Im Osten wird hart und mühsam gearbeitet, im Westen tanzt man mit Shopping-Tüten. Das ist zwar ein Klischee, fängt aber die Zeitstimmung ganz gut ein. Und so kommt das Musical von Wolfgang Böhmer und Martin G. Berger auch auf die große Bühne des Mecklenburgischen Staatstheaters in Schwerin: als Erinnerung und als Diskurs über das Leben, auch wenn sich die Zeiten gewendet haben.
Christa Wolfs Roman „Der geteilte Himmel“, in Ost und West viel gelesen, erschien 1963, spielt aber in der Zeit vor dem Mauerbau. Und so kann Rita, schon am Ende ihrer Liebe zu Manfred und fast der Geschichte, „für 20 Pfennig“ nach West-Berlin und „für 40 Pfennig“ wieder zurückfahren, ein bisschen Kapitalismus-Kritik inklusive. Die blitzt in Melissa Kings Inszenierung immer wieder auf, nicht nur in Ritas Worten und Verhalten.
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Denn die Ideologien sind es, die die Liebe und den Himmel teilen ­ doch in Schwerin beginnt die Geschichte, nach der musicaltypischen Breitband-Ouvertüre, im Heute. Der alte Manfred (David Schroeder, wunderbar differenziert) begegnet Ritas Enkelin Emma (Sophia Euskirchen genügt für die Doppelrolle ein Mantel über dem Rita-Kostüm). Er erinnert und reflektiert immer wieder, wie nicht der Himmel, sondern sehr Irdisches die Beziehung scheitern ließ. Und wenn Rita wenig später berührend singt, „dass wir aus dem Vollen leben,/ als gäbe es übergenug von diesem seltsamen Stoff Leben“, meint auch das gestern wie heute.
Mit Schwung durch den Sozialismus: Sophia Euskirchen als Rita singt eine der Hauptrollen in der Musical-Uraufführung "Der geteilte Himmel" am Mecklenburgischen Staatstheater.
Mit Schwung durch den Sozialismus: Sophia Euskirchen als Rita singt eine der Hauptrollen in der Musical-Uraufführung "Der geteilte Himmel" am Mecklenburgischen Staatstheater.
© Foto: Jens Büttner/dpa
So kommt das Musical, vom Staatstheater in Auftrag gegeben, als pralle Lebens-Revue auf die Bühne, in leider nichtssagender Szenerie. Einen großen, abgeschrägten Klotz hat Knut Hetzer hingestellt, der sich drehen und wenden lässt; dahinter das unvermeidliche Videogeflimmer aus Ähren und Farbklecksen. Darin aber schont die Regie Menschen nicht und nicht Maschinen.

Manfreds Mutter redet in Jazz-Koloraturen

„Das ganze Land ist im Aufbruch“ jubilieren helle Flöten und der Chor; als Rita die Lehrerkandidaten gesichtet hat, tanzen die in Pionierlook. Beim folgenden, natürlich, „Lipsi“ fliegen die Töne und die Röcke ­ die Verliebten bleiben übrig. Und wenn Rita den Liebesbrief schon singt, den Manfred noch schreibt, gelingt eine innige Szene. Doch Rita muss, ganz bürgerlich, seinen Eltern vorgestellt werden ­ und da gibt es den ersten Bruch.
Die Drehbühne trägt Manfreds Mutter (Karen Leiber, als einzige der Solisten ohne Mikroport) herein und die „redet“ in Koloraturen, mit Jazztönen unterlegt. Wunderbar, wie sie damit außerhalb dieser engen Welt gestellt wird, in der immer noch der Nazi-Vater das Sagen hat. Davon hätte man gern mehr gehört. Dass aber dieser Vater (Brian Davis) zum Bundeswehr-Uniformrock eine Hakenkreuzbinde trägt, ist ein böser Schnitzer, zumal noch ein „Braunhemd“ durchs Zimmer tanzt.
Komponist Wolfgang Böhmer fährt viele verschiedene Klangfarben auf: Die sehr säuberliche Waggon-Brigade begleitet ein Weill-Sound, Fanfaren rufen sie zur Arbeit. Ein bisschen kitschig wird es, wenn Rita und Manfred von Booten und Leuchtturm träumen und singen, dazu gibt¹s eine Taschenlampe und Musical-Happiness. Doch auch dieser Szene schaut der alte Manfred wieder skeptisch zu. Zur Pause schweben die beiden Verliebten in den Bühnenhimmel, aus dem nach der Pause der alte Manfred mit einem Gagarin-Song wieder runterkommt.

Der Buchtitel wird zum hymnischen Lied

Doch da die Ideologie, Sozialismus kontra Kapitalismus, das Paar immer mehr entzweit, muss das natürlich auch verbalisiert werden und kommt dabei um Parteitagsdeutsch, Normendiskussion und Westflucht nicht herum. Das Problem hatte auch schon Armin Petras‘ Adaption von Franz Fühmanns Mammutwerk „Im Berg“ am Staatstheater Cottbus, auch hier sorgt das für Längen, allerdings in Reimen. Manfred (Martin Gerke) wird immer miesepetriger, Rita immer sturer auf ihrem Weg. Noch aber singen sie gemeinsam, später wird Christa Wolfs Buchtitel zum hymnischen „Wir teilen einen Himmel“-Lied.
Aufs Ende der gut zweieinhalb Stunden hin werden in Martin G. Bergers Libretto auch die Moral- und Merksätze häufiger, doch die bestens aufgelegte Mecklenburgische Staatskapelle Schwerin unter der Leitung von Martin Schelhaas reißt vieles wieder raus. Mit viel Schwung, viel klangvollem Schlagwerk und einer geschickt-abwechslungsreichen Komposition bleibt dieser „geteilte Himmel“ nicht in der bloßen Unterhaltung stecken ­ und wird anhaltend bejubelt.
Die nächsten Vorstellungen sind am 25., 27.1., 18.2., 4.3. Infos unter www.mecklenbugisches-staatstheater.de