Berlinale: Lars Eidinger als Nazi in „Persian Lessons“

"Es droht Gefahr, dass sich die Geschichte wiederholt": Lars Eidinger auf der Pressekonferenz zu "Persian Lessons".
Michael KappelerKurz darauf ist er tot. Deutsche Soldaten treiben die Menschen heraus, befehlen ihnen, sich in einer Reihe aufzustellen und erschießen sie. Gilles lässt sich fallen, als ob er angeschossen wäre. Als ein Soldat dies bemerkt, ruft der Belgier: „Ich bin kein Jude, ich bin Perser“, und zieht das Buch hervor.
Was er nicht weiß: Hauptsturmführer Koch (Lars Eidinger) sucht einen Perser — und hat Fleischkonserven als Belohnung versprochen. Trotz Zweifeln nehmen die Soldaten ihn mit ins Lager. Koch will Persisch lernen, denn er möchte nach dem Krieg nach Teheran gehen und dort ein deutsches Restaurant eröffnen.
So beginnt eine fantastisch anmutende Geschichte: Ein junger, jüdischer Belgier wird 1943 in Frankreich aufgegriffen und in ein deutsches Lager gesteckt. Dort überlebt er, indem er einem SS–Mann eine ausgedachte Sprache beibringt.
Die Story des Films „Persion Lessons“ von Vadim Perelman beruht auf der Erzählung „Erfindung einer Sprache“ von Wolfgang Kohlhaase. Es gebe hunderte ähnliche Geschichten, in denen kluge Menschen überleben, sagt der in der Ukraine geborene, in Kanada lebende Regisseur Perelman im Presseheft. Er wolle gerne glauben, dass „Persian Lessons“ eine Kompilation dieser Geschichten sei.
Es scheint anfangs kaum möglich, eine solche Lüge aufrecht zu erhalten. „Solltest du nicht der sein, für den du sich ausgibst, finde ich es heraus und töte dich“, droht Hauptsturmführer Koch. Gilles arbeitet tagsüber in der Küche und denkt sich dabei Vokabeln aus, die er vor sich hinmurmelt, um sie sich zu merken. Stift und Zettel hat er nicht, nur sein Gedächtnis. Abends trifft er Hauptsturmführer Koch und unterrichtet ihn.
Die beiden Protagonisten sind eine gute Besetzung. Wie man es von Lars Eidinger gewohnt ist, arbeitet er die unterschiedlichen, widersprüchlichen Lagen der Persönlichkeit von Karl Koch präzise heraus. Er verleiht dem unerbittlichen Hauptsturmführer Koch etwas Unberechenbares, hinter dem eine unbefriedigte Romantik hervor schimmert.
Im Gegensatz dazu steht die unbewegte Miene Gilles’. Mit seinen großen blauen Augen starrt Nahuel Pérez Biscayart ins Leere. Was hinter der Fassade passiert, darf nicht herauskommen. Mehrmals scheint es, als würde er etwas zu lange zögern, ehe ein neues Wort über seine Lippen kommt. Doch auch sein Schüler scheint sich zu wünschen, dass die Maskerade echt sei.
Sprache interessiert ihn, sagt Eidinger
Das Motiv der Sprache habe ihn am Drehbuch interessiert, erzählt Lars Eidinger bei der Pressekonferenz auf der Berlinale. Ein Jude und ein Faschist, die sich in einer ausgedachten Sprache unterhalten: Das sei ein großartiges Bild für das, was Kultur sei, betont Eidinger. Denn sie sei sei nichts, was jemandem von Natur aus zu eigen sei, sondern etwas Ausgedachtes, von Menschen Gemachtes.
Für die Rolle des Gilles kam nur ein Schauspieler infrage, der so einen sprachlichen Einfallsreichtum verkörpern kann: Nahuel Pérez Biscayart ist ein argentinischer Schauspieler, dessen Muttersprache Spanisch ist. Trotzdem spricht er fließend Französisch — und auch sein Deutsch klingt so perfekt, dass es im Film beinahe unglaubwürdig wirkt.
Umrahmt wird die interessante Begegnung dieser ungleichen Menschen vom Lageralltag, der sich zwischen dem elenden Leben und Sterben der Häftlinge auf der einen und den Sorgen der SS–Leute auf der anderen Seite abspielt. Normalerweise würden Nazis im Film wie Roboter dargestellt, die nichts Menschliches an sich haben, sagt Vadim Perelman. Er habe ihnen etwas Menschliches geben wollen — auch damit sich bei den Zuschauenden die Erkenntnis einstellen könnte: Das könnten sie selbst sein.
So neu erscheint diese Idee allerdings nicht. Die Erkenntnis dass die grausamen Verbrechen der Nationalsozialisten von Menschen verübt wurden, scheint sich auch im Film herumgesprochen zu haben. Und vor Klischees macht „Persian Lessons“ nun wirklich keinen Halt. Die SS–Leute sehen aus wie aus dem Nazi–Katalog, und die „Menschlichkeit“, von der Perelman spricht, driftet bisweilen in Banalität ab.
Beispielsweise, wenn im Zuge einer nicht besonders spannenden Eifersuchtsgeschichte zwischen SS–Frauen die Penisgröße eines Vorgesetzten Thema wird. Manche Filme lassen durch die Erzählung von Alltagsgeschichten die Grausamkeit der nazionalsozialistischen Vernichtungsindustrie erschreckender erscheinen. Bei „Persian Lessons“, der in der Sektion „Berlinale Special“ läuft, wirken solche Momente leider manchmal simpel konstruiert und abgegriffen. Dagegen können auch Nahuel Pérez Biscayart und Lars Eidinger nicht anspielen.
Auch die überbordende Filmmusik und metaphorisch aufgeladene Szenen à la: „SS–Mann erstarrt plötzlich, als er Jesus am Kreuz in der Kirche sieht“ tun der Kernerzählung nicht gut, die eigentlich wie ein perfekter Filmstoff erscheint.
Als Deutscher traumatisiert
Denn die Intention ist gut und richtig: Geschichten aus dem Zweiten Weltkrieg müssen erzählt werden. Lars Eidinger kritisiert bei der Pressekonferenz die deutsche Zurückhaltung, was die Thematik angeht. Er sei damit aufgewachsen, dass von einer neuen Generation gesprochen wurde, die keine Schuld mehr trage. Als Enkel von jemandem, der im Krieg gekämpft hat uns als Sohn von jemandem, der im Krieg geboren wurde, aber ist auch er involviert. „Ich bin als Deutscher bis heute hochgradig traumatisiert“, sagt er. Diesem Trauma wolle er sich stellen.
Eidinger schlägt den Bogen zur aktuellen politischen Situation in Deutschland und der Gefahr, dass sich Geschichte wiederholt. Er habe das Gefühl, dass die Gesellschaft vergiftet sei, sagt Eidinger. Wenn man ganz platt versuche, Liebe in die Welt zu tragen, ernte man Hass.
Insofern kann „Persian Lessons“ als dringend notwendiger Beitrag gelesen werden, Geschichte lebendig zu halten und Empathie zu fördern. Ein bisschen weniger Pathos aber wäre dabei mehr gewesen.
„Persian Lessons“: Berlinale Special, 23.2. 9.30 Uhr FSP, 12 Uhr HdBF, 20.30 Uhr Thalia Potsdam, 24.2. 21 Uhr FSP