Berlinale 2024 für Kids: Von China bis in den Iran – so fühlen sich Heranwachsende heute

Deba Hekmat, Lydia Fleming und Solly McLeod in "The Last Swin" in der Berlinale-Sektion Generation 14plus
Matt McQuillanTagsüber und nachts arbeiten die Abrissbagger. Dort, wo früher seine Freunde wohnten, streben heute Wolkenkratzer in den Himmel. Nur das Haus in dem Li Xing, seine Mutter und der Stiefvater wohnen, trotzt dem Neubauboom – noch. Und so steigt der 15-Jährige täglich auf dem Weg zur Schule über die Reste alter Häuser und die darunter begrabenen Hoffnungen.
Eines Tages findet er zusammen mit seinem Freund den Eingang in eine geheime Höhle. Dort können die Jungen alleine sein und träumen, dem rasanten Umbruch entfliehen. Dabei bringen Animationen die Sehnsüchte der Heranwachsenden für alle sichtbar auf die Leinwand.
Acht Filme für die Altersgruppe 14plus
„Spielfilme, dokumentarische Arbeiten, Animationen, Genreformate und Filme, die die Formensprache des Kinos erweitern, in einem kompakten Programm“, verspricht Sebastian Markt, der die Berlinale Kinder- und Jugendsektion „Generation“ seit 2022 leitet: Acht Lang- und acht Kurzfilme präsentiert er dem Publikum in der Altersgruppe 14plus während des Festivals.

Jugend in Phuket: Li Rongkun in "The Great Phuket"
Liu YaonanSo zeigt Liu Yaonans anfangs erwähnter chinesischer Beitrag „Xiao Ban Jie“ (The Great Phuket) strafende Lehrer, schimpfende Eltern und begehrenswerte Frauen, die die Gefühlswelt von Li Xing ordentlich durcheinanderbringen. Doch der Junge nimmt auf, verarbeitet und handelt zunehmend selbstbestimmt.
Das gib ihm und seiner Familie die Kraft, einen neuen, starken Selbstwert zu entwickeln. Sehr subtil wirbt dieses Coming-of-age-Drama um Verständnis für eine Generation, die in einer komplexen, sich radikal wandelnden Welt groß werden muss – und gewährt ganz nebenbei spannende Einblicke in den chinesischen Alltag.
Den letzten Schultag feiern
Nach Großbritannien nimmt der Generation-14plus-Eröffnungsfilm „Last swim“ das Publikum mit. In seinem Debüt schickt der Brite Sasha Nathwani die Zuschauer auf ein temporeiches, poetisches Roadmovie durch London: Dort will Ziba ihren letzten Schultag und das bestandene Abi mit ihren besten Freunden feiern. Dazu hat sie einen minutiösen Stundenplan ausgearbeitet, denn für sie wird es wohl einer der letzten normalen Tage in ihrem Leben sein.
Eine schwere Krankheit hat sich in den letzten Wochen angekündigt, wie der Regisseur geschickt in Rückblenden erzählt. Während das Publikum eingeweiht ist und Zibas Emotionen mitfühlt, ahnen ihre Freunde zwar etwas, wissen aber nichts. Das erspart ihnen krampfige Dialoge über den Tod, lässt sie vor Lebensfreude strotzen und jeden Moment genießen.
Der Traum von Thai-Boxen
Das will auch Maydegol, ein aus Afghanistan geflüchtetes Mädchen. Im Iran will sie professionelle Muay-Thai-Boxerin werden, muss sich dabei aber gegen die patriarchale Gesellschaft und ihren prügelnden Vater behaupten. Ein dokumentarisch anmutendes, beeindruckendes Porträt einer ambitionierten Sportlerin, die als Geflüchtete in prekären Verhältnissen lebt und uns authentische Einblicke in das Gefühlsleben junger muslimischer Frauen gewährt.

Träumen vom besseren Leben: Farzaneh, Maydegol und Mohadesseh in dem Generations-Film "Maydegol"
BerlinaleAnders als 2023, reflektieren die Beiträge in diesem Festivaljahrgang nicht vorwiegend das aktuelle Weltgeschehen, sondern nutzen den Film, um fantastische Freiräume zu gestalten. Dabei fällt zunehmend auf, dass bei den Heranwachsenden immer weniger Platz ist für heiteres Kinovergnügen. Komödien für junge Menschen sucht das Publikum in diesem Jahr vergeblich.
Vielleicht kommt das ja im Anschluss an das Festival zur Sprache: Im Nachgang zur Berlinale findet traditionell ein Austausch zwischen den Festivalschaffenden und Schülerinnen statt: Bei dem Treffen lassen sich die Generation-Macher erzählen, wie die jungen Menschen das Festival wahrgenommen haben und was verbesserungswürdig ist.
Vorführungen auf der Berlinale
► „Xiao Ban Jie“ (The Great Phuket): 17.2., 19 Uhr, HKW1, 18.2., 18.30 Uhr Cineplex Titania, 21.2., 10 Uhr, Zoo-Palast2, 22.2., 18.45 Uhr, Cubix8, 24.2., 15.30 Uhr, Zoo-Palast1
► „Last swim“: 16.2., 19.30 Uhr, HKW1, 17.2., 18.30 Uhr, Cineplex Titania, 18.45 Uhr, Cubix8, 19.2., 15.45 Uhr, Cubix8, 23.2., 13.30 Uhr, International
► „Maydegol“: 18.2., 13 Uhr, International, 19.2., 10 Uhr, Zoo-Palast 2, 20.2., 16 Uhr, HKW1, 21.2., 15.45 Uhr, Cubix8, 23.2., 18.30 Uhr, Cineplex Titania
Tickets: Normalpreis 9 Euro, ermäßigt 6 Euro



Bei den Oscars ist der deutsche Film derzeit sagenhaft gut aufgestellt. Doch die Berlinale hat sehr zu kämpfen. Die Gründe sind auch hausgemacht.