In einem der wenigen deutschen oscarprämierten Filme, dem DDR-Drama „Das Leben der Anderen“ (2006), unterlegt der Schlager „Wie ein Stern“ eine der wichtigsten Szenen: Als vermeintlicher Bewunderer ermutigt ein zweifelnder Stasi-Spitzel (Ulrich Mühe) mit angetrunkener Traute in einer Ost-Berliner Eckkneipe sein unwissendes Abhör-Opfer, eine trinkende Schauspielerin (Martina Gedeck), zur Ehrlichkeit.
Vor 50 Jahren – im Frühjahr 1971 – erschien das von Frank Schöbel gesungene Lied, dessen pathetischer Text und dessen Synthesizer- und Flötenklänge mitten ins Herz treffen können.
Wer die glamourös-kitschige Komposition einmal gehört hat, vergisst sie nicht so schnell. „Wiiiie ein Stern in einer Sommernacht, ist die Liebe wenn sie straaaahlend erwacht“, singt Schöbel ganz unironisch. „Herrliches Wunder, das wir erleben, Häuser und Straßen schweben …“ Die Liebesgeschichte beginnt übrigens mit „drei Sonntagabendküssen“.

Komponist Eggert: ein „alles überragendes Meisterwerk“

Selbst der Komponist Moritz Eggert, Vertreter der sogenannten E-Musik, outete sich in seinem Blog der „Neuen Musikzeitung“ (nmz) als Fan dieses Schlagers: Als „alles überragendes Meisterwerk“ verweise das unglaubliche Stück die meist eher erbärmlichen Versuche anderer Schlagerkomponisten in die Schranken. Der Schlager mit zwei Altflöten als Hauptinstrumenten steigere sich wie eine Symphonie, sei voller Pausen und wiederholter Anläufe – und erinnere soundmäßig eher an Pink Floyd oder Progressive Rock.
Trotz seines heterosexuellen Textes („Mädchen. ich lieb’ dich, Du machst mich glücklich“) kam der Schmachtsong auch in „Coming Out“ vor, dem ersten Schwulenfilm der DDR, der 1989 am Abend des Mauerfalls auf großer Leinwand in Ost-Berlin, im Kino International, Premiere feierte.

Frank Schöbel hätte das Lied beinahe abgelehnt

Wann genau das Lied veröffentlicht wurde, das weiß selbst Frank Schöbel nicht mehr. „Wahrscheinlich im März 1971“, sagt der heute 78-Jährige. „Beinahe hätte ich ,Wie ein Stern‘ abgelehnt. Am Klavier fand ich den Titel ziemlich schnulzig, konnte aber nicht ahnen, was das spätere Arrangement daraus macht.“
Texter Dieter Lietz sagte vor ein paar Jahren in der „Märkischen Allgemeinen Zeitung“: „Das Lied ist nicht durch meinen Text ein Hit geworden. Das hat die Melodie von Hans-Georg Schmiedecke bewirkt. Ich bekam sie als Klavierstimme auf einer Kassette zugeschickt und habe dann den Text draufgebastelt.“ Als dann eines Tages Frank Schöbel bei ihm im Wohnzimmer gesessen habe und das Arrangement von Gerhard Siebholz vorstellte, sei das „Gänsehaut pur“ gewesen.
Man könne nie wissen, ob ein Titel ein Hit werde, sagt Schöbel heute. „Das ist immer ein bisschen wie Lotto. Es spielen viele Faktoren eine Rolle. Einmal das Arrangement, dann der gewaltige Chor und sicher auch die Dreigeteiltheit der Komposition.“ Ungewöhnlich sei, dass das Werk im Original etwa sechseinhalb Minuten lang sei. Für ungeduldige Ohren gibt es aber auch eine Fassung unter drei Minuten.

Lied stand beim RIAS fünfmal auf Platz eins

„Wie ein Stern“ war nicht nur in der DDR ein Hit. Auch in Polen, der Sowjetunion, der Tschechoslowakei, der Schweiz, in Ungarn, Österreich und der Bundesrepublik konnte sich das Lied gut behaupten. Für Schöbel war es eine Art Neuanfang, nachdem seine junge Karriere mit kleineren Hits und Filmrollen nach fast zehn Jahren zu enden drohte.
„In ,Schlager der Woche‘ beim RIAS war ,Wie ein Stern‘ fünfmal auf Platz eins“, erzählt Schöbel. „1972 war ich damit am 2. Juni in der ARD-Sendung ,Musik aus Studio B‘ und in der ZDF-,Star Parade‘.“ Die Single „Wie ein Stern“ verkaufte sich in der DDR mehr als 400.000 Mal und in der Bundesrepublik Deutschland über 150.000 Mal. Im DDR-Fernsehen wurde das Lied zum Hit des Jahres gekürt.
In die bundesdeutschen Charts stieg das Lied Mitte November 1971 ein. Es blieb fünf Wochen drin und erreichte als Höchstplatzierung Rang 37. Eine dennoch veröffentlichte Westversion des Liedes von Peter Orloff war hingegen wenig erfolgreich.

Auftritt vor Walter Ulbricht

Eine dauerhafte Karriere im Westen blieb Schöbel trotz allem verwehrt – die Auftritte blieben im wahrsten Sinne begrenzt; die DDR-Staatsführung ließ es nicht zu.
Schöbel erzählt, was ihm stattdessen widerfuhr: „Am 17. April 1972 lud Walter Ulbricht ins Staatsratsgebäude ein. Der Staatsratsvorsitzende saß die ganze Zeit, er war schon sehr gezeichnet. Erich Honecker stand frisch daneben. Man wünschte sich ,Wie ein Stern‘, ich sang aber im Refrain relativ leise, weil ich dachte, jeder laute Ton ist zu viel für den alten Mann. Am Ende kam er, bedankte sich mit seiner fistelnden, hohen Stimme, schaute mich an und ich spürte, er wusste nicht genau, wer ich bin.“