Berlinale 2024: Andreas Dresen mit Film über Hilde Coppi im Wettbewerb
Natürlich muss es in diesen Tagen auch darum gehen: Bei der Präsentation des Programmes ihrer letzten Berlinale am Montagvormittag widmen sich Kurator Carlo Chatrian Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek zunächst ausführlich den aktuellen Debatten rund um die Terrorakte der Hamas auf Israel und den Krieg im Gazastreifen, mit Boykott-Aufrufen und Cancel-Culture. In einer gewundenen, so diplomatisch wie nur möglich formulierten Erklärung betonen beide, dass sie sich „gegen jede Form von Diskriminierung“ stellen, und rufen in Erinnerung, dass Filmfestivals einen Beitrag zur internationalen Verständigung leisten können. Es ist ihnen anzumerken, dass sie um jeden Preis eine hitzige Cancel-Debatte vermeiden wollen, die bereits etliche andere Institutionen (Universitäten, Kulturveranstaltungen, ...) ereilt hat.
Die Gefahr dazu scheint durchaus real: Ein unlängst gestarteter Kultur-Boykottaufruf unter dem Titel „Strike Germany“ sieht in Deutschland eine Zensur am Werk, wenn es um Kritik an Israel geht. Die überwiegend anonymen Initiatoren dieses Aufrufes kommen mutmaßlich aus dem Umfeld der BDS-Kampagne (Boycott, Divestment and Sanctions), namhafte Intellektuelle wie die französische Literaturnobelpreisträgerin Annie Ernaux und die Gender-Theoretikerin Judith Butler haben ihn unterzeichnet. Vor wenigen Tagen hatte daraufhin der ghanaisch-lesothische Regisseur Ayo Tsalithaba angekündigt, dass er seinen Festivalbeitrag „Atmospheric Arrivals“ aus der Sektion Forum Expanded zurückziehen würde. Nach Chatrians Kenntnis seien bislang zwei Beiträger abgesprungen.
Nur kein Porzellan zertrümmern, so schien jetzt die Devise der Festivalleitung. Beide betonten, dass sie den wachsenden Antisemitismus hierzulande und international mit großer Besorgnis zur Kenntnis nähmen. Beide wollen Gesprächskanäle offenhalten, wollen „Dialog und Verständigung“ und niemanden vorverurteilen.

22.01.2024, Berlin: Das Leitungs-Duo der Berlinale, Mariette Rissenbeek, Geschäftsführerin, und Carlo Chatrian, künstlerischer Direktor, stehen vor Beginn der Pressekonferenz zur Vorstellung Bekanntgabe des Berlinale-Programms 2024 auf der Bühne.
Jens Kalaene/dpaFreilich erlaubte sich Carlo Chatrian eine kleine Spitze gegen Boykott-Anhänger, indem er darauf hinweist, dass ein solcher Rückzug eben geeignet ist, Aufmerksamkeit zu generieren. Fürs erste kann man aber wohl sagen, dass die scheidende Festivalleitung diesen Konflikt souverän pariert hat.
Drei afrikanische und zwei deutsche Wettbewerbsbeiträge
In der Programmvorstellung geht es dann aber wirklich um Filme. Die fünfte und letzte Berlinale von Chatrian/Rissenbeek, bevor im nächsten Jahr die US-Amerikanerin Tricia Tuttle übernehmen soll, bietet eine Vielfalt an Themen, Genres und Herkunftsländern.
Zwei deutsche Filme und weitere Koproduktionen mit deutscher Beteiligung sind im diesjährigen Wettbewerb der Berlinale vertreten. Dass Regisseur Andreas Dresen und seine Drehbuchschreiberin Laila Stieler einen Film über die deutsche Widerstandskämpferin Hilde Coppi gedreht haben, ist schon länger bekannt. Nun ist er mit dem Film im Wettbewerb der 74. Berlinale gelandet.

Liv Lisa Fries als Widerstandskämpferin Hilde Coppi und Johannes Hegemann als Hans Coppi in einer Szene des Films „In Liebe, Eure Hilde“ („From Hilde, With Love“, undatierte Filmszene). Der deutsche Film geht bei der diesjährigen Berlinale in das Rennen um einen Goldenen Bären. Insgesamt sollen 20 Filme im Wettbewerb der 74. Ausgabe der Berlinale laufen.
Frederic Batier/Pandora Film/Berlinale/dpaDie Hauptrolle spielt Liv Lisa Fries, bekannt aus „Babylon Berlin“. Mit seinem vorangegangen Film „Rabiye Kurnaz vs. George W. Bush“ hatte Laila Stieler 2022 den Silbernen Bären für das beste Drehbuch und Meltem Kaptan den Silbernen Bären für die beste Darstellerin gewonnen.
Lars Eidinger erneut im Wettbewerb
Berlinale-Faktotum und Publikumsliebling Lars Eidinger wird im 74. Jahrgang des Berliner Filmfestes ebenfalls wieder auf der Leinwand zu sehen sein. Der Berliner Schauspieler hat eine der Hauptrollen in „Sterben“ von Regisseur Matthias Glasner. Es ist ein starbesetzter Streifen bis in die Nebenrollen: Auch Corinna Harfouch, Lilith Stangenberg, Ronald Zehrfeld und Robert Gwisdek spielen mit.

Lars Eidinger als Tom in einer Szene des Films „Sterben“ ("Dying", undatierte Filmszene). Der deutsche Film geht bei der diesjährigen Berlinale in das Rennen um einen Goldenen Bären. Insgesamt sollen 20 Filme im Wettbewerb der 74. Ausgabe der Berlinale laufen.
Jakub Bejnarowicz/dpaMit Spannung dürften Kino-Enthusiasten auch die Vorführung von „Langue étrangère“ erwarten, einer französisch-deutsch-belgischen Koproduktion von der Regisseurin Claire Burger, Jahrgang 1978. Die Handlung, die sich um die Freundschaft zweier Teenager (gespielt von Lilith Grasmug und Chiara Mastroianni) dreht, beginnt in Leipzig und endet in Strasbourg.
Dass die Berlinale für Überraschungen gut ist und ihren Blick auf bislang wenig vom Kino erschlossene Regionen der Welt richtet, ist seit vielen Jahren Teil ihrer DNA. Der scheidende Programmchef Carlo Chatrian steht dafür in besonder Weise. Im diesjährigen Wettbewerb kommen drei von 20 Filmen aus Afrika. Vor allem der Dokumentarfilm „Dahomey“ dürfte Debatten auslösen, geht es in dem Beitrag von Regisseur Mati Diop doch um Beutekunst aus der Kolonialzeit und ihre Restitution. Produziert wurde der Streifen in Frankreich, dem Senegal und dem Benin.
16 Projekte des Medienboard Berlin-Brandenburg
Auch die Region Berlin-Brandenburg ist in diesem Jahr wieder reichlich vertreten auf dem Filmfest, wenn auch nicht immer als Spielort. Wie das Medienboard Berlin-Brandenburg bekanntgab, wurden insgesamt 16 Filme und/oder Serien aus dem Programm durch Mittel des staatlichen Förderunternehmens unterstützt.
Von China und Indien über den Iran, quer durch Europa und bis in die beiden Amerikas führt die Auswahl, die Carlo Chatrian für seine eigene Sparten-Kreation Encounters getroffen hat, in der es um besonders außergewöhnliche Erzähltechniken und Perspektiven gehen soll. Auch hier gibt es Dokumentationen, so etwa der französische Beitrag „Une famille“ von Christine Angot, und deutsche Produktionen oder Beteiligungen, so etwa „Ivo“ von Eva Trobisch.
Und sonst? Das Kino Colosseum in Mitte wird in diesem Jahr erneut vom Filmfest genutzt, die Urania in Schöneberg wird nicht mehr bespielt. Der Potsdamer Platz soll weiterhin das Zentrum der Berlinale bilden und für die zehn Festivaltage besonders dekoriert werden: „Wir hoffen und denken, dass unser Publikum sich da sehr wohlfühlen wird“, sagte Mariette Rissenbeek.
Die 74. Berlinale findet vom 15. bis 25. Februar statt. Programm und Info: www.berlinale.de




Nach den Restrukturierungsplänen für die Internationalen Filmfestspiele Berlin wirft der Künstlerische Leiter Carlo Chatrian hin. Das ist bedauerlich. Wo steuert die Berlinale hin?