Ausstellung: Berlinische Galerie zeigt „original bauhaus“

Vielfalt der Formen: In der Ausstellung "original bauhaus" können Besucher auch selbst kreativ werden.
dpa/Carsten KoallUnd doch – egal, ob Sie Fan sind oder ob Sie der Hype bislang kalt gelassen hat, – gehen Sie in die Berlinische Galerie: Die am Donnerstag eröffnete Schau „original bauhaus“ hat wirklich noch gefehlt! Aus vielen Gründen, vor allem aber weil Kuratorin Nina Wiedemeyer das Bauhaus als zutiefst modernes Projekt vorstellt, das uns direkt angeht. Es geht nicht um den schicken Stahlrohrsessel, den sich heute wohlhabende Leute ins Wohnzimmer stellen. Es geht um Ideen.
„original bauhaus“ ist die zentrale Ausstellung des Bauhaus-Archivs Berlin, das die weltgrößte Sammlung hat – und wegen Bauarbeiten geschlossen ist. Deswegen haben die Macher Unterschlupf in Kreuzberg gefunden. Vielleicht ist aus dieser provisorischen Situation der Mut zum Spielerischen gekommen, der sich durch die ganze Schau zieht. Gegliedert ist sie in 14 Kapitel – für jedes Jahr, das das Bauhaus in Deutschland bestand, eines.
Wer danach sucht, findet auch einen Zeitstrahl, aber gefühlt werden pausenlos Geschichten erzählt. Die von der schönen Unbekannten etwa, die auf dem berühmten Foto aus dem Jahre 1926 hinter einer Maske von Oskar Schlemmer auf einem Stahlrohrsessel von Marcel Breuer sitzt. Wer sie war, das vermochten auch die Macher dieser Ausstellung nicht zu klären – stellen uns aber eine Liste möglicher Kandidatinnen vor. Allein dieses Bild ist hundert Prozent Bauhaus – von Möbeldesign über Fotografie bis Werbung, inklusive spielerischer Zugang und Teamarbeit …
Sich die 1200 Quadratmeter von „original bauhaus“ zu erobern ist unterhaltsam, auf wirklich schlaue, fordernde Art – auch das typisch Bauhaus. Die Schau umkreist ständig Fragen, die ins Heute zielen: etwa die Beziehung zwischen Original und Reproduktion, Personenkult, gute Bildung, die Freiheit von Kunst …
Lässig stehen und hängen weit gereiste historische Originale aus dem British Museum in London oder dem Metropolitan Museum in New York neben aktueller Video- und Fotokunst und Repliken zum Anfassen. Dazwischen kann man rätseln und spielen.
Kern der Schau ist das Bauhaus als Schule. Als Ort, an dem um Wissen und um Können gerungen und auch gestritten wurde. Die Macher sehen das „immaterielle Erbe“ als wertvollstes Vermächtnis der Bauhäusler, wie Annemarie Jaeggi (Bauhaus-Archiv) und Thomas Köhler (Berlinische Galerie) bei der Pressekonferenz zur Eröffnung betonten. Konsequent, dass der Vorkurs eine große Rolle spielt: Hier wurde den Studierenden auf experimentelle Weise der Umgang mit Materialien sowie gestalterische Grundprinzipien vermittelt.
Die Vorkurs-Aufgaben haben die Ausstellungsmacher recherchiert und ausprobiert. Ihre These: Durch den Vorkurs gelang es, eigensinnigen Individuen Gemeinschaftssinn zu vermitteln. In den Aufgaben zeigt sich die Besonderheit des damaligen Unterrichtens. Zu „Übung 12: Tiger zeichnen“ hat etwa der Maler Johannes Itten festgehalten, er wollte vermeiden, dass die Schüler ein „dekorativ gestreiftes Tier“ zeichnen. Also ließ er die ganze Klasse wie ein Tiger brüllen, um eine Vorstellung für dessen Gefährlichkeit zu entwickeln.
Einen Hocker selber bauen
Konsequent auch, dass zur Schau ein Maßstäbe setzendes Vermittlungsprogramm gehört. Es gibt unterschiedlichste Angebote – Erwachsene können mit dem Architekten Van Bo Le-Mentzel einen Hocker bauen. Einen modernen Vorkurs mit Aufgaben fürs 21. Jahrhundert kann man gleich in der Ausstellung testen.
Einige der 1200 Objekte rücken einem besonders nah, etwa das zerfledderte Adressbuch der Hannah Höch; die Dada-Vertreterin war 1932 für eine Einzelausstellung am Bauhaus gebucht, ihre Arbeiten waren bereits verschickt. Als in Dessau die Nationalsozialisten ans Ruder kamen, wurde die Schau abgesagt. Gerade mutet das weniger historisch an, als man gerne hätte.
„original bauhaus“, bis 27.1., Mo/Mi–S0 10–18 Uhr, Berlinische Galerie, Alte Jakobstr. 124–128, Berlin-Kreuzberg
Noch mehr Bauhaus
Mit dem Bauhaus in der DDR beschäftigt sich die sehenswerte Ausstellung, die im Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR in Eisenhüttenstadt gezeigt wird. Von der Mitropa-Kaffeekanne über die Möbelserie 602 bis zum Moped Simpson S50 sind Designklassiker der Ostmoderne zu sehen, die in der Tradition des Bauhauses stehen. (Erich-Weinert-Allee 3, Eisenhüttenstadt, noch bis 29.9.)Am Tag des Offenen Denkmals (8.9.) ist auch das Baudenkmal Bundesschule Bernau zu besichtigen (Hannes-Meyer-Campus 9, Bernau, 10–14 Uhr, Anmeldung zu Führungen Tel. 03338 365365) ⇥red