Berlin-Konzert: Seeed spielt zu Hause in der ausverkauften Max-Schmeling-Halle

Die Musiker Peter Fox (l-r), Boundzound und Frank Dellé der Band Seeed stehen am 13.09.2015 beim Lollapalooza Festival auf dem Gelände des ehemaligen Flughafen Tempelhof in Berlin auf der Bühne.
Britta Pedersen/dpaWer rein will zu Seeed in die ausverkaufte Max-Schmeling-Halle, der muss erstmal ein bisschen frieren beim Anstehen in der langen Schlange. Aber was soll’s. Die Fans haben nun schon sieben Jahre auf ein neues Album und drei Jahre auf eine neue Live-Tournee gewartet, da lassen sie sich von den letzten Verzögerungen die Laune nicht mehr verderben. Die Vorfreude quillt unter den dicken Jacken förmlich hervor: Seeed ist nicht nur im Haus, sondern auch zu Hause. Dickes B home an der Spree.
Doch auf dem Berlin-Faktor reitet Seeed wohltuenderweise gar nicht groß rum. Die Texte sind ja eh voll davon, und die proppenvolle Halle bejubelt fröhlich jede der zahlreichen Hauptstadt-Anspielungen – auch die von Sänger Pierre Baigorry alias Peter Fox zu ebenjener Nachtlebenhymne „Schwarz zu Blau“ von seinem Stadtaffen-Solo-Album.
Und natürlich ziehen dieser und andere der alten Kracher immer noch am besten. Seeed hat reichlich davon in den Abend gestreut, der ansonsten das neue Album „Bam Bam“ vorstellt. „Bam Bam“ übrigens gesprochen, wie Baigorry nebenbei bemerkt, und nicht etwa „Bäm Bäm“.
Es wird viel getanzt, das Publikum ist größtenteils nicht mehr ganz jung, aber bewegungsfreudig. Gekommen sind alle: Ergraute Herren mit gepolsterten Hüften, Seeed-Babes, die sich schulterfrei aus den triefenden Wintermänteln schälen, junge Wilde, die bei „Molotov“ tatsächlich ein Pogo-Tänzchen im Innenraum wagen, Mutter, Vater, Kind ebenso wie die Großmutter. Die Kleinsten natürlich mit dicken Ohrenschützern.
Seeed ist eben für die ganze Familie da: „Schüttel Deinen Speck“, das gilt für „Girls, Mamas, Muttis, Omis“, ruft Baigorry in den Saal. „Und für alle anderen auch.“ Er und Ko-Sänger Frank Dellé gehen voran beim allgemeinen Bewegungsdrang mit ihren synchronen und sehr sehr lässigen moves. Die spektakulären Sprung- und Breakdance-Übungen überlassen sie dagegen einer eigens eingeschalteten Tanztruppe. Zusammen mit der saftig aufspielenden Band machen sie aus „Ding“ einen Ghetto-Samba-Feger, der die Mehrzweckhalle im Prenzlauer Berg irgendwo zwischen Karibik und New York verlegt. "Scheiß auf’s Berghain“, stellt Baigorry völlig zu Recht fest.
Ansonsten aber scheint Seeed musikalisch manchmal einen Gang runterzuschalten, die „Dancehall Caballeros“ etwa galoppieren nicht mehr ganz so ungestüm durch den Rhythmus und das sonst so drängende „Alles neu“ kommt als tiefenentspannter Reggae daher. Das Publikum aber geht auch dabei mit. Ganz innig wird es dann, als Dellé den Song „You & I“ dem vor eineinhalb Jahren verstorbenen Freund und Sänger Demba Nabé widmet: „Demba, das ist für Dich“. Da leuchten die Handy-Lichter, und das eine oder andere Feuerzeug funkt auch noch ein Lebenszeichen. Nur die Texte der neuen Songs sitzen noch nicht ganz: Beim Mitsingen von „Ticket“ gleich zu Beginn muss Seeed ein bisschen helfen, bei den alten Hits kann die Halle es dann auch alleine. Vielleicht aber mussten auch alle zunächst ein bisschen warm werden. Kein Wunder – bei dem Wetter da draußen.
Mit großem Gebläse am Start
Die Berliner Band Seeed steht für Reggae und Dancehall. Gegründet 1998 als "mobiles Reggae-Sondereinsatzkommando", zeichnet sich die Band bei Live-Auftritten den üppigen Einsatz von Blasinstrumenten aus. Bis zum Tod des Sängers Demba Nabé im Mai 2018 bestand die Gruppe, die dreimal den Echo gewann, aus elf Musikern. ⇥red
