Buch: Ein Comic von Liv Strömquist erklärt die Liebe
Freundlich niedrigschwellig nimmt uns die Schwedin Liv Strömquist in ihrem neuen Buch mit etwas Klatsch & Tratsch an die Hand – um von Hollywood aus dann zack, zack zwischen Sokrates und der Soziologin Eva Illouz eine Kulturgeschichte der Liebe über gut 2000 Jahre aufzuspannen. Als Comic wohlgemerkt.
Bereits mit „Der Ursprung der Welt“ über weibliche Sexualität erregte die Politikwissenschaftlerin 2017 viel Aufsehen. Der Nachfolger „Ich fühl‘s nicht“ ist – für einige ihrer Fans vielleicht überraschend – ein Plädoyer für die Liebe. Allerdings für eine, die von den Zumutungen der Konsumgesellschaft befreit ist (oder diese Zwänge zumindest in den Blick nimmt). Denn – um wieder auf Leo und seinen Reigen schöner Freundinnen zurückzukommen – wir leben und lieben nicht privat. Die Art und Weise, wie ein Individuum Beziehungen eingeht und führt, ist eng verflochten mit der Gesellschaft, in der es lebt. Und so datet eben Leo (und „wir sind alle DiCaprio“, wie Strömquist schreibt) in unserer spätkapitalistischen, narzisstischen Kultur nicht einen anderen Menschen, sondern sich selbst – die Bikini-Models sind bloße Spiegel für sein Ego. Die man nicht lieben, bloß konsumieren kann. Soweit, so traurig.
Nicht, dass die Sache mit der Liebe früher einfacher gewesen wäre. In Sprechblasen und kurzen Strips hüpft Strömquist von den „Buddenbrooks“ zu „Sex and the City“, macht einen Abstecher zu Hegel, zu Lou-Andreas Salomé, dem koreanischen Philosoph Byung-Chul Han und springt zurück zu den Schlümpfen.
Die Positionen nicht gerade einfach zu verstehender toter wie lebender Philosophen oder Soziologen bricht die Feministin (Jahrgang 1978) dabei knapp, aber korrekt herunter. Wie ein Micky-Maus-Heft liest sich das zugegeben nicht, aber Strömquist mixt den Faktenberg locker mit Notizen aus der aktuellen Welt, ihren naiven Zeichnungen, einem bunten Mix aus Schriften und vor allem – viel Humor.
Klar wird einem zumindest schnell, dass das Konzept Liebe so glibberig ist wie ein Wackelpudding; und wie heftig sich unsere Vorstellungen von Beziehungen, Gefühlen, von Männlich- und Weiblichkeit durch die Jahrhunderte immer wieder verändert haben. Wäre es etwa einem verheirateten Paar vor 150 Jahren verrückt erschienen, sich zu trennen, bloß weil einem die Verliebtheit abhandengekommen ist – heute wäre es genau umgekehrt. Bloß wegen Haus/Kindern/Hund zusammenbleiben? Schräge Idee.
Strömquists Hauptthese ist so deprimierend wie spannend: Liebe in unseren Zeiten ist eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Weil wir so auf Selbstoptimierung und Verwertungslogik gepolt sind, dass uns der Kern von Liebe – sich einem anderen auszuliefern, womöglich lebenslang, und sein Wohl über das eigene zu stellen – suspekt erscheinen muss. Nicht besonders hilfreich zudem, dass das moderne Menschlein alles zerredet und erklärt, bis der letzte Fetzen Geheimnis verschwunden ist.
Und trotzdem: Das Comic endet mit einer Anleitung, wie der Zauber erhalten bleibt. Wer sich benehme, „wie zwei Päpste in ihrer privaten Glaubensgemeinschaft“, der könne „vielleicht, vielleicht, vielleicht“ doch ein Paar bleiben … Anscheinend ist Strömquist dann doch eine Romantikerin.

