Brexit: Nele Pollatschek schreibt Liebeserklärung an England
Die 1988 in Berlin geborene Autorin ("Das Glück anderer Leute“, 2016), die alles daran gesetzt hatte, für das Studium der englischen Literatur nach Oxford oder Cambridge zu kommen und schließlich 2018 über die Theodizeefrage im viktorianischen Roman promoviert hat, hat mit ihrem Buch „Dear Oxbridge“ das Buch zur Stunde geschrieben. Eine leidenschaftliche Liebeserklärung an ein Land und ein System, das schrullig und elitär, widersprüchlich und liebenswürdig zugleich ist. Allein die Eingangsszene, wie Pollatschek vor der Rückfahrt mit der Fähre versucht, Geld für ein Parkticket zu wechseln und auf eine Traube von Menschen stößt, die still und traurig auf ein Café blicken, das ein Schild „Closed in Protest of EU vote“ ins Fenster gehängt hat, ist filmreif. Am Ende bekommt sie die Pfundmünze von Passanten geschenkt.
Dass die Traditionsuniversitäten von Oxford und Cambridge ihr Lebenstraum ist, daran lässt die Autorin kein Zweifel – auch wenn sie selbstkritisch berichtet, wie sie beim ersten Mal mit Pauken und Trompeten durch die Aufnahmeprüfung rasselt, weil sie zwar alles zu „Hamlet“ gelesen hatte, sich aber sonst nur ungenügend auf die Verfassung von Essays und das Verteidigen einer eigenen Meinung vorbereitet hatte – sie hatte im Studium zwar perfekt den Umgang mit Sekundärliteratur und Zitierweisen gelernt, nicht aber, wie man ohne Hilfsmittel einen Text, von dem man noch nicht einmal weiß, wer ihn wann geschrieben hat, interpretiert. Ihre Hinweise, „wie man trotzdem reinkommt“, können geradezu als Vademecum einer Bewerbung dienen.
Unkritisch ist sie nicht in ihrer Schilderung des Systems „Oxbridge“, das denjenigen, die durch langjährige Vorbereitung auf Elite-Schulen, familiäre Prägung, viel Arbeit und Geld schließlich den Zugang erreicht haben, zwar absurde Privilegien wie einen Nachmittag beim Tee mit der Queen oder jede Woche kostenlose Menüs – wahlweise Rebhuhn, Perlhuhn oder Fasan – bietet, dafür aber auch verstopfte Toiletten und Zugluft mangels dichter Fenster. Ihr Fazit: „Das Leben in England ist einfach deutlich besser, wenn man es sich wie eine Outdoorexkursion im Innenraum vorstellt.“ Gerettet haben sie Fleecemäntel, Kashmirpullover und eine elektrische Heizdecke.
Gravierender als diese folkloristischen Mängel oder Vorzüge ist jedoch ein ziemlich geschlossenes Elitesystem, das Pollatschek mit aller Härte der Außenseiterin schildert und das sich in alle Ebenen der Politik fortpflanzt. Sie trifft in den Colleges auf eine Gruppe von „Toffs“, junge Männer in roten Hosen, die mit absoluter Selbstverständlichkeit davon ausgehen, dass sie alle Privilegien verdienen, dank der Besitztümer ihrer Väter und der Zugehörigkeit zu den richtigen Schulen und Sportclubs. David Cameron gehört dazu. Boris Johnson auch. Und alle anderen, wie die Autorin, kämpfen in „Oxbridge“ mit einem Hochstapler-Komplex, dem Gefühl, eigentlich nicht hierherzugehören.
Vieles davon mag wie ein Klischee erscheinen: auch die deutsche Pünktlichkeit, derer sich die Autorin erst in England bewusst wird, und im Gegenzug die Gelassenheit, mit der die Briten auf Zug- und Busverspätungen reagieren. Doch das Buch ist, entgegen den vielen Negativberichten, die den Brexit begleiten, am Ende ein Hohelied auf Großbritannien, auf die „Kindness“, die Menschlichkeit der Briten.
Dazu gehört auch die Sehnsucht nach einem funktionierenden Sozialsystem, die man aktuell auch in Ken Loachs neuem Film „Sorry We Missed You“ spüren kann. Selbst das viel gescholtene National Health System, das Studenten ohne viel Federlesens Psychopharmaka verschreibt, lobt Pollatschek im Vergleich mit dem deutschen Beitragssystem als "wohl gerechtestes Gesundheitssystem der Welt“. Die Angst um den Niedergang dieser Errungenschaften stehen laut Pollatschek auch hinter dem Brexit-Entschluss. „Sie wählten leave, weil sie die Macht zerstören wollten, die die überreichen Eliten über Großbritannien ausüben. Sie bekamen Boris Johnson.“
Nele Pollatscheks Blick auf die Welt
Nele Pollatschek: "Dear Oxbridge. Liebesbrief an England". Galiani, 240 S., 16 Euro. Die Autorin liest am 28.2., 20.30 Uhr, im Literarische Salon Britta Gansebohm im Z-Bar-Kino, Bergstraße 2, Berlin-Prenzlauer Berg.
Die Autorin wurde 1988 in Berlin geboren. 2016 erschien ihr Debütroman "Das Unglück anderer Leute", ebenfalls bei Galiani. Seit 2019 präsentiert sie in hr2 kultur "Pollatscheks Kanon: Weltliteratur zum Mitreden." ⇥red


