Ein bisschen Provokation und Show ist schon im Spiel. Das Cold War Museum in Berlin-Mitte präsentiert sich den Passanten aufdringlich, um nicht zu sagen aggressiv: Abgeklebte Fensterscheiben in Blau und Rot. Wie bei einer Spielhölle. Jedenfalls ein deutlicher Bruch mit den benachbarten klassizistischen und sozialistischen Prunkfassaden auf dem Boulevard Unter den Linden.
Eintritt durch die verklebte Türfront. Im Foyer warten gleich einige Wanddekorationen und Exponate, die den kreischenden Auftritt untermauern. Eine echte sowjetische Flugabwehrrakete vom Typ S-75 hängt unter der Decke.
Einige Meter weiter: ein originalgetreuer Nachbau der Atombombe „Fat Man“, die am 9. August 1945 über Nagasaki abgeworfen wurde. In Signalgelb, voluminös und buchstäblich fett. An der Wand großflächig eine Abbildung der Berliner Mauer – das trennende Grau des Betons wird hier druch Konterfeis von herausgehobenen „Kalten Kriegern“ noch ungemütlicher inszeniert. Harry S. Truman, Nikita Chruschtschow, Helmut Kohl, Josef Stalin und weitere Staatenlenker sind hier in einer tristen Ahnengalerie vereint.

Raketen, Bomben, Stacheldraht und Spionage

Das ästhetische Konzept des neu eröffneten Cold War Museums ist ganz klar das der Überwältigung. Raketen und Bomben, Stacheldraht und Beton, Spionage und Raumfahrt sind Schlagworte, mit denen hier ein wohl überwiegend junges, mit den historischen Details des Kalten Krieges nicht mehr vertrautes Publikum adressiert werden soll. Noch dazu eines, das ganz selbstverständlich in die digitale Welt hineingfewachsen ist. Neben historischen Original-Schaustücken und bildmächtigen Wanddekorationen gibt es auch diverse Multimedia-Stationen und interaktive Elemente. Die geteilte Stadt Berlin lässt sich mit VR-Brillen auf eigene Faust erkunden; ihre Nutzung ist allerdings mit zusätzlichen Gebühren verbunden. Die bleiernen Jahrzehnte werden hier jedenfalls bildmächtig inszeniert.
Eine bequeme Reise in die Nachkriegszeit: Mit Virtual-Beality-Brillen können Gäste des Museums in das Berlin der Mauer-Jahre eintauchen – und dabei Grenzschützern über die Schulter blicken.
Eine bequeme Reise in die Nachkriegszeit: Mit Virtual-Beality-Brillen können Gäste des Museums in das Berlin der Mauer-Jahre eintauchen – und dabei Grenzschützern über die Schulter blicken.
© Foto: Can Ovalioglu

Privat geführtes Haus

Die Erzählung des Hauses reicht vom Ende des Zweiten Weltkrieges im Jahr 1945 über Nachkriegsjahre, republikgründungen und Mauerbau bis zur Wiedervereinigung Deutschlands und der Auflösung der Sowjetunion im Jahr 1991. Die Entwicklungen in Deutschland spielen in dieser Berliner Schau naturgemäß eine naheliegenderweise eine besondere Rolle, aber es geht auch um andere Schauplätze der Welt – und nicht zuletzt im Weltall. Mehr als 1600 Quadratmeter Fläche und zwei Stockwerke haben die Verantwortlichen sich dafür genommen.
Üppiger Medieneinsatz: Auf großen Bildschirmen wird Original-Filmmaterial gezeigt und um weitere Informationen angereichert.
Üppiger Medieneinsatz: Auf großen Bildschirmen wird Original-Filmmaterial gezeigt und um weitere Informationen angereichert.
© Foto: Boris Kruse
Federführend bei der Gründung des privat geführten Cold War Museums sind als Direktor der Museumsexperte Carsten Kollmeier und als Geschäftsführer Harald Braun. Beide haben gemeinsam in Berlin bereits das seit Ende 2021 geschlossene Dalí Museum und das Spionage Museum initiiert. Der Betrieb des neuen Hauses soll ebenfalls aus den Eintrittsgeldern erwirtschaftet werden. „Was wir in Berlin schon haben, sind eine Reihe Hot-Spots rund um den Kalten Krieg“, sagte Museumsdirektor Carsten Kollmeier anlässlich der Eröffnung. „Zum Beispiel die Mauer-Gedenkstätte, den Checkpoint Charlie oder das Alliiertenmuseum.“ Mit dem neuen Museum gebe es jetzt erstmalig einen niederschwelligen Einstieg in die Thematik.

Innenarchitektur von Sergei Tchoban

Ein fester Etat für die fortlaufende Aktualisierung sei nicht vorgesehen, sagten die Verantwortlichen auf Nachfrage vor der Veröffentlichung Ende November – weil das Haus „glücklicherweise“ kein staatliches Museum ist. Dafür sollen aber regelmäßig Teile der Eintrittsgelder in die Schau reinvestiert werden.
Für die Innenarchitektur wurde der renommierte russische Architekt Sergei Tchoban engagiert, der in Berlin-Prenzlauer Berg mit seiner Tchoban Foundation auch das Museum für Architekturzeichnung aus der Taufe gehoben hat. „Nicht zu museal“ wolle man sich dem Publikum präsentieren, sagte Tchoban wenige Tage vor der Eröffnung Ende November, aber doch „wissenschaftlich auf einem hohen Niveau“.

Zwei Seiten einer Geschichte

Die Ausstellung mit kontinuierlichen und wechselnden Exponaten solle „zwei Seiten derselben Geschichte“ abbilden, das geht aus den Ankündigungen und Werbematerialien des Museums hervor. Dieser Anspruch ist leicht eingelöst, zumal die Verantwortlichen ihn auf einer sinnlich erfahrbaren, konkreten Ebene beantworten: Der Weltraumanzug sowjetischer Kosmonauten steht unmittelbar neben dem Gegenpart des Astronauten der Nasa. Agentenköfferchen mit Abhörgeräten und/oder Schusswaffen gab es gleichermaßen in Ost und West.
Klandestine Tarnung: ein Agentenkoffer mit Schusswaffe im Cold War Museum Berlin
Klandestine Tarnung: ein Agentenkoffer mit Schusswaffe im Cold War Museum Berlin
© Foto: Boris Kruse
Ebenso ist es bei den Auftritten und Zitaten von Militärs und Politikern – alles wird immer penibel paritätisch repräsentiert. Ausgerechnet über Willy Brandt aber, den regierenden Oberbürgermeister Westberlins zu Zeiten des Mauerbaus, findet die Ausstellung keinen Platz. Viel Liebe und Sorgfalt widmeten die Kuratoren hingegen dem „Space Race“ zwischen UdSSR und USA. Die ersten Flüge ins Weltall und Juri Gagarin, die Mondlandung der Apollo 11 am 21. Juli 1969 und später die Planungen für Weltraumstationen –hier lässt sich alles im Detail und mit aussagekräftigem Bildmaterial studieren.
Ein Beirat um den Historiker Bernd Stöver begleitet das Haus. Stöver hat an der Universität Potsdam eine Professur am Bereich Internationale Geschichte inne. Manche Aspekte wie zum Beispiel die Auswirkungen des Kalten Krieges auf das Kulturschaffen solle in Zukunft noch weiter ausgebaut werden, kündigte Stöver an. Auch in der Darstellung Afrikas, dessen Länder sich in der Zeit des Kalten Krieges erst auf den Weg in die Unabhängigkeit von ihren Kolonialmächten begaben, sieht der Experte für die jüngere Geschichte noch Ergänzungsbedarf: „Das wird ergänzt werden.“ Gleiches gelte für andere entlegene Nebenschauplätze und Stellvertreterkonflikte überall auf dem Globus.

Niemand durfte gewinnen können

Was dieser Exposition sehr gut gelingt: Zu zeigen, dass letztlich niemand den Kalten Krieg gewinnen können sollte – und auch nicht gewinnen können durfte. Es galt, das fragile Gleichgewicht der Mächte permanent neu auszubalancieren. Das Auf und Ab aus Wettrüsten und Verhandeln, Nachrüsten und Abrüsten war deshalb konstitutionell für den Kalten Krieg.
Ein kompakter, aber beachtenswerter Teil der Ausstellung ist den Protestbewegungen aus der Zeit des Kalten Krieges gewidmet. Hier geht es um den Vietnamkrieg und den Aufruhr der 68er ebenso wie um die aufkeimende Friedensbewegung im Osten Deutschlands. Die Materialien legen nahe, wie sehr auch zum Beispiel die Umweltbewegung ihre Wurzeln in den Konfrontationen und Feindbildern der Blockdualität hatte. Beispielhaft sei hier die Anti-Atom-Bewegung erwähnt. Ein Befund, der interessant auch mit Blick auf die heutige Situation sein kann, in der Debatten um Energiesicherheit, Klimawandel und den Krieg in der Ukraine unter neuen, aber eben nicht ganz und gar anderen Vorzeichen geführt werden.
Viele weitere Schlagworte rund um den System-Dualismus zwischen sozialistischem und kapitalistischem Lager werden mit reichlich Bildmaterial, Texten, archivierten Medienberichten und großzügigem Einsatz von zeitgemäßer Medientechnik dargestellt. Denn in Berlin kulminierte dieser Kampf der Systeme natürlich in besonderer Weise. Da geht es um die Berlin-Blockade und die Luftbrücke der Alliierten, um Mauerbau und Republikflucht.
Cold War Museum, Unter den Linden 14, Berlin-Mitte, geöffnet täglich 10–20 Uhr, Info: https://coldwarmuseum.de