"Blues" hieß das erste Album der Berliner Band Engerling schlicht, es verkaufte sich mehr als 100 000 Mal. Und das, obwohl Engerling damals eine Amateurband war; die Musiker arbeiteten tagsüber als Druckgrafiker, Haustechniker oder Postzusteller. Ein Amiga-Plattenvertrag für Amateure – auch das hatte es bis dahin noch nicht gegeben. Engerling aber sind bis heute aktiv, ob als Band für sich oder als europäische Begleitband des US-Bluesrockers Mitch Ryder (75). Wenn der Konzertbetrieb nicht gerade wegen einer Pandemie pausiert.
Der Keyboarder und Sänger Wolfram "Boddy" Bodag hat die Band im Jahr 1975 mitgegründet und viele Songs komponiert. An diesem Sonntag wird der gebürtige Bad Freienwalder 70 Jahre alt. Ohne Geburtstagskonzerte im Nacken – der Tourkalender war für diesen Frühling eigentlich gewohnt voll – blickt der in Berlin lebende Jubilar auf die Anfänge zurück. Aufgewachsen in Falkenberg, erhielt er Klavierunterricht in Bad Freienwalde. Auf den Blues sei er durch eine LP aufmerksam geworden, die er in einem Plattenladen in Freienwalde entdeckt hat. Der Sampler "American Folk Blues Festival" vereinte US-Musiker wie Willie Dixon und Hubert Sumlin. Nach seiner Zeit als NVA-Soldat in Storkow spielte Bodag ab 1970 in Berlin mit Schlagzeuger Rainer Lojewski in den Bands Mobil und Pardon. An der Humboldt Universität nahm er ein Studium der Kulturwissenschaften auf. Dort lernte er Heiner Witte kennen, der bis heute Gitarrist bei Engerling ist.
Student war Bodag aber nicht allzu lange. Er wurde von der Uni ausgeschlossen, als er sich einer Aufpassertätigkeit im Rahmen der Weltfestspiele der Jugend 1973 verweigerte. Die Kulturbürokratie konnte nicht viel anfangen mit dem Blues, der einerseits aus den imperialistischen USA kam, andererseits aber die Musik der unterdrückten Farbigen war, also durchaus andockbar an ein sozialistisches Weltbild. Engerling spielten eine muntere Mischung aus Blues, Jam-Rock, Soul und anderen Einflüssen. Sich selbst sah Bodag von der Haltung her immer "mehr bei den Jazzern, das waren entspannte Leute". Engerling passte nie ganz ins ideologische Raster. Insbesondere die "Gammlerszene", die sich um Bluesbands wie Engerling und Monokel herum gebildet hatte, war manchen ein Dorn im Auge. Zudem, so Bodag, habe es von offizieller Seite geheißen, Engerling seien "im Blues der 40er-Jahre stehengeblieben". Die Geschichte von Anwerbeversuchen Bodags durch die Stasi hat der Musikwissenschaftler Michael Rauhut für sein Buch "Rock in der DDR" (2002) recherchiert. Bodag widerstand stets. Er selbst brüstet sich heute aber keineswegs mit einer Oppositionellenhaltung: "Ich selbst war als Student überhaupt nicht renitent."
Später habe Engerling durchaus auch Fürsprecher in der Kulturbürokratie gehabt. "Einige unserer alten Kommilitonen saßen inzwischen an den Schalthebeln, zum Beispiel im Berliner Magistrat", sagt Bodag. "Die haben oft ihre schützende Hand über uns gehalten." Und wenn einmal wieder eine Spielgenehmigung her musste, dann habe Engerling beim Vorspiel schon mal eigene, deutsche Texte zu amerikanischen Bluesstandards gesungen.
Ohne solche Genehmigungen und Einstufungen lief gar nichts. Nach dem ersten Album, das rasch Kultstatus erlangte, dann der Einschnitt. Wolfram Bodag wollte die Band 1979/80 professionalisieren, er hatte nach seinem Ausschluss aus der Universität eine Ausbildung zum Berufsmusiker in Friedrichshain gemacht. Das war in der DDR eine Voraussetzung für die Erteilung der Lizenz als Profi. Heiner Witte entschied sich dafür, die Ausbildung ebenfalls zu machen; andere wie Gitarrist Bernd Kühnert und Rainer Lojewski wollten den Sprung nicht tun. Engerling aber nahmen in neuen Besetzungen weitere Alben auf, vor wie nach der Wende.
In den 90er-Jahren hat Bodag noch eine Ausbildung zum Fahrradmechaniker gemacht. Fahrradfahren, das ist seine zweite große Leidenschaft. Auch heute, nach einer Hüft-OP, ist Bodag viel mit dem Fahrrad in Brandenburg unterwegs. Die Wende brachte aber auch neue Möglichkeiten. Nachdem ein Hamburger Konzertveranstalter auf sie aufmerksam geworden war, wurden Engerling ab 1994 als Begleitband von Mitch Ryder für dessen Europa-Gastspiele gebucht. Eine Erfolgsgeschichte, die bis heute anhält und mehrere gemeinsame Alben hervorgebracht hat.

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