Für Claude Monets „Der Palazzo Ducale“ ist es nach fast neun Jahrzehnten so etwas wie eine Heimkehr an die Havel. Der kunstaffine jüdische Großbankier Jakob Goldschmidt erwirbt das impressionistische Gemälde 1928 vom Berliner Textilunternehmer Erich Goeritz und hängt die lichtdurchflutete Ansicht des venezianischen Dogenpalastes am Canal Grande in seine Villa am Griebnitzsee in Potsdam-Babelsberg.
Goldschmidt (1882–1955), einer der einflussreichsten Bankiers seiner Zeit, ist ein Kunstsammler und großzügiger Mäzen. 1929 etwa fördert er den Ankauf von Vincent van Goghs Gemälde „Garten von Daubigny“ durch die Nationalgalerie Berlin. Doch infolge des Börsencrachs gerät Goldschmidt  in wirtschaftliche Turbulenzen. Er muss mit den Kunstwerken seines Potsdamer Anwesens bürgen. Und dann ergreifen 1933 die Nationalsozialisten die Macht. Der Bankier flieht aus Deutschland. Seine Villa samt Kunstsammlung werden beschlagnahmt. 1941 lässt das Moabiter Finanzamt den „Palazzo Ducale“ versteigern. Erst 1960 erhält Goldschmidts Sohn Erwin das Bild zurück. 2015 kommt es bei Sotheby’s in New York unter den Hammer. Der Käufer: SAP-Mitbegründer Hasso Plattner.
Meisterwerke des Impressionismus im Potsdamer Museum Barberini

Dauerausstellung Meisterwerke des Impressionismus im Potsdamer Museum Barberini

103 Meisterwerke, davon gleich 34 Monets

Das Bild, das Monet 1908 in Venedig gemalt hat, gehört zu jenen 103 Gemälden seiner Sammlung französischer Impressionisten, die der Software-Milliardär als Dauerleihgabe dem Potsdamer Museum Barberini überlassen hat. Nun sind sie dauerhaft an der Havel zu sehen. Eine grandiose Schau mit Werken von Gustave Caillebotte, Camille Pissarro, Auguste Renoir, Paul Signac, Alfred Sisley, Maurice de Vlaminck – und gleich 34 Monets! So viele wie nirgendwo in Europa außerhalb von Paris, betont Barberini-Direktorin Ortrud Westheider und fügt hinzu: „Das Einzigartige an dieser Sammlung ist, dass sich an ihr die gesamte Geschichte des französischen Impressionismus über einen Zeitraum von 50 Jahren ablesen lässt.“
Ihrem Vater sei der Abschied von seiner Sammlung nicht leicht gefallen, sagt Stefanie Plattner. Aber er sei der Überzeugung, dass sich die Menschen, genau wie er, an den Bildern erfreuen sollen. Dabei habe ihr Vater seine Kollektion ohne Berater allein zusammengestellt, stets mit einem Gespür für Qualität. Plattner selbst fasst seine Leidenschaft für die Impressionisten so zusammen: „Die Gemälde beziehen uns als Betrachter unmittelbar mit ein, wir spüren den Wind auf der Haut und die Temperatur des Wassers, wenn wir Monets Segelbooten auf der Seine zusehen. Das schafft keine andere Kunst. Die Impressionisten sind Kommunikationsgenies.“

Die Künstler malen in der freien Natur

Monet, Pissarro, Renoir und Sisley finden in den 1860er-Jahren als Gruppe zusammen und revolutionieren die Kunst mit lichtdurchfluteten Landschaften, die sich radikal von den traditionellen Bildthemen ihrer Zeit befreien. 1874 werden sie vom Kunstkritiker Jules-Antoine Castagnary erstmals als „Impressionisten“ bezeichnet. Sie malen in der freien Natur – in sommerlicher Hitze wie in eisiger Winterkälte –, um flüchtige Sinneseindrücke unmittelbar auf die Leinwand zu bannen. Caillebotte, Berthe Morisot und Paul Cézanne schließen sich der neuen Kunstrichtung an. Auch der junge Pablo Picasso lässt sich 1901 in Paris vom impressionistischen Stil inspirieren. Später entwickeln Signac und Henri-Edmond Cross die Malerei der Pioniere im Pointillismus weiter, de Vlaminck und Raoul Dufy im expressiven Fauvismus.
Wer die Bilder in den acht Räumen betrachtet, gruppiert nach Themen wie Paris, Flusslandschaften, Gärten, Weiß oder auch Küsten, wohnt einem regelrechten Aufstand, einer Befreiung der Farben bei. Die Impressionisten konzentrieren ganz sich auf den Moment, sie wollen das augenblickliche Wechselspiel aus Licht, Schatten und Atmosphäre einfangen. In Konkurrenz zur aufkommenden Fotografie schaffen sie realistische Bilder, die überraschend abstrakt wirken.

Impressionisten zeichnen Industrialisierung

Die Künstler malen Landschaften entlang der Seine, an der Nordsee, am Ärmelkanal, am Atlantik, an der Côte d’Azur. Das Wasser, in dem sich Himmel, Sonne, Wolken spiegeln, ist ein häufiges Motiv. Die Impressionisten beobachten ebenso das quirlige Treiben auf den Pariser Boulevards.
Und wie selbstverständlich integrieren sie die Industrialisierung in ihre Bilder: Gustave Loiseaus „Raureif in Pontoise“ (1906) zeigt qualmende Schornsteine. Sisley malt 1880 „Die Steinbrüche in Veneux“ in der morgendlichen Sonne. Caillebottes „Die Brücke von Argenteuil und die Seine“ (um 1883) blendet sogar den Himmel aus und ersetzt ihn durch ein gusseisernes Bogenelement. Und Monet taucht in „Der Hafen von Le Havre am Abend“ (1872), einem seiner Schlüsselwerke, die Segelschiffe in ein Blau-Schwarz, das nur von den gelben Punkten und Reflexionen der neuen Gasbeleuchtung durchbrochen wird.

Dauerausstelluung „Impressionismus – Die Sammlung Hasso Plattner“, Mo/Mi-So 10–19 Uhr, Museum Barberini, Alter Markt, Humboldtstr. 5–6, Potsdam, Eintritt nur mit Zeitfenster-Tickets, online buchbar

Mehr zum Museum Barberini in Potsdam: www.museum-barberini.com