Belletristik
: Neuer Roman von André Kubiczek

André Kubiczek schreibt im neuen Roman „Straße der Jugend“ seine „Skizze eines Sommers“ fort.
Von
Welf Grombacher
Düsseldorf
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  • Jugend in der DDR: Der Autor Andre Kubiczek weist Ähnlichkeiten zu seinem Romanhelden auf.

    Jugend in der DDR: Der Autor Andre Kubiczek weist Ähnlichkeiten zu seinem Romanhelden auf.

    Arne Dedert
  • André Kubiczek: "Straße der Jugend", Rowohlt Berlin, 400 Seiten, 22 Euro

    André Kubiczek: "Straße der Jugend", Rowohlt Berlin, 400 Seiten, 22 Euro

    promo
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„1985 kam nicht jeden Tag die Stasi um die Ecke, oder die Volkspolizei hat Terror im Wohngebiet entfacht“, sagt Kubiczek. „Das sind Mythen der Bundeszentrale für politische Bildung.“ Jugendliche kümmerten sich damals herzlich wenig um Politik.

Verwickelte Liebesgeschichten

Mit „Straße der Jugend“ nimmt der 1969 in Potsdam geborene Schriftsteller die Fäden jetzt wieder auf und schreibt seine „Skizze“ fort. Der Sommer ist vorbei. Und René im Buch, der mit dem realen Autor nicht nur den Strich auf der letzten Silbe gemein hat, muss nach Halle (Saale), wo er an der Arbeiter und Bauernfakultät für Moskau vorbereitet werden soll, um dort in zwei Jahren „Organisation der materiell-technischen Basis“ zu studieren.

Das Internat, das er sich nach der Lektüre von Hermann Hesses „Unterm Rad“ als „irgendwie schlossartiges Gebäude“ vorgestellt hat, ist in Wahrheit ein Plattenbau-Hochhaus mit zwölf Etagen. Sein Studentenausweis hat schon vor dem ersten Schultag zwei Eselsohren. Sonst aber ist es ganz okay und die Club-Zigaretten schmecken genauso wie in Potsdam.

René kleidet sich immer noch bevorzugt schwarz und liest Baudelaire, während seine Kommilitonen sich durch Lenins „Staat und Revolution“ quälen. Und in den Ferien in Potsdam ist er wie früher hin- und hergerissen zwischen seiner Freundin Victoria und Rebecca, mit der ihn eher eine platonische Liebe verbindet. Irgendwann gibt Victoria ihm deswegen den Laufpass, um dann wenig später als „Stiefschwester“ wieder in seinem Leben aufzutauchen. Heiratet Renés Vater doch ausgerechnet die Mutter von Victoria. Was zu peinlichen Szenen führt! Das sind auch schon die wichtigsten Ereignisse im Roman. Ansonsten erzählt André Kubiczek wie schon in seiner „Skizze“ von einer ganz normalen Jugend in der DDR, die sich von der im Westen gar nicht mal so sehr unterscheidet.

Nach dem berühmten einen Bier zuviel kotzt René die „erste gute Pizza“ seines Lebens unter der Giebichensteinbrücke in die Saale. Und mit Kumpels gründet er eine Band und macht „Dark Psychedelic Slow Rock“. Weil sie kein Schlagzeug haben, wollen sie wie die Einstürzenden Neubauten auf Autotüren rumtrommeln. Dumm nur, dass Autotüren in der DDR wegen Ersatzteilmangels teurer sind als ein ganzes Schlagzeug. „Und Türen vom Trabi sind noch nicht mal aus Metall.“ Ganz subversiv nur hält der real existierende Sozialismus also doch Einzug im Leben der Jugendlichen. Etwa auch, wenn René die Kassetten für seine Kumpels mit The Fall, The Cult oder Jesus And Mary Chain in Potsdam aufnehmen muss, wo er Westempfang hat, während Halle im Tal der Ahnungslosen liegt.

Wie ungekünstelt André Kubiczek seine Geschichte erzählt, ist sympathisch. Das liest sich flott. Auch, dass seine Jungs ein bisschen geschwollen daherreden und abgegriffene Redewendungen bemühen, sieht man ihm nach. Das ist Personalstil. Wer Rilke und Rimbaud liest, spricht schon mal so.

Irgendwie aber entsteht der Eindruck, Kubiczek sei mit seinem Helden die Unschuld abhanden gekommen. Im Bewusstsein, eine Fortsetzung seines Erfolgsromans zu schreiben, verliert er sich in Nebensächlichkeiten, beschreibt mehr als er erzählt, verdichtet zu wenig und hält auch den Ton nicht konsequent durch, wegen dem die Literarische Welt ihn als „Salinger des deutschen Ostens“ bezeichnete. Immer noch adressiert er den Leser, spricht ihn direkt und flapsig an, so wie es auch Ulrich Plenzdorf in „Die neuen Leiden des jungen W.“ (1972) getan hat. Aber im neuen Buch von Kubiczek wirkt das etwas aufgesetzt.

Im unbekümmerten Drauflosschreiben liegt die Stärke, aber auch die Schwäche dieses neuen Romans. Damit jetzt kein falscher Eindruck entsteht: Wer die „Skizze eines Sommers“ gerne gelesen hat, der wird auch die „Straße der Jugend“ mögen. Aber ein Sequel fällt eben meist ein wenig ab gegen das Original.

Ein "Salinger des deutschen Ostens"

Der gebürtige Potsdamer André Kubiczek, Jahrgang 1969, lebt heute in Berlin. Er studierte Germanistik in Leipzig und Bonn, ohne einen Abschluss zu machen. 2002 erschien im Rowohlt Verlag sein Debütroman "Junge Talente", 2003 folgte "Die Guten und die Bösen". Weitere Veröffentlichungen sind "Oben leuchten die Sterne", "Kopf unter Wasser" und "Der Genosse, die Prinzessin und ihr lieber Herr Sohn". Nach einem Zwischenspiel beim Piper Verlag ist Kubiczek heute wieder bei Rowohlt unter Vertrag. Zuletzt erschienen "Das fabelhafte Jahr der Anarchie" (2014), "Skizze eines Sommers" (2016) sowie "Komm in den totgesagten Park und schau" (2018). ⇥red