Berlinale 2026: Von Kabul nach Hamburg - Regisseurin verarbeitet ihre Flucht

Mehr als Kollegen: Qodrat (Anwar Hashimi) und Naru (Shahrbanoo Sadat) erleben aufregende Tage vor dem Einmarsch der Taliban in Kabul 2021. Der Film „No Good Men“ ist der Eröffnungsfilm der Berlinale. Ist das eine gute Wahl?
Virginie SurdejDie Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Gerade ist der erste große Job so richtig schiefgegangen: Der Taliban-Chef hat das Interview abgebrochen, weil das Kopftuch der Kamerafrau Naru verrutscht war. Empört schmeißt TV-Journalist Qodrat, der lange um dieses Gespräch gekämpft hatte, sie aus dem Wagen: Sie solle lieber eine Straßenumfrage zum Valentinstag machen, das könne sie besser.
Als Naru dann Frauen auf der Straße befragt - Männer wollen nicht mit ihr sprechen -, kommt der gesammelte Frust heraus: Es gebe keine guten Männer in Afghanistan, den Satz „Ich liebe dich“ hätten sie weder gehört noch je gesagt, ihre Männer behandelten sie wie ihr Eigentum, berichten die Frauen. Willkommen im afghanischen Patriarchat.
Regisseurin Shahrbanoo Sadat floh 2021 aus Kabul
„No Good Men“ heißt der Film, der die 76. Ausgabe der Berlinale eröffnet, und er macht sich auf die Suche, ob es sie nicht doch geben kann, die guten Männer im Iran, die Frauen mit Respekt und Kollegialität begegnen. Die 36-jährige, in Teheran als Tochter afghanischer Flüchtlinge geborene und in Afghanistan aufgewachsene Regisseurin Shahrbanoo Sadat, die auch die Hauptrolle der Naru übernommen hat, spricht aus eigener Erfahrung. Und ihr Filmpartner und Freund, der TV-Journalist Anwar Hashimi, ist der erste „gute Mann“, den sie als wütende junge Frau in Afghanistan kennenlernte.

Regisseurin Shahrbanoo Sadat auf der Pressekonferenz der 76. Berlinale. Ihr Film „No Good Men“ eröffnet das Festival.
Sebastian Gollnow/dpaShahrbanoo Sadat verarbeitet in „No Good Men“ eigenes Erleben: Ihr Film spielt im Frühjahr 2021, kurz vor der Übernahme von Kabul durch die Taliban, und endet mit den dramatischen Szenen am Flughafen im April 2021. Shahrbanoo Sadat ist damals aus Afghanistan geflohen, dank einer internationalen Rettungsaktion. Heute lebt sie in Hamburg.
Vom Ankommen in Deutschland und dem Trauma der Flucht
Auf der Pressekonferenz erzählt sie von ihren ersten Erfahrungen in Deutschland: Wie sie, gerade frisch dem Horror am Flughafen in Kabul entkommen, wo sie 72 Stunden mit ihrer Familie festsaß, als Erstes in einen Deutschkurs gesteckt wurde und dort saß und sich wunderte: „Was mache ich hier?“ Ihr ganzes Leben war gerade zusammengebrochen, ihre Familie zum Teil noch in Afghanistan, sie sei nicht in der Lage gewesen, eine Sprache zu lernen in dem Moment. Ihr Rat an Deutschland daher: Die Geflüchteten aus Afghanistan erst einmal psychologisch zu betreuen und ihnen Zeit zu geben, bis sie reif für die Integration seien.
Ein politisches Statement also, zur Eröffnung der Berlinale, das steht ganz in der Tradition dieses politischsten aller Weltfilmfestivals. Und eine Dosis schlechtes Gewissen für die deutsche Politprominenz im Galapublikum gibt es gratis dazu: Denn Deutsche kommen in dem vom vielen deutschen Förderinstitutionen mitfinanzierten Film nur in einer kurzen Szene vor, als überforderte Bundeswehrsoldaten am Flughafen von Kabul, die in dem Chaos versuchen, die Glücklichen herauszuholen, die auf einer Evakuierungsliste stehen. Die Ereignisse rund um den chaotischen Truppenabzug sind nicht nur für die Regisseurin, die sie hautnah miterlebte, traumatisch. Sie sind bis heute ein Menetekel deutschen Staatsversagens.
Romanze vor dramatischem Zeithintergrund
„No Good Men“ ist ein mitreißender Film, der immer nah bei seinen beiden Protagonisten bleibt – die männliche Hauptrolle übernahm der TV-Journalist Anwar Hashimi, ein guter Freund der Regisseurin, der ihr bei der Recherche half und auf dessen Erinnerungen auch ihre beiden vorangegangenen Filme basieren. Die beiden lassen im Kampf um Selbstständigkeit und Anerkennung ganz nebenbei zart die Funken sprühen, und verhandeln doch viel mehr als eine Romanze vor dramatischem Zeithintergrund.
Die rebellische Naru führt einen Einzelkampf gegen die Polizisten, Chefredakteure, gegen ihren notorisch untreuen Ehemann und für ihren kleinen Sohn Liam, den sie auf keinen Fall verlieren möchte. Gedreht wurde in Deutschland, unter Verwendung dokumentarischen Materials aus Afghanistan: „Wenn Sie es nicht wüssten, könnten Sie nicht sagen, wo dieser Film gedreht ist“, ist Schnittmeisterin Alexandra Strauss sicher.
Trotz aller Dramatik findet Sadats Film immer wieder einen leichten Ton, wenn drei Freundinnen mit einem aus den USA importierten Sexspielzeug herumalbern oder im Café über die Männer lästern. Dass der Film die Lebenslust und Liebe verteidigt, auch in einer Situation, in der alle nur Krieg und Unterdrückung sehen – auch das ist politisch, und war erklärtes Ziel der Regisseurin. „Ich wollte ein Bild von dem Afghanistan zeigen, das ich kannte, und das man zu selten im Kino sieht.“ Mehr Frauen hinter die Kamera!
„No Good Men“ läuft noch einmal am 13. Februar 2026, 18.15 Uhr, in der Uber Eats Music Hall und am 14. Februar 2026, 20.30 Uhr, im Haus der Berliner Festspiele. Tickets und Informationen unter www.berlinale.de


























