Buch: Eine tapfere Maus, ein mutiges Ehepaar

Fontane war hier: In der Heilig-Geist-Kirche in Werder spottete er über das Gemälde "Jesus als Apotheker".
Patrick Pleul/dpaEs braucht schon Adleraugen oder einen Feldstecher, um der Verfolgungsjagd in luftiger Höhe gewahr zu werden. Hoch oben im Gewölbe der Neuruppiner Klosterkirche Sankt Trinitatis treibt eine kleine schwarze Maus eine vielfach größere Ratte vor sich her — und das seit viereinhalb Jahrhunderten. Auch Theodor Fontane hat die gemalte Jagd in seiner Geburtsstadt gesehen und dazu in seinen „Wanderungen“ den sagenhaften Hintergrund geliefert: „Wenige Tage nachdem die Kirche, 1564, dem lutherischen Gottesdienst übergeben worden war, schritten zwei befreundete Geistliche, von denen einer noch zum Kloster hielt, durch das Mittelschiff und disputierten über die Frage des Tages. ,Eher wird eine Maus eine Ratte hier über die Wölbung jagen‘, rief der Dominikaner, ,als dass diese Kirche lutherisch bleibt.‘ Dem Lutheraner wurde jede Antwort hierauf erspart; er zeigte nur an die Decke, wo sich das Wunder eben vollzog.“
Diese Legende darf nicht fehlen in einem Buch, in dem die Autoren Fontanes Spuren zu märkischen Kirchen folgen. In diesem Fall sind es Johann Hinrich Claussen und Klaus–Martin Bresgott. Anders als der Schriftsteller, der von sich behauptet, „am liebsten ohne vorgeschriebene Marschroute“ unterwegs zu sein, haben die beiden Mitarbeiter des Kulturbüros der Evangelischen Kirche in Deutschland gezielt zwölf Kirchen im Ruppiner und im Havelland sowie im Oderbruch aufgesucht – mit der Absicht, Fontanes „Wanderungen“ in die Gegenwart fortzuschreiben.
Zu jedem Sakralbau zwei Kapitel
Ihre heutigen Beobachtungen skizzieren sie in heiter–feuilletonistischen Texten, die sie reich bebildern sowie um zwei feinsinnige Essays über Fontanes Blick auf die Malerei und seine literarischen Pastoren–Figuren ergänzen. Wobei sie dem Pfarrer Lorenzen im Roman „Der Stechlin“ ein besonderes Wohlwollen angedeihen. Ist dem Kirchenmann, der mit der Sozialdemokratie sympathisiert, doch religiöser oder moralischer Zwang fremd; er will die Menschen in die Freiheit führen. Sehr angenehm auch: Claussen und Bresgott trennen ihre erzählenden Beiträge von den eher sachlich formulierten Texten zur Architektur der jeweiligen Kirche, sodass es zu jedem Sakralbau zwei Kapitel gibt.
Wie die Autoren Fontanes historisierte Erzählungen mit den Geschichten von heute verknüpfen, verdient Beachtung. In der Kleinstadt Lindow beispielsweise, deren früheres Nonnenkloster — unter dem Namen Wutz — einer der Schauplätze im „Stechlin“ ist, protestieren Anfang Oktober 1989 junge Menschen gegen die DDR–Diktatur — und werden verhaftet. Es kommt zu einer größeren Protestdemonstration, die Polizei rückt an, woraufhin das Ehepaar Schubach den Bedrängten Schutz in ihrem Pfarrhaus bietet.
Oder Werder. Von Fontanes Spott über das Gemälde „Jesus als Apotheker“ in der Heilig–Geist–Kirche führen Claussen und Bresgott in die Gegenwart. Auf dem Kirchhof verneigen sie sich vor dem Denkmal für jugendliche Opfer stalinistischer Willkür. Als 1951 eine Gruppe junger Menschen in Werder Flugblätter gegen die SED–Diktatur verteilt, werden 30 Frauen und Männer verhaftet und acht von ihnen in Moskau hingerichtet.
In Bad Freienwalde wählen die Autoren den umgekehrten Weg. Ausgehend von den Erinnerungen des in der Stadt geborenen jüdischen Psychoanalytikers und Schriftstellers Hans Keilson, der 1936 in die Niederlande emigriert, geleiten sie den Leser in die Nikolaikirche. Und dort auch zu den zwei Bildern von Caspar von Uchtenhagen, der 1603, erst neunjährig, als Letzter seines Geschlechts stirbt – angeblich durch eine vergiftete Birne. Auch Fontane erzählt diese Legende in seinen „Wanderungen“.
Johann Hinrich Claussen und Klaus–Martin Bresgott: „Streifzüge durch das Land Fontanes zu Kirchen in der Mark Brandenburg“, Monumente Publikationen, 128 S., 19,80 Euro; erhältlich unter www.monumente–shop.de