Cottbuser Filmfestival: Programmdirektor Bernd Buder: „Netflix zeigt nicht alle Welt“
Herr Buder, ist es in einer Zeit, in der sowieso alle auf Netflix Filme aus aller Welt gucken, überhaupt noch sinnvoll, so ein Festival zu veranstalten?
Auf jeden Fall, denn Netflix schaut zwar alle Welt, aber Netflix zeigt nicht alle Welt. Wir zeigen in diesem Jahr 210 Filme aus 45 Ländern und dazu ganz viele Formate, die es bei Streamingdiensten nicht zu sehen gibt: Dokumentarisches, Experimentelles und Komödiantisches. Ich selbst gucke auch gerne Serien, aber da wiederholt sich immer wieder eine ähnliche Formel. Unsere Produktionen sind da um einiges vielfältiger.
Sie gehen in diesem Jahr über Osteuropa hinaus und zeigen erstmals auch finnische, griechische und türkische Filme. Warum?
Weil genau diese Länder eine wirtschaftliche, historische, kulturelle und sozioökonomische Verbindung zum klassischen Osteuropa haben. Wer dort 1989 und später geboren wurde, fühlt sich nicht unbedingt als ex-sozialistisch, sondern als osteuropäisch. Diese Menschen fühlen sich ihren Nachbarn nahe, weil sie in einer ähnlichen geopolitischen Lage sind. Genau diese Nähe wollen wir beleuchten.
Das Herzstück des Festivals ist und bleibt der Spielfilmwettbewerb. Gibt es thematisch einen roten Faden?
Es sind extrem viele junge Filmemacher vertreten. Sieben der zwölf Wettbewerbsfilme sind Debüts. Dabei zeigen wir Beiträge mit immer neuen Blickwinkeln: Sie sind manchmal ein bisschen kommerzieller oder schräger als erwartet und haben immer ein gewisses Extra. Im Zentrum stehen dabei Einzelne, die versuchen, für sich selber gegen einen Großteil der Gesellschaft für Gerechtigkeit zu kämpfen. Durch den Druck, den sie von allen Seiten bekommen, sind sie gezwungen, das auf ihre ganz eigene Art zu machen. So wie Vandam, der tragische Held aus dem tschechischen Wettbewerbsbeitrag „Nationalstraße“.
Worum geht es?
Vandam wohnt in einem Plattenbaukiez. Dort ist er der alternde Obermacho. Er will seine Stammkneipe mithilfe von Gewalt und deren Androhung vor Gentrifizierung retten. Das klappt aber nur bedingt oder gar nicht. Der Film zeigt auf ganz leichte Art eine Identifikationsfigur, mit der man sich aber gar nicht identifizieren möchte.
Dieses Festival bietet im dreißigsten Jahr nach dem Mauerfall auch spannende Perspektiven auf die deutsch-deutsche Geschichte. Was erwartet die Zuschauer?
Wir fragen beispielsweise, ob damals alles vielleicht ein wenig zu schnell gegangen ist. Und reflektieren die – umstrittene – These, ob der aktuell auftauchende autoritäre Populismus in Osteuropa oder in Ostdeutschland vielleicht etwas damit zu tun hat, dass die Lebensleistungen der Menschen in früheren sozialistischen Ländern nicht genug gewürdigt wurden und dass respektlos mit vielen Biografien umgegangenworden ist.
Worauf freuen Sie sich in dieser Festivalausgabe am meisten?
Mein Highlight ist es, die Leute wieder zu treffen, deren Filme man unbedingt eine Leinwand bieten wollte. Man kennt die Beiträge teilweise nur im Rohschnitt, und das ist dann auch ein Höhepunkt, die fertigen Filme hier auf dem Festival vor Publikum zu sehen.
Zahlen und Fakten
Das 29. Cottbuser Filmfestival findet in diesem Jahr vom 5. bis 10. November statt. In vier Wettbewerben und elf weiteren Sektionen lockt das traditionelle Filmfestival mit 226 Stunden Film die Besucher ins Kino und zeigt insgesamt 210 Produktionen, die um ein Preisgeld von mehr als 75 000 Euro und die begehrte Preisskulptur Lubina konkurrieren. Mehr als 22 000 Zuschauer besuchten 2018 das Festival. Unterstützt wird es vom Land Brandenburg, der Medienboard Berlin-Brandenburg GmbH, der Stadt Cottbus, dem Auswärtigen Amt und dem Creative Europe-Programm der Europäischen Union; Schirmherr der aktuellen Ausgabe ist neben Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) Vizekanzler Olaf Scholz (SPD).

