Konzert: Die ewige Gundermann-Tour - Andreas Dresen über seinen Auftritt mit Alexander Scheer und Band

Auf Tour: Andreas Dresen genießt den Live-Auftritt mit Band.
Sebastian KahnertHerr Dresen, Ihr Film „Gundermann“ läuft seit 2018. Hätten Sie erwartet, dass das Thema so ankommt?
Das habe ich überhaupt nicht erwartet. Wir haben sehr lange kämpfen müssen, bis wir diesen Film machen konnten, weil es bei den Produzenten und Geldgebern eine gewisse Skepsis gab, dass ein Film über einen singenden Baggerfahrer im Braunkohlerevier auf größere Publikumsresonanz stoßen könnte. Wenn einem jahrelang die Leute sagen, das will keiner sehen, fängt man irgendwann an, selbst daran zu glauben. Deshalb war ich, als der Film endlich gestartet ist, sehr skeptisch – und dann total überrascht, wie er eingeschlagen ist. Dass ein Thema auf eine so große gesellschaftliche Resonanz stößt, ist etwas, was man sich immer wünscht – und selten hat.
Haben Sie eine Vermutung, warum dieser Film zu dieser Zeit so gut angekommen ist?
Drehbuchautorin Laila Stieler und ich haben zwölf Jahre an dem Projekt gearbeitet, und vielleicht war das in diesem Fall ein Glück. Ich denke, wenn der Film fünf Jahre früher herausgekommen wäre, hätte es vielleicht nicht so funktioniert. Jetzt stieß er in eine gesellschaftliche Debatte, in der es ein Bedürfnis danach gab, sich auf differenziertere Weise mit Ostdeutschland, mit der ostdeutschen Herkunft, auch mit den Problemen der Menschen aus diesem Landstrich auseinanderzusetzen.
Auch die Feierlichkeiten zum Mauerfall 2019 haben ja gezeigt, wie viel Diskussionsbedarf da noch herrscht…
Es ist doch sehr okay, dass man sich auseinandersetzt und streitet und auch die Probleme benennt. Ich fand das ganz gut, dass man auch einmal reingeleuchtet hat in die Probleme und nicht immer nur blühende Landschaften feiert.
Ist das Thema für Sie wieder wichtiger geworden? Mit „Als wir träumten“ und „Gundermann“ haben Sie zuletzt zwei Filme gedreht, die sich explizit mit der Umbruchzeit um 1989 beschäftigen…
Vielleicht braucht es manchmal etwas mehr zeitlichen Abstand. Ende der Neunzigerjahre kam ja die große Komödienwelle, mit „Sonnenallee“ und „Goodbye Lenin“, das hat Spaß gemacht, aber es hat auch diese komischen Retro-Shows losgetreten, wo der Osten auf eine skurrile Hülle reduziert wurde, das hat mich genervt. Und dann gab es Filme, die einen sehr klischeehaften Blick auf die DDR geworfen haben, wie „Das Leben der Anderen“.
Gerade beim Stasi-Thema, das Florian Henckel von Donnersmark in „Das Leben der Anderen“ behandelt, geht „Gundermann“ sehr anders vor. Hat das auch damit zu tun, dass man sich die eigene Geschichte nicht von Außenstehenden erzählen lassen möchte?
Ich habe grundsätzlich gar nichts dagegen, wenn Kollegen aus dem Westen über die DDR erzählen. Das darf aber nicht die einzige Sicht auf die Dinge bleiben. Ich habe in den Neunzigerjahren ja drei Filme zum Thema DDR gemacht, aber das wollte damals noch keiner sehen. Irgendwann habe ich resigniert und gesagt: Dann lasse ich das und wende mich eher der deutschen Gegenwart zu. Man darf sich dann aber auch nicht beklagen, wenn andere das Feld besetzen. Das sind dann „die Filme der Anderen“.
„Gundermann“ hat Zuschauer in Ost wie in West begeistert. Hat Sie das gewundert bei so einem klassischen Ost-Thema?
Ich war mit dem Film viel im Westen unterwegs und habe dort so herzliche Reaktionen bekommen. Das hat gezeigt, dass das Klischee gar nicht stimmt, dass sich die Menschen im Westen für die Geschichte des Ostens nicht interessieren. Diese brüchige Geschichte, wo jemand sich in schwierigen politischen Konstellationen zu verhalten versucht und sich dabei auch verfängt, darin kann man sich in unterschiedlichen gesellschaftlichen Verhältnissen wiedererkennen.
Mit Gundermanns Songs und Alexander Scheer und Band touren Sie nun durch Deutschland. Waren Sie eigentlich immer ein Gundermann-Fan?
Ich habe ihn persönlich leider nie kennengelernt, aber ich habe mir schon damals die CDs gekauft und die Musik wirklich gern gehört. Seit 2008 habe ich zuerst in einer Band gemeinsam mit Axel Prahl die Songs von Gundi gesungen. Durch den Film hat das jetzt nochmal einen ganz anderen Schwung bekommen. Eigentlich wollten wir ihn nur zum Kinostart musikalisch begleiten und dann hat sich das total verselbständigt und die Bühnen sind zu unserer Überraschung immer größer geworden.
Es gibt ja viele Schauspieler, die ein zweites Standbein in der Musik finden. Wären Sie auch gern Musiker geworden?
Dazu fehlt mir das Talent. Ich möchte mich lieber gar nicht mit den Profis messen. Aber das große Vergnügen ist, dass man in der Musik auf ganz direkte Art Emotionen ausdrücken und ausleben kann, auch in der Begegnung mit dem Publikum – und ich darf endlich mal mitmachen! Als Regisseur ist man sonst ja immer draußen, als „Controletti“: Die Schauspieler spielen, der Kameramann filmt, die Kostümbildner ziehen die Leute an, und was macht der Regisseur: er steht daneben und schaut zu. In einer Band ist man Teil eines sehr lebendigen Organismus, und das macht Spaß.
Im Moment entdecken viele die Musik ihrer Jugend wieder, es läuft ein Film über Udo Lindenberg, einer über Judy Garland, einer über Queen, einer über Leonard Cohen – was haben Sie als Jugendlicher gehört?
Ich bin der totale Beatles-Fan. Aber da konnte ich natürlich nicht auf Konzerte gehen. Ich bin also mit der Musik des Ostens groß geworden, da gab es ja richtig gute Bands, Pankow, Silly…. Deshalb freue ich mich auch so, dass der Pankow-Gitarrist Jürgen Ehle, eines der Musik-Genies der DDR, jetzt gemeinsam mit uns auf der Bühne steht. Das ist natürlich eine große Ehre, mit dem eigenen Idol Musik machen zu dürfen.
Für Frankfurt (Oder) ist immer noch Ihr Film „Halbe Treppe“ von 2002 mit den 17 Hippies wichtig. Hat sich Ihr Blick auf die Stadt verändert?
Dazu bin ich zu selten da. Den Imbiss von damals gibt es ja nicht mehr, und die Stadt wirkt deutlich rausgeputzter. Aber das ist ja nur das Äußerliche. Ich denke, es wäre schon schön, wenn etwas mehr Dynamik in die Stadt kommt. In der Region fehlt einfach ein großer Arbeitgeber und ein wirtschaftlicher Aufschwung, das hat sich in den 20 Jahren seit dem Film leider nicht verändert. Es braucht eine Perspektive, damit mehr junge Leute nach Frankfurt kommen.
Sie haben sich viel mit Brandenburg beschäftigt, in den Dokumentarfilmen über „Herrn Wichmann von der CDU“, und als Verfassungsrichter in Potsdam. Was für Perspektiven sehen Sie im Land?
Puh, schwer zu sagen, ich bin ja nur Filmemacher. Aber ich wünsche dem Land natürlich, dass es bunt bleibt und seine Schönheit bewahrt, ohne nur zum touristischen Refugium von Berlin zu werden. Auf der anderen Seite brauchen die Menschen Arbeit, auch jenseits des Tourismus. Das ist ein komplizierter Spagat. Gerade bei der Braunkohlediskussion, bei der ich mich verständlicherweise den Menschen dort unten sehr nahe fühle, weil wir dort mehrfach gedreht haben, muss man gut abwägen.
Gerade läuft die 70. Berlinale. Sie waren auch einmal in der Berlinale-Jury. Was erwarten Sie von dem neuen Team?
Natürlich bin ich Dieter Kosslick sehr verbunden, der über viele, viele Jahre ein tolles Festival organisiert hat, aber ich bin auch sehr gespannt, was sich jetzt verändern wird. Es ist jedes Jahr ein Ereignis für die Region, es gibt ja auch viele Brandenburger, die extra in die Stadt fahren und die Kinos stürmen. Manchmal denke ich, in Zeiten von Streaming-Diensten funktionieren nur noch Festivals, aber dann gehe ich ins Kino, und sehe, dass selbst ein Film wie „Parasite“ vor vollen Sälen läuft, und das, bevor er den Oscar gewonnen hat. Es ist eben doch toll, gemeinsam mit anderen in einem Saal zu sitzen und einen Film zu sehen. Kino hat gerade deswegen eine Zukunft, weil es ein soziales Ereignis ist.
Die Konzerte
"Gundermann", die Regiearbeit von Andreas Dresen, wurde zum Arthouse-Hit des Jahres 2018 und mit 5 Lolas, dem Deutschen Filmpreis, dekoriert. Als Hauptdarsteller erhielt Alexander Scheer dafür den Bayrischen Filmpreis 2019 und die Lola. Zur Filmpremiere gab es einige umjubelte Konzerte, teilweise vor tausenden Zuschauern, der eigens dafür gegründeten Band um Alexander Scheer & Andreas Dresen. Mit dabei: Andreas Dresen (Gesang, Gitarre), Alexander Scheer (Gesang, Gitarre, Mundharmonika), Jens Quandt (Keyboards, Mundharmonika, Percussion), Jürgen Ehle (E-Gitarre, Gesang), Harry Rosswog (Bass) und Nicolai Ziel (Schlagzeug). Seitdem der „Zweitbester-Sommer-Tour“ 2019 sind sie mit dem Programm unterwegs, immer wieder unterbrochen von Konzertverschiebungen. Am 22. Mai 2022 wird endlich das schon zweimal angekündigte Konzert im Kleist-Forum Frankfurt (Oder) nachgeholt, am 28. Mai treten sie beim Siebenklang-Festival in Bernau auf.
