Wenn das wohl erfolgreichste Fantasy-Werk der Literaturgeschichte zur Versteigerung steht, lassen sich Streaming-Studios nicht zweimal bitten. HBO, Netflix, sie alle boten mit, als 2017 die Tolkien Estates – Nachlassgesellschaft des Lebenswerks von J.R.R. Tolkien – Stoff aus der Feder des britischen Schriftstellers und Gelehrten zur Auktion gaben. Schließlich stellten bereits die mit Oscars überhäuften „Herr der Ringe“-Filme von Peter Jackson eindrucksvoll unter Beweis, dass Mittelerde-Adaptionen kommerziell enorm erfolgreich sein können. Den Zuschlag erhielt letztlich Amazon – für stolze 250 Millionen US-Dollar.

Lange hüllten sich die Serienmacher in eisernes Schweigen

Fünf Jahre, etliche Poster, Teaser, Trailer und 462 Millionen US-Dollar Produktionskosten später ist es endlich so weit: „Der Herr der Ringe: Die Ringe der Macht“ feiert Premiere auf Prime Video. Mit gleich zwei Folgen geht es am Freitag (2. September) los. Doch egal ob Besetzung, Figuren oder Handlung – lange hüllten sich die Serienmacher in eisernes Schweigen. Erst nach und nach streute Amazon Brotkrümel – und ließ doch genug Fragen offen, um die globale Fangemeinde in spannungsvoller Erwartung zu belassen. Was also weiß man? Worum geht es in der teuersten Serie aller Zeiten?

Frankfurt (Oder)

Welches Tolkien-Werk ist Grundlage von „Die Ringe der Macht“?

Bei mehreren hundert Millionen Dollar Investitionssumme könnte man meinen, Amazon habe sich die Rechte an Tolkiens Gesamtwerk gesichert und dürfe sich beliebig an der gigantischen Mittelerde-Saga bedienen. Doch das ersteigerte Paket beinhaltet weder die Rechte an den „Herr der Ringe“-Büchern noch am 1937 erstmals erschienenen Vorgänger „Der Hobbit“. Streng genommen enthält es überhaupt keine Rechte an irgendeinem Tolkien-Buch. Was der Online-Gigant ersteigert hat, sind vielmehr die Anhänge und Register, die Tolkien seiner „Herr der Ringe“-Trilogie beigefügt hat.
Die Rechte an seinem Werk hätte wohl jedes Filmstudio gerne: Der britische Schriftsteller und "Herr der Ringe"-Schöpfer J.R.R. Tolkien
Die Rechte an seinem Werk hätte wohl jedes Filmstudio gerne: Der britische Schriftsteller und „Herr der Ringe“-Schöpfer J.R.R. Tolkien
© Foto: Klett-Cotta Verlag
Doch keine Sorge – an verfilmbarem Material mangelt es nicht. Detailreiche Genealogien, Orts- und Sachregister, Zeittafeln, Sprachen, Kulturgut wie Gedichte und Lieder – der unscheinbare Materialband versammelt Hintergrund zu tausenden Jahren Geschichte. Den Fokus legte Tolkien, der die Geschichte Mittelerdes in drei Zeitaltern beschrieb, darin auf das sogenannte Zweite Zeitalter. Zur Einordnung: Dieses beginnt ganze 6459 Jahre, bevor sich ein gewisser Hobbit namens Frodo Beutlin aus dem Auenland aufmacht, um den Einen Ring nach Mordor zu tragen und ihn im feurigen Schlund des Schicksalsberges zu zerstören. Die Heldentat des unscheinbaren Halblings läutet schließlich den Übergang vom Dritten zum Vierten Zeitalter der Sonne (so die genaue Bezeichnung in der Tolkien-Saga) ein.

Wann in Mittelerde befinden wir uns in der Serie?

Dass es sich bei der auf fünf Staffeln angelegten Serie also um ein Prequel von „Der Herr der Ringe“ und „Der Hobbit“ handelt, war früh klar. Doch auch wenn das Zweite Zeitalter, das sich an die Verbannung des so mächtigen wie finsteren Herrschers Melkor (auch Morgoth genannt) anschließt, vergleichsweise friedlich beginnt, spannende Geschichten gibt es reichlich. Nicht nur fällt der Aufstieg von Melkors rechter Hand und Heerführer hinein – ein gewisser Sauron. Der von den Elben auch „abscheulicher Schrecken“ genannte Bösewicht versucht, mit eben jenen Ringen der Macht Kontrolle über Elben, Zwerge und Menschen zu erlangen.
Im Zweiten Zeitalter waren außerdem die sagenumwobenen Zwergenminen von Khazad-dûm (Moria) noch in voller Blüte zu bewundern – anders als zur Zeit von Frodo und seinen Gefährten. Gleiches gilt für das mythische Inselreich Númenor, das edelste aller menschlicher Königreiche in der Geschichte Mittelerdes. Dass die Heimat von Aragorns Vorfahren im Dritten Zeitalter kaum mehr als eine verblasste Erinnerung ist, geht ebenfalls auf Sauron zurück. Nachdem er einen Krieg gegen die Menschen angezettelt hatte, ließ sich Sauron von den Númenorern gefangen nehmen. Innerhalb weniger Jahrzehnte gelang es ihm dank geschickter Einflüsterungen vom Gefangenen zum Berater des Königs aufzusteigen. Der verschlagene Sauron erwies sich als derart raffiniert, dass der letzte König Númenors, Ar-Pharazôn, ihm schließlich folgte. Sehr zum Missfallen der Valar – gottgleichen Gestalten in der Mythologie Tolkiens. Sie versenkten die Insel, die sie den Menschen einst aus Dank für ihre Mithilfe im Kampf gegen Melkor schenkten, kurzerhand wieder im Meer von Belegaer.
Empfohlener Inhalt der Redaktion

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Youtube, der den Artikel ergänzt. Sie können sich diesen mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.

Externer Inhalt

Sie erklären sich damit einverstanden, dass Ihnen externe Inhalte von Youtube angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden.

Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Dass diese Ereignisse Teil der Serie sind, bestätigte Amazon in einer Kurzbeschreibung zu „Die Ringe der Macht“. Die Serie, werden die beiden Showrunner J.D. Payne und Patrick McKay zitiert, „vereint alle wichtigen Geschichten des Zweiten Zeitalters in Mittelerde: Das Schmieden der Ringe, den Aufstieg des dunklen Herrschers Sauron, die epische Geschichte von Númenor und die letzte Allianz von Elben und Menschen“.

Blick zurück in die mythischen Anfänge Ardas?

Es gibt allerdings auch Anzeichen, dass es noch weiter zurück in die Geschichte Mittelerdes gehen könnte. Im August vergangenen Jahres veröffentlichte Amazon das erste Bild zur Serie. Es zeigt eine in weißes Gewand gehüllte Person, die über eine idyllische Berglandschaft mit Bäumen und Gewässer hinweg in Richtung einer prächtigen Stadt blickt. Wer genau hinsah, konnte am Horizont zwei Bäume erkennen, deren Kronen hell leuchten.
Bei ihnen dürfte es sich um Laurelin und Telperion handeln, den zwei Bäumen von Valinor. In der Mythologie Mittelerdes spendeten sie der Welt Licht, noch ehe die Sonne erschaffen wurde. Die von der Valier Yavanna errichteten und später von Melkor zerstörten Bäume existierten schon vor dem Ersten Zeitalter, das mit dem Erwachen der ersten Elben begann. Ob Flashback oder Traum – man darf gespannt sein, ob die Serie Eindrücke aus der sagenumwobenen Frühzeit Ardas bereithält. (Als Arda wird die gesamte Welt bei Tolkien bezeichnet. Mittelerde ist einer ihrer Kontinente.)

Alte Bekannte, neue Gesichter – und nomadische Hobbits

Nicht nur Sauron selbst könnte also eine prominente Rolle einnehmen. Auch einige Helden dürften dem Publikum bekannt vorkommen – der Unsterblichkeit der Elben sei Dank. Nicht erst seit dem zuletzt veröffentlichten Trailer scheint klar, dass Galadriel eine Hauptfigur der Serie sein wird. Anders als in den Peter-Jackson-Filmen wird die jüngere Version der Elbin (gespielt von der walisischen Schauspielerin Morfydd Clark) aber nicht zurückgezogen in den Wäldern Lothlóriens leben. Die Galadriel des Zweiten Zeitalters war wesentlich martialischer. Sie war eine der wenigen, die das Wiedererstarken einer bösen Macht, namentlich Sauron, spürte. Getrieben von Trauer und Wut über den Tod ihres Bruders Finrod, der im Kampf gegen Melkor fiel, versuchte sie, die Finsternis im Keim zu ersticken.
Alter Bekannter: Der Halbelb Elrond (in "Der Herr der Ringe: Die Ringe der Macht" gespielt von Robert Aramayo) spielt auch in der Herr der Ringe-Trilogie von J.R.R. Tolkien eine wichtige Rolle
Alter Bekannter: Der Halbelb Elrond (in „Der Herr der Ringe: Die Ringe der Macht“ gespielt von Robert Aramayo) spielt auch in der Herr der Ringe-Trilogie von J.R.R. Tolkien eine wichtige Rolle
© Foto: Amazon Studios
Ebenfalls altbekannt ist Elrond (gespielt von Robert Aramayo). Der weise Halbelb richtet in „Der Herr der Ringe“ als Herr von Bruchtal die Gründung der Gemeinschaft des Ringes mit seinen neun Mitgliedern aus. Im Zweiten Zeitalter gründet Elrond nicht nur eben jenes Reich in Bruchtal, er kämpft auch in der letzten Allianz von Elben und Menschen und muss mit ansehen, wie sich Isildur, der zuvor den Einen Ring von Saurons Finger schnitt, gegen dessen Zerstörung entscheidet (Peter Jackson ließ seinen ersten „Herr der Ringe“-Film mit dieser Schlacht beginnen). Apropos Isildur: Der Númenorer und spätere Hohe König von Gondor ist ebenfalls Teil von „Die Ringe der Macht“, gespielt wird er von dem Briten Max Baldry.
Erneut mit dabei sind auch Orks. Die willigen Diener dunkler Mächte sind nach dem sogenannten Krieg des Zorns und der Verbannung ihres Meisters Melkor in kleine Grüppchen aufgelöst und verstecken sich in unterirdischen Tunneln. Dem noch leisen Ruf Saurons folgend, wagen sie sich im Zweiten Zeitalter aber wieder hervor.
Und was wäre das gezeigte Zweite Zeitaler ohne Hobbits? Nun ja, den Texten J.R.R. Tolkiens treu. Denn die Publikumslieblinge kommen darin nicht vor. Dennoch zeigen die vorab veröffentlichten Teaser und Trailer Wesen, die Hobbits sehr ähnlich sehen. In der – ebenfalls zu Amazon gehörenden – Internet Movie Database (IMDb) ist etwa eine Figur namens Elanor „Nori“ Brandyfoot gelistet (gespielt von Markella Kavenagh). Die einschlägigen Herr der Ringe-Foren sind sich sicher: bei ihr handelt es sich um eine Harfüßlerin. Die Harfüße sind einer von drei ursprünglichen Hobbitstämmen. Anders als die Halblinge aus „Herr der Ringe“, die ihren gemütlichen Lebensstil in Löchern im Boden erst im Dritten Zeitalter ausprägen, ziehen Harfüße als Nomaden durch Mittelerde. Eine nennenswerte Rolle nehmen sie in den Literaturvorlagen Tolkiens allerdings nicht ein. Es dürfte sich also um eine kreative Freiheit Amazons handeln, die vor allem auf die Sehgewohnheit von „Herr der Ringe“- und „Der Hobbit“-Fans abzielt.
Ungewöhnliche Partner: Galadriel rettet Halbrand aus stürmischer See
Ungewöhnliche Partner: Galadriel rettet Halbrand aus stürmischer See
© Foto: Amazon Studios
Neben noch unbekannten, aber Tolkiens Werk entnommen Figuren, wie dem Elb und Ringschmied Celebrimbor und dem Elbenkönig Gil-galad, hat Amazon weitere Charaktere angekündigt, die nicht aus der Feder des Mittelerde-Schöpfers stammen. Der jüngste Trailer etwa zeigt eine schiffbrüchige Galadriel mit einem Menschen namens Halbrand (Charlie Vickers). Auch von Zwergenprinzessin Disa (Sophia Nomvete) hat man in Mittelerde noch nichts gehört. Insgesamt soll „Die Ringe der Macht“ die stattliche Anzahl von 22 Hauptfiguren mit eigenen Handlungssträngen beinhalten.
Von ihr hat man in Mittelerde bislang noch nichts gehört: Zwergenprinzessin Disa (Sophia Nomvete)
Von ihr hat man in Mittelerde bislang noch nichts gehört: Zwergenprinzessin Disa (Sophia Nomvete)
© Foto: Amazon Studios

Tausende Jahre Geschichte, aber nur fünf Staffeln – wie soll das gehen?

Das Zweite Zeitalter erstreckt sich über nicht weniger als 3441 Jahre. Für unsterbliche Elben ein Wimpernschlag, nicht aber für Menschen. Das wirft die Frage auf, ob sich „Die Ringe der Macht“ im Laufe der Handlung immer wieder von (womöglich liebgewonnenen) Charakteren verabschieden muss. Ein erzählerisches Problem, dass auch den Serienmachern nicht verborgen blieb. Um es zu lösen, hat sich Amazon die wohl größte Abweichung zum Tolkien-Werk erlaubt: Die für die Story zugrunde gelegte Zeitleiste wird stark komprimiert. Wie die Showrunner J.D. Payne und Patrick McKay in einem Interview mit der Zeitschrift „Vanity Fair“ sagten, wisse man zwar, dass texttreue Tolkien-Fans damit vor den Kopf gestoßen werden könnten, doch man wolle eine Geschichte erzählen, die möglichst alles verbindet. Ob dies gelingt? Davon kann sich nun jede und jeder selbst ein Bild machen.

„Der Herr der Ringe: Die Ringe der Macht“ – Episodenguide

Die erste Staffel von „Der Herr der Ringe: Die Ringe der Macht“ umfasst insgesamt acht Folgen. Die ersten beiden sind ab 2. September auf Prime Video abrufbar. Jede weitere Folge wird wöchentlich immer freitags ausgespielt. Das Staffelfinale gibt es am 14. Oktober.