Berlinale
: „Wir glauben an die große Leinwand“

Die neuen Festival-Chefs Carlo Chatrian und Mariette Riessenbeek über Stars, Berlin und den deutschen Film
Von
Christina Tilmann
Am 20
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Schöner Goldjunge: Mariette Rissenbeek, Geschäftsführerin, und Carlo Chatrian, künstlerischer Direktor der Berlinale, bewundern den ersten Bären in der Gießerei Noack.

Tobias Schwarz/dpa

Herr Chatrian, Frau Rissenbeek, am kommenden Dienstag stellen Sie Ihr Programm öffentlich vor. Ist alles fertig?

Chatrian: Das Programm ist abgeschlossen. Es gibt immer noch kleinere Fragen wie die, welche Gäste kommen und an welchem Tag welche Filme gezeigt werden, aber die Auswahl ist fertig und wir sind sehr zufrieden damit.

Herr Chatrian, Sie sind bekannt dafür, alle Filme selbst sichten zu wollen. Wie viele aus dem Programm haben Sie gesehen?

Chatrian: Fast alle. Ich habe sie nicht gezählt. Natürlich alle Filme des Wettbewerbs, der neuen Sektion „Encounters“, dem Berlinale Special und alle Serien von Berlinale Series. Ich kenne alle Filme der Panorama-Auswahl und viele der Kinder- und Jugendsektion Generation. Und natürlich habe ich auch viele Filme für die Retrospektive und alle Filme der Berlinale Classics gesehen.  Einen Teil der Forum-Filme habe ich auch gesichtet.

Die Berlinale war zuletzt für ihre Unübersichtlichkeit kritisiert worden. Werden es unter Ihrer Ägide mehr oder weniger Filme?

Chatrian: In diesem Jahr haben wir noch das Berlinale-Jubiläum mit dem Sonderprogramm „On Transmission“ mit 14 Filmen – insgesamt werden es eher ein paar mehr Filme als sonst. Aber das Ziel war auch nicht, die Zahl der Filme drastisch zu verringern, sondern ihnen eine stärkere Richtung zu geben. Insgesamt sollte man besser verstehen, warum ein Film in der einen Sektion läuft oder in der anderen.

Sie haben von Kulturstaatsministerin Monika Grütters den Auftrag, die Berlinale als Publikumsfestival zu erhalten und nicht zu verkleinern. Wie verträgt sich das mit einer Schärfung des Profils?

Rissenbeek: Zunächst glaube ich, dass es dem Publikum zugutekommt, wenn man das Programm klar strukturiert. Carlo Chatrians Wunsch nach Programmschärfung bedeutet nicht, dass wir weniger Karten verkaufen wollen. Problematischer ist eher, dass durch die Schließung des CineStars am Potsdamer Platz eine wichtige Spielstätte wegfällt. Dafür bespielen wir alle Säle des Cubix am Alexanderplatz. Insgesamt sind wir zuversichtlich. Ich spüre schon eine große Neugier auf unsere erste Berlinale.

Die Situation am Potsdamer Platz ist kompliziert geworden, einmal durch die Schließung des CineStar, die Umnutzung des Berlinale Palasts durch den Cirque du Soleil. Und jetzt werden auch noch die Potsdamer Platz Arkaden renoviert. Hat die Berlinale am Potsdamer Platz eine Zukunft?

Rissenbeek: Die Arkaden sind 20 Jahre alt, das ist für einen kommerziellen Raum eine lange Zeit. Daher verstehe ich den Wunsch nach Erneuerung. Außerdem behalten wir unseren Ticketverkauf und den Merchandising Shop dort. Aber insgesamt ist die Situation, mit dem Gropius-Bau in der Nähe und den Hotels, sehr praktisch. Es wäre schwierig, etwas ähnlich Geeignetes zu finden.

Herr Chatrian, wie gut haben Sie Berlin als Filmstadt schon kennengelernt?

Chatrian: Ich muss unbedingt noch nach Babelsberg, das hat bislang noch nicht geklappt. Wir haben ja erst im Juni angefangen, und ab September bin ich viel gereist, vor allem in den letzten beiden Monaten, als es um die Auswahl ging. Aber ich war schon in verschiedenen Kinos – ich wohne in Kreuzberg, und war mehrfach im Moviemento, im Babylon, und auch im Wolf, einem sehr schönen Kino mit tollen Leuten… Aber wenn man den ganzen Tag Filme sichtet, wie ich in den letzten Monaten, manchmal acht Filme am Tag, dann will man spätabends auch mal etwas Anderes machen.

Rissenbeek: Da ich nicht so viele Filme sichten muss, gehe ich immer liebend gern privat ins Kino, oder auch zu Filmpremieren. Ich war bei der Premiere der neuen Staffel von „Babylon Berlin“, letzte Woche habe ich „Crescendo“ im Delphi gesehen, und „Jojo Rabbit“ im International – es ist spannend, um verschiedene Arten von Events kennenzulernen.

Apropos Events: Es gibt ja immer die große Angst, dass nicht genug Stars zur Berlinale kommen. Wie sieht das in diesem Jahr aus: Wer kommt? Oder ist Ihnen das nicht so wichtig?

Rissenbeek: Man kann kein Festival ohne Stars machen. Das wäre nur der halbe Spaß.

Chatrian: Wenn ich sage, dass ich gute Filme haben möchte, heißt das nicht, dass Stars nicht so wichtig sind. Noch kann ich nicht allzu viel dazu sagen, aber ein paar Namen sind doch schon publik: Jeremy Irons ist Jurypräsident, Helen Mirren bekommt einen Ehrenbären.

Sie haben einen zweiten Wettbewerb, Encounters, eingeführt. Was soll diese Reihe bringen?

Chatrian: Es soll die Vitalität des Kinos feiern. Wir haben eine Mischung aus Regisseuren, die schon in großen Festivals vertreten waren, wie Cristi Puiu, dessen letzte Filme in Cannes liefen. Es gibt einen Dokumentarfilm ohne Worte und nur mit Tieren.  Und es gibt einen deutschen Film, „Nackte Tiere“, von Melanie Waelde, einer jungen, vielversprechenden Regisseurin, und einen von Heinz Emigholz, der eher für experimentelle Filme steht. Jeder Film ist einzigartig.

Wie steht es um den deutschen Film? Dieter Kosslick hat sich gerade am Anfang seiner Amtszeit sehr um die deutschen Regisseure bemüht. Jetzt ist die Perspektive Deutsches Kino auf acht Filme geschrumpft…

Chatrian: Ich bin sehr froh mit der Auswahl der Perspektive Deutsches Kino. Wir wollten uns dort konzentrieren und verzichten auf kurze und mittellange Filme, dafür gibt es im Panorama und in Generation mehr deutsche Filme als sonst. Wir wollen die Vielfalt des deutschen Kinos zeigen, aber wir können natürlich auch nur das zeigen, was da ist.

Rissenbeek: Und es gibt im Vorfeld des Festivals die Zusammenarbeit mit der Deutschen Filmakademie, bei der es zum Beispiel eine Diskussion zwischen Carlo Chatrian und Fatih Akin geben wird, über „Gegen die Wand“, der 2004 den Goldenen Bären erhielt.

Die Berlinale feiert dieses Jahr 70. Jubiläum. Ein Blick in die Zukunft: Wie wird das Festival mit 80 aussehen? Wird es dann noch Film im Kino geben, oder streamen dann alle?

Rissenbeek: Wir glauben beide daran, Filme auf der großen Leinwand zu sehen und dieses besondere Erlebnis zu haben, mit vielen anderen im Dunkeln zu sitzen, sich auf das Geschehen auf der Leinwand zu konzentrieren und danach gemeinsam darüber zu sprechen. Das wollen wir schützen und stärken und auch ein neues, junges Publikum für diese Erfahrung gewinnen. Da ist die Generation-Reihe schon ein guter Start.

Herr Chatrian, vermissen Sie die Piazza Grande in Locarno nicht, mit 8000 Zuschauern jeden Abend?

Riessenbeek: Er hat schon gesagt, er möchte einen größeren Raum, mit 10 000 Zuschauern.

Chatrian: Vielleicht nicht open air wie im Sommer in Locarno. Aber ein Publikum von Tausenden von Zuschauern zu haben, ist für jeden Regisseur eine Belohnung. Wenn wir das in Zukunft auch auf der Berlinale bieten könnten, wäre das etwas Tolles.

Das Festival und seine Leitung

Die 70. Berlinale eröffnet am 20. Februar mit der Romanverfilmung "My Salinger Year" von Philippe Falardeau. Der Film mit Sigourney Weaver ("Alien") und Margaret Qualley ("Once Upon a Time in Hollywood") porträtiert eine junge Schriftstellerin (Qualley), die als Assistentin einer Literaturagentin (Weaver) arbeitet. "Ihr Job ist es, die Fanpost von Kultautor J.D. Salinger, dem Stolz der Agentur, zu beantworten", teilte die Festivalleitung mit. Die Berlinale läuft in diesem Jahr erstmals unter Leitung des Italieners Carlo Chatrian, der zuvor das Filmfest in Locarno leitete, und der Niederländerin Mariette Rissenbeek, zuvor Geschäftsführerin von German Films. ⇥red