Die Szene auf der linken Seite in dem dunklen Raum hat etwas Dramatisches. Der gefesselte Jesus, von römischen Soldaten umringt, wird dem jüdischen Hohepriester Hannas vorgeführt. Er soll ihm Rede und Antwort stehen, ihm Namen und Fakten zu seinen Mitstreitern und seinen Aktivitäten verraten. Doch Jesus lässt sich davon nicht einschüchtern, erklärt, er habe nichts im Verborgenen getan und gesagt. Alles geschah offen. Fünf Geheilte bestätigen seine Aussage: „Er hat alle Dinge wohl getan, die Taube hat er hörend gemacht und die Sprachlose redend.“ Doch wenn sie, die Geheilten, die Taten von Jesus bezeugen, stellt das dann nicht die Ansprüche der Machthaber infrage? Wer aber spricht die Wahrheit? Was ist rechtens? Und was nicht?
Auf der anderen Seite des Raumes ist Jesus bereits am Kreuz gestorben. Josef von Arimathäa hat den römischen Statthalter Pontius Pilatus gebeten, ihm den Leichnam zu überlassen, um diesen, in Tücher gehüllt, im Felsengrab zu bestatten. Rechts und links haben sich weinende Frauen versammelt, unter ihnen Maria Magdalena. Kinderengel, sogenannte Deutgeister, seufzen: „Ihr Himmel! Entsetzt euch darüber“. Und eine Menschengruppe verweist noch einmal auf den Opfertod: „Wegen uns und unserem Heil“. Ganz vorn ist Jonas zu sehen, der aus dem Magen des Wals gespien wird. Wie Jesus verbrachte er drei Tage im Dunkel, bevor er wieder ans Licht kam.

Erstmals seit mehr als 150 Jahren wieder zu sehen

„Jesus vor Hannas“ und „Grablegung Jesu“ heißen die beiden frisch restaurierten Szenen, die jetzt im Museum Himmlisches Theater in Neuzelle öffentlich präsentiert werden – erstmals seit mehr als 150 Jahren und passend zur Osterzeit. Sie setzen die Szenenfolge in den Bühnenbildern „Palast der Hohepriester“ und „Garten Gethsemane“ fort. Für das Museum im Kloster Neuzelle ist das zugleich eine Premiere, sind es doch erstmals gleich zwei Szenen, die seit dem Bestehen der unterirdisch – unter dem Weinberg – liegenden Einrichtung im Jahre 2015 ausgetauscht werden.
„Damit sind nun bereits fünf der insgesamt 15 Szenen sowie drei der fünf Bühnenbilder restauriert und ausstellungsfähig“, freut sich Norbert Kannowsky. Weitere werden folgen, kündigt der Geschäftsführer der Stiftung Stift Neuzelle an. Diesmal werde es jedoch nicht 20 Jahre dauern, bis auch die anderen barocken Passionsdarstellungen gereinigt und konserviert sind.

Bis 2025 soll das komplette Ensemble konserviert sein

Derzeit arbeiten die Restauratoren im Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege in Wünsdorf am Bühnenbild „Palasthof“ und den fünf Szenen „Gebet Jesu am Ölberg“, „Jesus vor Herodes“, „Geißelung Jesu“, „Dornenkrönung Jesu“ sowie „Ecce homo“. Der Abschluss dieser ersten Phase sei 2023 vorgesehen und ende mit dem Aufbau des Bühnenbildes „Palasthof“ im Museum in Neuzelle, berichtet die Leiterin des Restaurierungsteams, Mechthild Noll-Minor. In einer zweiten Phase würden bis 2025 das Bühnenbild „Kalvarienberg“ zusammen mit den restlichen fünf Figurenszenen konserviert. Somit können künftig jeweils zwei Bühnenbilder mit zugehörigen Szenen dauerhaft im Himmlischen Theater präsentiert werden. Möglich ist dieser Kraftakt, für den rund 800.000 Euro zur Verfügung stehen, durch die maßgebliche Förderung der Ostdeutschen Sparkassenstiftung.
Europaweit einzigartig: Mechthild Noll-Minor, Restauratorin vom Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologisches Landesmuseum in Wünsdorf, erläutert die Szene "Jesus vor Hannas" im Bühnenbild "Palast der Hohepriester". Die Kulisse wurde gerade erst restauriert und wird jetzt im Museum Himmlisches Theater im Kloster Neuzelle präsentiert.
Europaweit einzigartig: Mechthild Noll-Minor, Restauratorin vom Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologisches Landesmuseum in Wünsdorf, erläutert die Szene „Jesus vor Hannas“ im Bühnenbild „Palast der Hohepriester“. Die Kulisse wurde gerade erst restauriert und wird jetzt im Museum Himmlisches Theater im Kloster Neuzelle präsentiert.
© Foto: Patrick Pleul/dpa
Es ist immer wieder beeindruckend, die Passionsdarstellungen vom Heiligen Grab zu betrachten. Die Dramaturgie im Museum ist dabei einfach, aber überwältigend: Die Besucher laufen durch einen dunklen Gang direkt auf ein beleuchtetes Schild mit der Botschaft „Sein Grab wird herrlich sein“ zu. Dann können sie in dem offenen, abgedunkelten Raum die ausgeleuchteten Szenen auf sich wirken lassen. Und eine Ahnung davon erhalten, warum dieses barocke „Theatrum Sacrum“ so einzigartig ist.

Katholische Bilderpredigt im protestantischen Umfeld

Seit dem 16. Jahrhundert wurden in der Karwoche und zur Osterliturgie vor allem in Süddeutschland und im Alpenraum Altar- und Theaterarchitekturen in Kirchen aufgestellt, die den Leidensweg, die Grablegung und die Auferstehung Jesu Christi illustrieren sollten. Diese Heiligen Gräber wurden nicht wie in einem Theater „bespielt“, sondern dienten ausschließlich der Verinnerlichung, der Betrachtung und dem Gebet.
Das Neuzeller Heilige Grab mit seiner illusionistischen Raumarchitektur wurde um 1751 vom bömischen Künstler Joseph Felix Seifrit im Auftrag des Klosters Neuzelle für gegenreformatorische Bestrebungen geschaffen. Wegen seiner kommentierenden Bibelzitate gilt es als Bilderpredigt katholischen Glaubens in einem protestantischen Umfeld. Das Kulissentheater besteht aus 15 Szenen mit fast lebensgroßen Figuren in fünf Bühnenbildern – und ist damit europaweit nach Umfang, Größe und künstlerischer Qualität einmalig.

Bühnenbilder wurden 1997 wiederentdeckt

Von den ursprünglich 240 mit Leimfarbe bemalten Holztafeln und Leinwänden haben sich 229 erhalten. Letztmalig wurden die Bühnenbilder im Jahre 1863 in der Josefskapelle der Marienkirche aufgestellt, ehe sie eingelagert und 1997 – arg in Mitleidenschaft gezogen – im Turm wiederentdeckt wurden.
Vorrangiges Ziel der Konservierung sei es, den weiteren Verfall des Ensembles mit möglichst minimalen Eingriffen in die originale Substanz aufzuhalten und die Kulissen zu stabilisieren, betont Restauratorin Mechthild Noll-Minor. Fehlende Hände oder Köpfe von Figuren würden nicht ersetzt. So soll der unverfälscht überlieferte Charakter der Passionsdarstellungen soweit wie möglich bewahrt werden.
Museum Himmlisches Theater, Stiftsplatz 7, Neuzelle, Di–So 10–18 Uhr, Führungen bis 18. April täglich 15 Uhr; am 17. und 18. April auch 10.30 Uhr; www.klosterneuzelle.de