Der 31-jährige Ägyptologe aus Berlin ist nicht alleine unterwegs. Schäfer (1868–1957) reist gemeinsam mit zwei Kollegen – Georg Steindorff (1861–1951) und Ludwig Borchardt (1863–1938), Letzterer in Begleitung seines Dieners Chalîl –, dem Architekten und Altertumswissenschaftler Hermann Thiersch (1874–1939) sowie dem im Kairoer Generalkonsulat stationierten Diplomaten Freiherr Curt von Grünau (1871–1939). Sie wollen von Assuan aus nilaufwärts nach Semna in Nubien, in das seinerzeit unter britischer Herrschaft stehende Gebiet zwischen dem ersten und dem zweiten Nilkatarakt, welches sich heute über das südliche Ägypten und den nördlichen Sudan erstreckt.
Ihr besonderes Interesse gilt dabei der Erforschung der damals wenig bekannten pharaonischen Grenzfestungen des Mittleren und Neuen Reiches (um 2040–1650 vor Christus). Diese gewaltigen Anlagen dienten als Kontroll-, Truppen- und Versorgungsbasen. Durch sie wurde der Abbau und Transport wichtiger Bodenschätze, vor allem Gold und edle Steine, sowie der Handel mit dem südlichen Afrika gesichert. Die Ägypter betrachteten Nubien zwar nicht als Teil ihres Reiches, das Land war aber faktisch eine Kolonie des Pharaonenstaates.
Die sechswöchige, eher spontan unternommene Expedition im März und April 1900 nach Nubien ist außergewöhnlich gut dokumentiert. Alle Teilnehmer der Reise fertigen Aufzeichnungen an, wobei das von Schäfer verfasste Tagebuch die bislang am besten erforschte Quelle darstellt. Seine Notizen geben nicht nur einen Eindruck von den Hinterlassenschaften des antiken Ägypten und ihres Erhaltungszustandes um 1900, sondern sie enthalten auch lebhafte Schilderungen der Kultur und Lebensweise der modernen Nubier. 2014 wird das Tagebuch unter dem Titel "Boote, Burgen, Bischarin" im Wiesbadener Fachverlag Reichert herausgegeben. Obwohl Schäfer in seinen Aufzeichnungen mehrfach erwähnt, dass seinerzeit auch zahlreiche Fotografien gemacht werden, gelten die Bilder zum Zeitpunkt der Edition des Tagebuches bis auf wenige Ausnahmen als verschollen.
Kulturraum ist im Nassersee versunken
Das ändert sich ein Jahr später. Bei der Erschließung der Archivbestände des Ägyptischen Museums und der Papyrussammlung der Staatlichen Museen zu Berlin werden 2015 sechs unbeschriftete Buchkassetten entdeckt. Deren Inhalt erweist sich als Sensation: Es ist die fotografische Dokumentation der Nubien-Reise im Frühjahr 1900 – mehr als 300 auf Karton montierte Papierabzüge. Ehemals müssen sogar rund 500 Fotos existiert haben, wie Steindorff berichtet. Abgesehen von einzelnen Aufnahmen in anderen Archiven, handelt es sich bei dem Berliner Konvolut um die größte erhaltene Bildersammlung dieser Expedition.
Nun wird ein kleiner Teil dieses Schatzes erstmalig öffentlich präsentiert – in der Kabinettausstellung "Momentaufnahmen. Nubien um 1900". Sie ist in die Dauerschau im Sudan-Raum des Neuen Museums auf der Museumsinsel integriert, zeigt zur Ergänzung Postkarten aus jener Zeit, etwa von Hotels und Bahnhöfen – und kommt weitgehend ohne lange Erklärtexte aus. Vielmehr setzt die Kuratorin der Ausstellung, die Ägyptologin und Archäologin Jana Helmbold-Doyé, auf eine außergewöhnliche Idee: Schüler der Berliner Ernst-Litfaß-Schule – Oberstufenzentrum Mediengestaltung und Medientechnologie entwickelten eine App, die unter anderem gesprochene Texte aus Schäfers Tagebuch mit den Fotografien verknüpft sowie ergänzende Informationen zu der Nubienreise liefert. Ein weiterer Clou: Mit der App können Besucher sich auch die Hieroglyphen auf dem Grenzstein von Semna übersetzen lassen. Die Stele, die Pharao Sesostris III. um 1860 vor Christus in der Festung Semna-West aufstellen ließ und die fortan die Grenze zwischen Ägypten und Nubien markierte, wurde 1844 vom Ägyptologen Karl Richard Lepsius (1810–1884) während der von König Friedrich Wilhelm IV. ausgesandten Preußischen Expedition nach Ägypten und Äthiopien (1842–1845) gefunden und nach Berlin verbracht. Heute ist der mannshohe Stein einer der beeindruckendsten Exponate im Sudan-Raum.
Die Fotografien sind 120 Jahre nach der Expedition eine wichtige Quelle für die Forschung. Denn der Kulturraum, den die fünf Reisenden seinerzeit erkunden, existiert nicht mehr. Mit der Fertigstellung des zweiten Assuan-Staudammes 1971 und dem anschließend zum Nassersee aufgestauten Nil versinken nicht nur zahlreiche Orte im Wasser und müssen mehr als 100 000 Menschen umgesiedelt werden, sondern auch bedeutende Kulturdenkmäler des alten Ägypten gehen verloren. Nur einige wenige können mithilfe der Unesco in höhere Lagen umgesetzt werden, darunter die Tempel von Abu Simbel und Philae.
Im Jahre 1900 erleben die fünf Reisenden das Gebiet aber noch unberührt von den späteren Veränderungen. Finanziert wird die Erkundung aus Mitteln der Ernst-von-Sieglin-Expedition, benannt nach dem Stuttgarter Unternehmer Ernst von Sieglin (1848–1927). Der hatte gemeinsam mit dem englischen Chemiker Richard Thompson eine pulverisierte Seife entwickelt und mit deren Verkauf ein Vermögen angehäuft. Als 50-Jähriger zieht er sich jedoch aus dem aktiven Geschäftsleben zurück und wendet sich der Archäologie und der Kunst zu. 1899 stellt von Sieglin der Königlich Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften Geld für eine Forschungsreise in die Oase Siwa im Nordwesten Ägyptens zur Verfügung. Geleitet wird sie von Steindorff, zu jener Zeit Inhaber des Lehrstuhls für Ägyptologie an der Universität Leipzig, sowie von Grünau. Anschließend sollten noch weitere Oasen besucht werden. Stattdessen begibt sich die Expedition nach Kairo, sodass Mittel frei werden, um die kurz entschlossene Reise nach Nubien anzutreten. Nahe Assuan stoßen Schäfer, Borchardt und Thiersch hinzu.
Eine Reise stromaufwärts auf dem unberechenbaren Nil steckt damals voller Tücken: Die Schiffer sind vom Nordwind abhängig, sie müssen gefährliche Stromschnellen und Sandbänke überwinden. Flaut der Wind ab, wird die Dahabîje gestakt oder von Einheimischen im Wasser watend gezogen. Hinzu kommen eine unerträgliche Glut von 40 Grad Celsius sowie Moskitos. Etwas Abkühlung finden die Männer badend im Nil. Sie schlafen in der stickigen Kajüte, wo sie auch die Fotografien entwickeln, in Zelten, bisweilen sogar im Hotel und stehen morgens meistens um 6 Uhr auf. Zur Erkundung der Ufer und der Umgebung nutzen sie Kamele oder Esel. Sie bummeln über Basare, kaufen Souvenirs wie Puppen, Körbe und Armbänder, lassen sich von einem Barbier die Haare schneiden und den Bart stutzen. Und manchmal gibt es Streit mit dem Reis (arabisch für Kapitän) der "Kebêki", weil er sich weigert weiterzusegeln. Schäfer berichtet in seinem Tagebuch unter dem 13. März von "unverschämten Reden" und selbst von Handgreiflichkeiten.
Die Ägyptologen verfügen zumindest zeitweise über zwei Plattenkameras, wie die wiederentdeckten Bilder belegen; auf einigen werden nämlich auch die Fotografen bei der Arbeit abgelichtet. Dabei erschweren die Lichtverhältnisse mitunter den Einsatz der modernen Technik. Andererseits erlaubt es die Fotografie, größere Mengen von Inschriften an Tempeln, Festungen und Gräbern aufzunehmen, wenn die Zeit für eine Abschrift nicht reicht. Die Reiseteilnehmer selbst sind eher selten auf den Fotografien zu sehen, allerdings werden sie gelegentlich zum Maßstab vor einigen Gebäuden aufgenommen. Ein Bild zeigt etwa den mit einem Tropenhelm beschirmten Archäologen Borchardt, wie er in der Wüste neben einem Kuppelgrab steht und einen Fluchtstab für die Vermessung hält.
Nicht alle Aufnahmen dienen der wissenschaftlichen Auswertung daheim. Mitunter fotografieren die Deutschen auch Nubier, die die Reisenden bei ihrer Arbeit beobachten, mit denen sie ins Gespräch kommen oder die sie für Hilfsarbeiten anheuern. Es sind Aufnahmen aus der Perspektive wissbegieriger Fachleute, aber auch von Touristen. Die Archäologen interessieren sich nicht nur für die antiken Bauwerke, sie möchten ebenso Kontakt zur Bevölkerung aufnehmen. Und den haben sie, wie einige Fotografien und dazu passende Einträge in Schäfers Tagebuch belegen. So wird in der Festung Kuban eine auf dem Boden hockende, Korn reibende Nubierin abgelichtet, um sie mit den auf den pharaonischen Mauern eingeritzten Figuren zu vergleichen.
Der Kapitän wird zur Rede gestellt
Besonders angetan sind die Archäologen von den Frisuren der Nubierinnen, die sie auch auf Fotografien festhalten. Schäfer notiert am 11. März in dem Dorf Derr: "Bemerkenswert ist die Haartracht der Frauen: wolliges Haar, Zöpfchen vom Scheitel her, das in einen Ring endet, an diesem hängt ein dreieckiges metallenes Schmuckstück auf die Stirn. In die Stirn hängen kurze dünne Zöpfchen, die unten 5 cm lang mit einer gelben Masse umklebt sind."
Nach sechs Wochen, am 18. April 1900, treffen die Wissenschaftler wieder in Assuan ein. Sie beziehen ein Hotel und empfangen Post aus der fernen Heimat. Borchardt erhält die traurige Nachricht, dass seine lungenkranke Schwester inzwischen gestorben sei. Der Kapitän der "Kebêki" wird am Tag darauf entlohnt – nachdem die Männer ihn noch einmal zur Rede gestellt haben: "Wir hielten ihn nicht für einen schlechten Kerl sondern nur für keinen Reis usw. usw.", schreibt Schäfer, um dann gemeinsam mit Steindorff noch einmal über den Basar zu schlendern.
Ausstellung "Momentaufnahmen. Nubien um 1900", bis 30.8., Neues Museum, Museumsinsel, Bodestr., Berlin-Mitte, www.smb.museum. Das Museum ist wie alle Kulturinstitutionen in Berlin bis auf Weiteres geschlossen.