Buchvorstellung: In einem anderen Land von Erwin Berner

Erwin Berner stellt sein neues Buch "In einem anderen Land" am 3.4. in der Berliner Kulturbrauerei vor.
Angelika Neutschel/dpaIn Friedrichshain lebt Erwin Berner bis heute, einer der letzten aus seinem Bekanntenkreis. Alle, mit denen er verbunden war, sind weggezogen oder gestorben: Seine Liebhaber, Kollegen, die Ladenbesitzer und Frau Schade, seine Vermieterin, in deren Wohnung in der Schreinerstraße er 1975 ein Zimmer bezog. Heute fühle er sich in Friedrichshain wie ein Darsteller, der sich durch eine sich ständig wandelnde Kulisse bewege. „Alle sind fort,“ schreibt er im Vorwort von „Zu einer anderen Zeit, in einem anderen Land“. „Und ich will schreiben.“
Schriftsteller ist Erwin Berner erst seit ein paar Jahren. Zwar begann der 1953 in Ost-Berlin geborene Strittmatter-Sohn schon als Jugendlicher zu schreiben. Aber nach der Schule wollte er zunächst Schauspieler werden und besuchte in den 1970er-Jahren die Schauspielschule in Rostock. Noch während des Studium bekam er eine Hauptrolle im „Polizeiruf 110“. Es folgte eine schnelle, intensive Karriere.
Vom Spielen zum Schreiben
In den 80er-Jahren drehte er für den Deutschen Fernsehfunk (DFF) mehr als ein Dutzend Filme. Nach der Wende wurden die Rollenangebote weniger. Vielleicht, weil seine unprätentiöse Art, seine Melancholie und Nachdenklichkeit nicht zu der „Alles ist möglich“-Stimmung der Nachwendezeit passte. Vielleicht, weil er nicht mehr spielen wollte.
Das, woran er sich erinnert, ist „ein verlorenes Lebensgefühl“. Ein Verlust, der ihn nicht losließ – und ihn schließlich zum Schreiben brachte. Denn es gab niemanden, mit dem er ihn hätte betrauern können: "Ich weiß, der Tag beginnt, und alles ist möglich. Doch nichts ist möglich außer dem Schreiben.“
Doch was schreibt er? Eine Erzählung, die sich in kein gängiges Format pressen lässt: Für einen Roman fehlt ihr das Fiktionale, für ein klassisches Sachbuch der historische, politische oder philosophische Hintergrund, für eine Biographie der innere Zusammenhang. Genauer gesagt: Das Leitmotiv, das Lebensereignisse erst zu einer in sich schlüssigen Erzählung zusammenfügt.
„Zu einer anderen Zeit, in einem anderen Land“ liest sich wie ein poetisiertes Tagebuch. Eine bildhafte Chronik des Bernerschen Alltags in der Schreinerstraße. Seines privaten Lebens abseits von Bühne und Kamera in einem Friedrichshain, das sich rasant veränderte, während er selbst stehen blieb und zurückblickte.
Das beschreibt er in einem Tonfall, der am Anfang ungemein lebendig wirkt. Gleich zu Beginn skizziert er eine dieser schönen Alltagsminiaturen von der Frau, mit der er in einem Abteil der Drehtür eingezwängt ist. Dicht neben seinem Ohr säuselt sie einem Handy-Anrufer „heißeste Grüße“ zu, und der ungewollte Mithörer denkt darüber nach, warum ihn dieser Frauentyp so aggressiv macht.
Seine Sprache ist direkt, Tonfall, Sprachmelodie und Rhythmus passen zum Geschilderten, man merkt: da schreibt jemand, der es gewohnt ist, in Bildern zu denken. Das entwickelt einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann.
Aber dann kommen diese Erinnerungen, die man wohl am besten als „unverarbeitet“ bezeichnet: gescheiterte Liebesbeziehungen, Zurückweisung und unangenehme One-Night-Stands. Und dort wird seine Erzählung so persönlich, dass man sich überwinden muss, weiterzulesen. Es wirkt, als ob Berner sich einerseits etwas von der Seele schreiben will und gleichzeitig von einer Scham befallen wird, die sich vom Papier auf den Leser überträgt. Er erzählt von Nächten mit schlecht riechenden Unbekannten, von Auseinandersetzungen mit Kolleginnen. Aber es ist nicht der Sex, nicht der Streit an sich, der dieses beklommene Gefühl hinterlässt, sondern die geringe Selbstdistanz, mit der er diese Ereignisse schildert.
Eine schonungslose Direktheit, die in auffälligem Gegensatz zu der Sensibilität steht, mit der er andere beschreibt. Im „Restaurant Anastasia“ in der Samariterstraße, das früher ein Laden war und einer der Schauplätze des Buches, klagt er bei einem Teller Pelmeni, dass er sich immer „anders“ gefühlt habe. Nicht nur in seiner Familie, sondern vor allem als Homosexueller in der DDR. Ein Anderssein, das die jungen Männer am Nachbartisch lässig zelebrieren.
Als 1989 endlich der lang erwartete Spielfilm „Coming Out“ ins Kino gekommen sei, sei die Mauer aufgegangen und er am "Central“ vorbeimarschiert, voller Erwartung hinüber in diesen Berliner Westen mit seiner lebendigen Schwulenszene.
Eine Pause von diesem Land, in dem die Eltern so etwas wie Nationalhelden waren. Die Eltern, an denen er sich bis heute abarbeitet. „Was glauben Sie, wie schwierig es ist, als Strittmatter-Sohn ein Buch zu schreiben?“, fragt er. Ein Druck, dem er sich mit großer sprachlicher Kraft entgegengestemmt. Sich von diesem Druck zu befreien – das würde wohl bedingen, sich schreiberisch nicht mehr von seiner Biografie fesseln zu lassen und energisch nach einem neuen, Kraft spendenden Thema zu suchen.
Erwin Berner: „In einem anderen Land“, Aufbau Verlag, 253 Seiten, 18 Euro, erscheint am 10. März. Lesung am 3.4. in der Berliner Kulturbrauerei.
Erwin Berner – ein Autor mit Künstlernamen
Erwin Berner wurde 1953 als ältester Sohn von Eva und Erwin Strittmatter geboren. In seinem ersten Buch "Erinnerungen an Schulzenhof" beschrieb er das Aufwachsen beim berühmtesten Schriftstellerpaar der DDR. Um beruflich eigene Wege zu gehen, legte er sich den Künstlernamen "Berner" zu. Er war bis in die 90er-Jahre ein vielbeschäftigter Schauspieler, drehte unter anderem für den "Polizeiruf". Heute lebt er als Autor in Berlin.⇥mh