Während der Fotograf Ingar Krauss Menschen inmitten von Natur festhält, holt er einzelne Zweige, Blüten oder Blätter aus ihrer bekannten Umgebung. Im Stile der Neuen Sachlichkeit fotografiert er diese Objekte vor schwarzem oder hellem Hintergrund, sodass ihre Strukturen sichtbar werden. Solche Fotos wirken wie gemalte Stilleben und erinnern an menschliche Porträts.
Ab und zu schimmert Farbe
Dem aus Ost-Berlin stammenden Fotografen, der in Berlin und im Oderbruch arbeitet, widmet die Galerie Pankow derzeit unter dem Titel "Lichtungen" eine Schau, in der Landschaften, Porträts und Stilleben gezeigt werden. Die überwiegend schwarz-weißen Fotografien aus unterschiedlichen Serien sind zwischen 2001 und 2019 entstanden. Ab und zu lässt Krauss etwas Farbe zu: rot und metallisch schimmert eine Tomate, fast grau wirkt das zarte Grün aufgeschichteter Maisblättern.
Der zweite Raum zeigt Porträts von Wanderarbeitern, die Krauss an verschiedenen Orten in Brandenburg fotografiert hat: Männer mit Schnauzbärten, nackten Oberkörpern, Schürzen oder Handschuhen. Sie alle scheinen mit stillem Blick nach innen zu schauen. Ein jüngerer Mann steht so aufrecht vor einem Baum, als sei er selbst dort verwurzelt. Die Flecken auf seiner weißen Schürze sehen aus wie die Strukturen einer Baumrinde.
Porträt der Tomate
Neben den Wanderarbeitern hängen neun Fotos, die Zuckerrüben zeigen. Mit ihren kopfartigen Formen und ihren vielfältigen Strukturen bekommen auch sie in dieser Porträtform etwas Menschliches – und durch die künstlerische Aufmerksamkeit, die ihnen zuteil wird, Wert zugesprochen. Ingar Krauss lenkt den Blick auf Dinge, die sonst wenig beachtet werden – und auf Strukturen, die erst durch den sorgsam gewählten Ausschnitt sichtbar werden.
In seiner Serie "Gartenstücke", die 2010 bis 2017 in Mecklenburg und Brandenburg entstand, zeigt Krauss Ausschnitte von Gärten. Menschen sind nicht zu sehen, aber ihr unermüdliches Werk spiegelt sich in den grafisch anmutenden Hecken und Zäunen, mit denen sie ihre Parzellen voneinander abgrenzen. Auch in den Wäldern, die Krauss fotografiert hat, sind menschliche Spuren zu sehen. Der 1965 geborene Fotograf hat als Handwerker an der Volksbühne und als Betreuer in der Psychiatrie gearbeitet. Seit Mitte der 90er-Jahre widmet er sich der Fotografie. Seine Arbeiten waren bereits in vielen deutschen, aber auch internationalen Galerien zu sehen.
Ingar Krauss: "Lichtungen", bis 28. Juli, Galerie Pankow, Breite Straße 8, Berlin-Pankow