Ausstellung: Umbo-Retrospektive in der Berlinischen Galerie

Immer wieder fotografiert Umbo (1902–1980) die Schauspielerin Ruth Landshoff. Es gibt eine Ausstellung in der Berlinischen Galerie. (Symbolbild)
Lisa Ducret/dpaEnde der 1920er-Jahre ist er einer der gefragtesten Fotografen seiner Zeit, ist mit seinen experimentellen Arbeiten an allen wegweisenden fotografischen Ausstellungen beteiligt, und seine Bilder werden in Millionenauflage in Zeitschriften und Büchern publiziert.
Dabei hat der junge Mann, 1902 als Otto Maximilian Umbehr in Düsseldorf geboren, keine fotografische Vorbildung. Er interessiert sich für Kunst, aber das Bauhaus in Weimar hat ihn nach dem Vorkurs wegen "Bummelei“ rausgeworfen, und er schlägt sich seitdem in seiner Wahlheimat Berlin mühsam als Hilfsarbeiter, Clown und Kinoplakatmaler durch. 1926 ist er am Tiefpunkt, als er – obdachlos und hungrig – im Künstlertreff „Romanisches Café“ zusammenbricht und in die Rettungsstelle eingeliefert wird. Ein Freund aus der Bauhaus-Zeit, Paul Citroen, nimmt ihn bei sich auf, und mit dessen Kamera knipsen sie sich und anwesende Freundinnen gegenseitig.
Mit diesen Bildern geht Umbos Stern auf. Die Aufnahmen stehen für das Neue: das neue Porträt, das neue Bild der Frau, der neue Blick auf die Straße, die neue Fotoreportage.
Dass er, wie er freimütig zugibt, nicht die geringste Ahnung von der Fotografie hat, ist eher ein Vorteil: Er verstößt gegen alle Regeln, zeigt extrem angeschnittene Motive oder leuchtet seine Modelle frontal so stark an, dass nur Augen und Mund richtig erkennbar sind. Und findet gerade damit eine Bildsprache, die den Nerv der Zeit trifft. Seine Gabe ist das Sehen, er hat ein Gespür für Komposition und für Hell-Dunkel-Kontraste, geschult am von ihm sehr geschätzten Bauhaus-Lehrer Johannes Itten.
Ende 1927 bekommt er eine moderne Kamera geschenkt und dokumentiert fortan das Berlin der Weimarer Zeit. Und während die Zeitgenossen Fotografie noch schlicht als Hinweis auf ein Ereignis begreifen, sieht er sie als Kunstform mit elektrisierenden Möglichkeiten. In einer ganz eigenen Ästhetik erzählt er Geschichten und zwar, ähnlich wie James Joyce in der Literatur, aus unterschiedlichen Perspektiven; seine Fotoreportage über den Clown Grock etwa zeigt die spektakuläre Verwandlung eines Durchschnittsmannes. Eine Art Muse wird ihm die Schauspielerin Ruth Landshoff, die er immer wieder anders in Szene setzt.
Leider währt diese flirrende, kreative Zeit nur ein paar Jahre; als 1933 die Nazis an die Macht kommen, trocknet Umbos Nährboden aus. Er wird nie wieder richtig Fuß fassen.
Obwohl politisch eher links, nimmt er im Dritten Reich auch Aufträge für NS-Zeitschriften an, versucht in den Themen Theater, Film und Sport eine Nische zu finden. Nachdem er spät noch eingezogen wird, arbeitet er für die Wehrmacht als Kraftfahrer. 1943 werden sein Atelier und komplettes Archiv bei einem Luftangriff vernichtet, und er steht vor den Trümmern seines Schaffens.
Nach dem Krieg strandet er in Hannover und macht kaum noch Experimentelles – stattdessen fotografiert er Hochzeiten, Messen und für kleinere Zeitungen; Angebote für eine regelmäßige Zusammenarbeit mit überregionalen Zeitschriften lehnt er ab. „Seine Argumente dagegen erscheinen fast irrational“, sagt Kurator Ulrich Domröse, der Umbos Briefwechsel gesichtet hat; er habe so wohl seine Unabhängigkeit und künstlerische Freiheit bewahren wollen. Lieber übernimmt er wieder Gelegenheitsjobs, als Kohlenträger oder Kassenwart. Vor allem für britische Auftraggeber macht er aber einige beeindruckende Reportagen – über ein Flüchtlingsmädchen etwa oder einen Hungerkünstler. Erst 1979, ein Jahr vor seinem Tod, gibt es in Hannover wieder eine Ausstellung, dann folgt eine allmähliche, stotternde Wiederentdeckung.
Die jetzige Retrospektive mit dem schlichten Titel „Umbo. Fotograf“ in der Berlinischen Galerie ist nun mit rund 200 Bildern eine endgültige Rückeroberung seines verdienten Platzes in der Fotografiegeschichte.
Man kann sie auch als Triumph moderner Museumsarbeit feiern – drei Häusern ist 2016 gemeinsam gelungen, nach siebenjähriger Vorarbeit den Umbo-Nachlass zu kaufen. Rund 3,6 Millionen Euro, der größte Ankauf für Fotografie in der deutschen Nachkriegsgeschichte, haben das Sprengel Museum Hannover, die Stiftung Bauhaus Dessau und die Berlinische Galerie in Kooperation mit einer Galerie, der Familie des Künstlers und verschiedenen Sponsoren dafür aufgebracht.
Die große Schau ist eine (erneute) Wiederentdeckung eines Künstlers, der sich so ziemlich jeder Kategorisierung entzieht, und passt in eine Zeit, die verrückt nach den 20er-Jahren ist, wie die Faust aufs Auge.
„Umbo. Fotograf.“, bis 25.5., Mo/Mi–So 10–18 Uhr Berlinische Galerie, Alte Jakobstr. 124-128, Berlin-Kreuzberg