Ausstellung in Potsdam: Das Sandmännchen feiert Geburtstag

Immer eine Prise Schlafsand an Bord: Das Sandmännchen reist jeden Abend auf neue Weise an. Jetzt feiert es 60 Jahre bestehen.
Julian Stähle/dpaAn Bord ein Kosmonaut, der dem Sozialismus wahrscheinlich ebenso viele Sympathiepunkte eingebracht hat wie sein mit 1,57 Metern etwas größerer Kollege Juri Alexejewitsch Gagarin – das Sandmännchen. Nur sechs Tage nach dem Weltraumflug des sowjetischen Superstars hatte Trickfilmer und Puppenbauer Gerhard Behrendt bereits das Drehbuch fertig ("und aus dem Sternenmeer löst sich – eine Rakete"). In der Ausstellung "Mit dem Sandmann auf Zeitreise“ werden die beiden Reisen ins All geschickt verschnitten, sodass man tatsächlich meint, das Sandmännchen mit viel Feuer in Baikonur abheben zu sehen.
Abgesehen von dieser Spielerei setzt die Jubiläumsausstellung im Potsdamer Filmmuseum ganz auf den Charme ihres Protagonisten und beleuchtet herzerwärmend freundlich seine beiden Seiten: den Zauber seiner Knopfaugen, der handgemachten Puppen und Fahrzeuge sowie seine Neugier auf Technik.
Das Konzept der Schau hat verschiedene Ebenen, die für ganz unterschiedliche Zielgruppen funktionieren – an diesem Mittwochvormittag wuseln Kleinkinder durch die drei Räume, haben sich Freundinnen um die 50 verabredet, die kichernd in Erinnerungen schwelgen und vor den Vitrinen auf historisch Interessierte treffen. Für Kids gibt es Raketenhelme zum Ausleihen, ein begehbares Raumschiff und kleine Rätsel, in gemütliche Hör-Stationen zum Schaukeln darf jeder.
Das Sandmännchen kennen alle, weil es eben gefühlt schon immer da ist: Am 22. November 1959, genau heute vor 60 Jahren, lässt der Deutsche Fernsehfunk (DFF) das Kerlchen erstmals über die Leinwand flimmern – inhaltlich und künstlerisch sind die anderthalb Minuten noch wenig beeindruckend, aber die Hauptsache war auch: schneller sein als die Konkurrenz. Beim Sender Freies Berlin (SFB) wurde nämlich parallel an einem fast identischen Konzept gearbeitet. Die Puppe musste Behrendt deswegen binnen zwei Wochen fertigstellen, die Musik entstand an nur einem Abend.
Anfangs ist „Unser Sandmännchen“ noch gröber gestaltet und wirkt längst nicht so lieb und freundlich wie später; viel heftiger kritisiert wurde aber, dass es in der ersten Folge „Hauswand“ nach getaner Arbeit an einer Straßenecke einschläft – viele Kinder schickten daraufhin Puppenbetten und warme Kleidung, und von Eltern hagelte es Proteste.
Etwas nachgebessert durfte das Kerlchen weitermachen, der Westen zog neun Tage später mit eigener Figur nach. Tag für Tag erkundete „Unser Sandmännchen“ (Sand streut es allerdings erst ab Folge fünf) fortan die Märchenwelt, viele fremde Länder und alle denkbaren Aspekte des (DDR-)Alltags: Er taucht im Pionierlager auf, besucht die Messestadt Leipzig, den Zirkus, den Platz der Republik, die Olympischen Spiele und ein Krankenhaus.
Sein besonderer Clou: Er kommt immer auf andere Art, mal auf dem Pferderücken, mal mit der Schneefräse. Die Macher legen dabei Wert auf Realismus. Als etwa 1970 auf einer Raumstation gedreht werden soll, vermerkt eine Redakteurin im Skript, dass man in der Schwerelosigkeit nun mal kein normales Abendbrot servieren könne.
Auch wenn der Sandmann vor Vereinnahmungen nicht gefeit ist, gelingt es den Puppenmachern, ihn weitgehend neutral zu halten. Von Vorteil dabei bestimmt: seine Schweigsamkeit. Die Ausstellungsmacher nennen ihn einen „Mann der guten Tat“ – die Figur ist freundlich, alterslos, kindlich und weise, gütig, im Herzen Kosmopolit und ohne Vorurteile.
Nach der Wende triumphiert das Sandmännchen dann ein zweites Mal – als Gerüchte über die Einstellung die Runde machen, hagelt es Proteste, und tatsächlich verliert dann nicht er, sondern der Westkonkurrent seinen Job.
Auch wenn heute vorsichtig animiert wird, den poetischen Retro-Charme und die Knopfaugen gibt es immer noch. Anscheinend ein Erfolgsrezept: Für viele Kinder gehört „Sandmännchen“-Gucken noch immer zum Einschlaf-Ritual, die Sendung hat mehr als eine Million Zuschauer täglich. Eigentlich stünde dem Sandmann als Versöhner zwischen Ost und West ja längst das Bundesverdienstkreuz zu.
Ausstellung „Mit dem Sandmannauf Zeitreise“, bis 30.12.2020, Di–So10–18 Uhr, Filmmuseum, Breite Str. 1A, Potsdam, www.filmmuseum-potsdam.de; der rbb strahlt heute ab 20.15 Uhr eine Dokumentation und ab 2 Uhr eine lange Sandmannnacht aus.
Stets die große Frage: Wie kommt er heute?
Großer Fuhrpark: In mehr als 300 verschiedenen Fahrzeugen ist der Sandmann angereist – von der Berliner U-Bahn über Tretroller und Taucherglocke bis zum Panzer.International: Er wurde unter anderem nach Finnland, Schweden, Dänemark, Jemen, Angola und Vietnam exportiert.Entstanden aus Resten: Der Umhang für die erste Puppe stammte aus Billardtuch, für die Hose wurde ein altes Abendkleid zerschnitten.