Ausstellung
: Bilder vom echten Leben im Museum für Kommunikation

Können Sprechblasen die Welt erklären? Das Museum für Kommunikation lotet die Möglichkeiten von Comic-Journalismus aus.
Von
Antje Scherer
Berlin
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An der Grenze: Für "Der Riss" haben der Fotograf Carlos Spottorno und Journalist Guillermo Abril an unterschiedlichen EU-Außengrenzen recherchiert.

Carlos Spottorno & Guillermo Abril:

Der Berliner Zeichner begleitet ein Drehteam des Senders Arte – zurück in Deutschland werden seine Zeichnungen als animierte Sequenzen in das Filmmaterial geschnitten. Ein ungewöhnliches Stilmittel, das der Reportage „Verfluchtes Tal der Saphire“ (2015) eine ganz besondere Eindringlichkeit verleiht. Soremsky hat aber noch eine zweite Aufgabe: das Unfilmbare zeichnen. Etwa den brutalen Überfall auf einen Saphirsucher in dem bitterarmen Land.

Zu Hause in Neukölln sitzt Soremsky mit seiner Kladde gern in der Kneipe oder auf einer Mauer, – aber auch hier interessiert er sich für die dunklen Seiten.  In „Passengers“ etwa, einer Kurzgeschichtensammlung, die im Umfeld der Berliner Ringbahn spielt, gibt es so verstörende Szenen, dass man kaum glauben mag, dass alles real sein soll. Und er hat in einer bemerkenswerten Arbeit den Jörg-Kachelmann-Prozess verfolgt – die gezeichnete Onlinereportage ist nicht-linear erzählt: Jede der Figuren hat ihre eigene Wahrheit, der Leser kann sie nach und nach anklicken und muss am Ende selbst entscheiden, wem er glaubt.

Neue Erzählmöglichkeiten

Dieses intensive Hinterfragen der eigenen Haltung findet sich in vielen der ausgestellten Werke der Ausstellung „Zeich(n)en der Zeit. Comic-Journalismus weltweit“, die aktuell in Berlin zu sehen ist. Schillernd zwischen Kunst, Unterhaltung und Information setzen sich die Zeichner augenscheinlich besonders kritisch mit journalistischen Themen wie Glaubwürdigkeit und Objektivität auseinander. Auch bei Soremskys Kollegin Sarah Glidden fällt das auf, die für ihr Buch „Im Schatten des Krieges“ zwei befreundete Journalisten auf einer Reise durch die Türkei, Syrien und den Irak begleitet hat und den ganzen Rechercheprozess offenlegt.

Comic-Journalismus ist ein recht neues Genre – dass sich neben Print, Radio, TV und Online auch gezeichnete Strips zur Vermittlung journalistischer Inhalte eignen, begann sich erst ab den 1990er-Jahren herumzusprechen. Ein Vorreiter war der Amerikaner Joe Sacco; die Ausstellung im Museum für Kommunikation zeigt eine Arbeit von ihm zum Thema Erdöl. Weitere internationale Kollegen widmen sich in der Schau: Migration (Aimée de Jongh und Olivier Kugler), Gefangenen im Todestrakt (Patrick Chapatte) oder Demonstrationen in Russland (Victoria Lomasko).

Oft hilft der Zeichenstift aus, wo eine Kamera nicht hin darf. Aber nicht nur aufsehenerregende und dramatische Geschehnisse werden berücksichtigt; die Zeichnerin Ulli Lust etwa spießt kleine Szenen des Berliner Alltags auf, unter anderem für das Stadtmagazin „Exberliner“.

Was nun ein "journalistisches Comic“ von einem stinknormalen unterscheidet? – Zum einen der Anspruch der Zeichner Realität abzubilden und dafür aufwendig zu recherchieren, (Lust nennt das "dokumentarisches Erzählen") und dann wohl auch der politische Blick. Selbst bei einer Comicreportage von Ulli Lust über einen alten Berliner Baum gibt es den Verweis auf Abholzung von Urwäldern. Ein wenig wirkt es manchmal, als erinnerten die zeichnenden Reporter mit dieser Haltung indirekt auch andere Vertreter des "normalen“ Journalismus an die ureigenen Aufgaben der „vierten Gewalt“ im Staat.

Die Kabinett-Ausstellung füllt in dem Museum nur einen Raum – mit den Filmausschnitten, Comicsequenzen und der kleinen Handbibliothek kann man sich aber stundenlang beschäftigen. Vielleicht auch über die wunderliche Renaissance dieses langsamen und uralten Mediums Zeichnen nachdenken – in einer Zeit, in der wir pausenlos Handybilder knipsen und gleichzeitig durch Photoshop den Glauben an die Echtheit von Fotos und Filmen verloren haben.

Ausstellung bis 25.8., Di 9–20 Uhr, Mi–Fr 9–17 Uhr sowie Sa/So 10–18 Uhr, Museum für Kommunikation, Leipziger Str. 16, Berlin-Mitte, Tel. 030 202940, www.mfk-berlin.de