zusammenschluss strikt abgelehnt. Sie befürchten finanzielle Nachteile, wenn sie arme Bezirke wie Kreuzberg und Neukölln unterstützen müssen. Zudem schreckt sie der Gedanke, von einer SPD-Regierung geführt zu werden. Gemeinden mit starkem Proletariat wie Neukölln und Lichtenberg unterstützen hingegen das Projekt Groß-Berlin.
Die Stadtväter – von 1921 bis Ende 1929 unter Führung des linksliberalen Oberbürgermeisters Gustav Böß – stehen unter immensem Druck. In politisch instabilen Zeiten müssen sie Ordnung ins Chaos bringen: Der Moloch Berlin ächzt unter der Wohnungsnot und den horrenden Mieten, den höchsten im Deutschen Reich; der öffentliche Nahverkehr ist wie die Strom- und Wasserversorgung in zig Gesellschaften zersplittert.
Wohnungsnot, Mietenexplosion und Verkehrschaos sind auch heute noch, 100 Jahre nach dem Groß-Berlin-Gesetz, die brennendsten Probleme, für die die deutsche Hauptstadt Lösungen finden muss. Deshalb haben sich die Macher der wegen der Corona-Zwangspause fünf Monate später eröffneten Ausstellung "Chaos & Aufbruch – Berlin 1920/2020" im Märkischen Museum entschieden, die historische mit einer aktuellen Ebene zu verknüpfen. Die zentrale Frage dabei: Wie kann Großstadt gelingen? Wie wollen wir leben?
Der zweietagige Parcours – unten Geschichte, oben Gegenwart und Zukunft – ist keine Schau im klassischen Sinn, also mit in Vitrinen aneinandergereihten Exponaten. Den Besucher erwartet vielmehr ein multimedialastiges Spektakel: grafische Darstellungen, Texttafeln, Installationen, Touchscreens, Video- und Hörstationen; dazwischen 100 historische Objekte. Diese Inszenierung wirkt bisweilen etwas beliebig, uninspiriert, gar irritierend.
Da ist zum Beispiel ein Bildschirm, eingebettet in einen angedeuteten Zeittunnel, auf dem fünf Zukunftsvisionen kartografisch angedeutet werden: Berlin mit fünf Bezirken in Form einer Windrose oder nur noch mit Innen- und Außenbezirk, das jetzige Berlin als "Altstadt" mit einverleibtem märkischen Speckgürtel als "Neustadt", ein vereinigtes Bundesland Berlin-Brandenburg sowie ein Bundesland Nordost, bestehend aus Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern, quasi "Berlin am Meer". Interessante Ansätze, die leider unkommentiert bleiben.
Was fehlt: der Blick nach außen
Über die treibenden Köpfe hinter dem Groß-Berlin-Gesetz, den bis Ende 1920 amtierenden Oberbürgermeister Adolf Wermuth, den Oberbürgermeister der Stadt Schöneberg Alexander Dominicus und den preußischen Innenstaatssekretär Friedrich Freund, ist kaum etwas zu erfahren. Auch endet die historische Betrachtung abrupt 1933 mit der Machtübernahme der Nazis und springt jäh in die Gegenwart.
Was ebenso fehlt: ein einordnender Vergleich mit anderen Metropolen wie New York, Paris, London oder Wien. Kurator Gernot Schaulinski verweist lediglich auf die für Oktober angekündigte Ausstellung "Unvollendete Metropole" des Architekten- und Ingenieursvereins im Kronprinzenpalais. – Berlin betreibt mal wieder Nabelschau, diese Vermutung schwingt durchaus im Raum.
Gleichwohl weist die Ausstellung mit ihren Exponaten zu beeindrucken, insbesondere im historischen Teil. Ein Hanomag-Kleinwagen PS 2/10 von 1925 steht für den Start in die Massenautomobilisierung, in deren Folge es für die Zweiradfahrer auf den Straßen immer enger wird. Derweilen entsteht 1928 mit der BVG das größte Nahverkehrsunternehmen der Welt. Eine Kücheneinrichtung von 1930 aus der von Bruno Taut entworfenen Waldsiedlung "Onkel Toms Hütte" in Zehlendorf dokumentiert den sozialen Wohnungsbau. Bis 1932 entstehen in Berlin mehr als 170 000 neue Wohnungen. öffentlichen Förderung, sind die Mieten für viele Bedürftige nicht bezahlbar. So ändert sich an der Wohnungsnot wenig, zumal die Bevölkerung bis 1931 um weitere 400 000 Menschen wächst.
Wem die Ausstellung zu stichpunktartig ist, dem sei die kostenlose Begleitbroschüre empfohlen. Sie bietet einen komprimierten Abriss der Geschichte Berlins vom Ende des 19. Jahrhunderts bis ins Heute. Und wer erfahren möchte, wie sich das Bild der Hauptstadt von der Weima­rer Repu­blik bis in die Gegen­wart ver­än­dert hat, findet mehr als 1000 kommentierte Fotos beim Online-Portal "1000x Berlin".
Ausstellung bis 30.5.2021, Di–Fr 12–18 Uhr, Sa/So 10–18 Uhr, Märkisches Museum, Am Köllnischen Park 5,Berlin-Mitte, www.stadtmuseum.deBegleitbroschüre auch unter: www.stadtmuseum.de/metropole-berlinOnline-Portal zur Stadtgeschichte: 1000x.berlin