Design
: Prediger der Nützlichkeit - der Glasdesigner Erich Müller

Erich Müller ist  einer der wichtigen deutschen Geschirr- und Glasgestalter. Das Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR in Eisenhüttenstadt pflegt sein Erbe.
Von
Thomas Klatt
Eisenhüttenstadt
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  • Sehr "rationell": Kaffeekännchen aus der berühmten Serie; Entwurf: Margarete Jahny und Erich Müller. Das Besondere: Der Deckel fällt auch beim Gießen nicht herunter.

    Sehr "rationell": Kaffeekännchen aus der berühmten Serie; Entwurf: Margarete Jahny und Erich Müller. Das Besondere: Der Deckel fällt auch beim Gießen nicht herunter.

    ArminHerrmann
  • Qualitätsprüfung: Glasdesigner Erich Müller in den 60er-Jahren im Gutachterausschuss des Amtes für Industrielle Formgestaltung

    Qualitätsprüfung: Glasdesigner Erich Müller in den 60er-Jahren im Gutachterausschuss des Amtes für Industrielle Formgestaltung

    Rita Müller
  • "Unkaputtbar":  Die Serie Superfest von 1980 geht zurück auf die "Wirte-Gläser" von Margarete Jahny und Erich Müller von 1970.

    "Unkaputtbar":  Die Serie Superfest von 1980 geht zurück auf die "Wirte-Gläser" von Margarete Jahny und Erich Müller von 1970.

    ArminHerrmann
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Kurze Zeit später erfahre ich, dass es sich bei dem Kritiker bei Tisch um Erich Müller handelt, einen der bekanntesten deutschen Glasgestalter. Mit vielen Produkten wie dem sogenannten Mitropa-Geschirr und dem Siedlerglas war er in Tausenden privaten Haushalten, in Gaststätten, Hotels und sogar in den Speisewagen der Reichsbahn der DDR  vertreten, genutzt wird es zum Teil bis heute.

„Bekannt“ ist allerdings nicht ganz zutreffend. Um wirkliche Popularität zu erlangen, dazu ist Glas- und Geschirrdesign für den Alltag wohl kaum geeignet; vielleicht ist es ein Gebiet, das zu „normal“ ist, als dass damit spektakuläre Aufmerksamkeit zu erlangen ist. Der zweite Grund wirkt aber noch stärker: Müller ist einfach zu bescheiden, ja, nahezu unauffällig. Einzig wenn es darum geht, gutes Design zu verteidigen, tritt er laut hörbar und konsequent auf. Selbstvermarktung jedoch war ihm völlig fremd.

Im Nachlass seines ältesten Sohnes Peter Müller (1935–2013), der wie sein Vater zunächst Glasmaler lernt und später als Pressezeichner und Grafiker bei der Tageszeitung „Lausitzer Rundschau“ in Cottbus arbeitet, finden sich viele Erinnerungen an seinen Vater Erich. „Seine oft an Sturheit grenzende Geradlinigkeit und Prinzipientreue, seine Ehrlichkeit, das berufliche Können und sein enormes Allgemeinwissen wurden mir zunehmend Richtschnur für mein eigenes Handeln“, schreibt  Müller jun. über seinen Vater.

Jugendweihe in Frankfurt (Oder)

Erich Müller wird 1907 in Havelberg in der Prignitz geboren. Nach dem Ersten Weltkrieg siedelt die Familie nach Fürstenberg an der Oder um, wo der Vater Otto Müller, ein überzeugter Sozialdemokrat und aktiv in der Transportarbeitergewerkschaft tätig, Arbeit findet. Der junge Erich ist wohl einer der ersten Jugendlichen, die im Jahre 1921 die Jugendweihe in Frankfurt (Oder) erhalten. Später engagiert sich Müller in der Wandervogelbewegung und in der Jugendorganisation der SPD. In dieser Zeit  lernt er sein Frau Marie kennen, sie werden vier Kinder haben und bleiben ihr Leben lang zusammen.

Wohnort für die Familie ist Neuzelle. Das Talent zum Zeichnen und Malen führt Müller in eine Lehre als Glasmaler in die Fürstenberger Glashütte. Bald zieht die Familie um – nach Penzig, östlich der Neiße gelegen, wo Müller eine Anstellung als Flachglasmaler in der bekannten Werkstatt von Richard Süßmuth erhält. Die beiden Männer, obwohl unterschiedlicher Herkunft und Alters, verstehen sich sofort. Süßmuth ist strenger Katholik, Müller überzeugter Sozialdemokrat. Sie eint das Interesse für gut gestaltetes und auf hohem Niveau hergestelltes Gebrauchsglas.

Als Müller nach dem Krieg in die Fürstenberger Glashütte zurückkehrt, entsteht bald darauf eines seiner Meisterstücke: das Siedlergeschirr. Der Name bezieht sich auf die aus dem Osten Deutschlands umgesiedelten Flüchtlinge. Sie hatten ihre Heimat aufgeben müssen und waren mit wenig Hab und Gut an Neiße und Oder angekommen, die nun östliche Grenze des neuen Deutschlands.

Die im Westen übliche Bezeichnung Vertriebene wird in der russischen Besatzungszone und in der DDR nicht benutzt. Der Begriff steht unter dem Verdacht des Revanchistischen, des Zurückwollens in die alte Heimat – unter welchen Umständen auch immer.

Das Siedlergeschirr, bestehend aus Schüsseln und Tellern, ist für jene Menschen gedacht, die hier ein neues Leben beginnen, aber auch für die Menschen in den hiesigen zerstörten Haushalten. Müller bedient sich dabei einiger Tricks. Das Glas ist „unrein“, die Produktionsbedingen schlecht und provisorisch. Es zeigt  Blasen und Verfärbungen. Doch gerade diese Fehler „baut“ Müller ins Design ein. Er vertuscht nichts. Doch es muss funktionieren. Bald wird erkennbar, dass er sich den Ideen der Bauhäusler verpflichtet sieht. Das bleibt auch so, als sie in den frühen Jahren der DDR als „formalistisch“ gebrandmarkt werden. Besonders Wilhelm Wagenfeld, der in den Lausitzer Glaswerken Weißwasser wirkt, und seinem Nachfolger Friedrich Bundtzen fühlt sich Müller verbunden. Form folgt Funktion. Was nicht gebraucht wird, kann weggelassen werden. Die Schönheit der Dinge, ihre Klarheit soll stets erkennbar sein. Dafür wird er ein Leben lang einstehen.

Auch dass Pressglas schön sein kann, ist für ihn selbstverständlich. Es ist „ehrlicher“, zitiert Peter Müller seinen Vater Erich. Dessen Spitzname in den späteren Jahren: Prediger der Nützlichkeit. In Fachkreisen ist er bald der Glas-Müller. In den Erinnerungen seines Sohnes Peter heißt es: „Ich war oft Zeuge stundenlanger hitziger Diskussionen in tiefer Nacht, bei denen es um Millimeter bei einer neuen Form ging. Geschmackliche Ausrutscher, wie sie heute gang und gäbe sind, waren da undenkbar“, notiert er im Jahre 2001.

Seine Fähigkeiten sprechen sich herum, ein Ruf ereilt ihn aus Berlin. Es „rief“ das Deutsche Amt für Material- und Warenprüfung, später Institut für Industrielle Formgestaltung. Gesucht wird ein Fachmann für innovative Fähigkeiten auf dem Gebiet im Wirtschaftszweig Glas und Keramik. Er nimmt die Herausforderung an. Da ist Müller bereits 50 Jahre alt. Und er bleibt der praktischen Arbeit verpflichtet.

In dieser Zeit arbeitet Müller mit der Gestalterin Margarete Jahny zusammen. Auch sie hatte ihre Vorbild-Objekte: etwa die berühmten Teekannen der Bauhaus-Künstlerin Marianne Brandt. Müller, der Praktiker, und Jahny, Fachfrau fürs Elegante, verstehen  sich gut. So entsteht 1964 die Pressglasserie „Europa“. Es handelt sich um Portionsschalen verschiedener Höhen und Durchmesser, in einem zurückhaltenden Bronzegrün gehalten – multifunktional nutzbar vom Kompottschälchen bis zum Aschenbecher. Alles ist auch im gefüllten Zustand stapelbar und im Müller’schen Sinne nützlich. Hergestellt wird es im VEB Glaswerk Schwepnitz.

Im Jahre 1969 verlassen die Zeichentische des Gestalter-Duos Entwürfe für das Hotelgeschirr „rationell“. Es ist minimalistisch. Tassen, Teller und Kaffeekannen in mehreren Größen kommen auf den Tisch. Gedacht ist es weniger für den Hausgebrauch als für Restaurants und Cafés. Das Besondere an der Kaffeekanne: Der Deckel fällt auch beim Gießen und einem Winkel von weit mehr als 90 Grad nicht herunter. Das Geschirr ist robust und lässt sich in Kantinen platzstauend verstauen.

Weil das Geschirr auch in den Bahnhofsgaststätten und bei der Mitropa im Zug benutzt wird, gibt ihm der Volksmund seinen passenden Namen: Mitropa-Geschirr. Doch die Omnipräsenz ist zugleich sein Fluch. Jeder kennt es, und Tausende benutzen es. Es wird kaum noch als etwas Besonderes wahrgenommen. Müller kümmert das nicht. Für ihn gilt: Wenn es gut zu gebrauchen ist, ist es auch schön.

Der Klassiker: die Wirte-Gläser

Eine noch größere Wirkung erzielt Müller mit den sogenannten Wirte-Gläsern zu Beginn der 70er-Jahre. Wieder stellt er sich mit den Trinkgläsern, die es für Bier und Fruchtgetränke gibt, in die Tradition des Funktionellen: Sie sind leicht und dünnwandig und gut transportabel. Von anderen Gestaltern später geringfügig überarbeitet und aus  einer „superfesten“ Glassorte hergestellt, sind sie in den 80er-Jahren allgegenwärtig in der DDR: ideal für Kellner in Tanzsälen und Gaststätten, wo Tabletts mit Biergläsern schadlos durch die Menge balanciert werden müssen – je leichter, je besser. Und sie passen in die Zeit. Es ist die Blütezeit der Jugendklubs, der belebten Dorfkneipen und städtischen Kulturhäuser. Von Freitagabend bis Sonntag sind Müllers Gläser dabei: vom Rock-Konzert bis zum Dorfbums. Hergestellt wurde die Serie in Weißwasser (heute Sachsen).

Mit 65 Jahren scheidet Müller beim Amt für Formgestaltung in Berlin aus. Er zieht sich in seinen Heimatort Neuzelle zurück. Konsequent wie er war, so Sohn Peter Müller,  verzichtete er auf alle künstlerischen Aktivitäten. Das bezieht sich auch auf das Gestalterische, aber auch auf seine Hobbys, Malerei und Fotografie. Er widmet sich nun zunehmend seiner privaten Landwirtschaft. Einheimische sehen ihn in den 80er-Jahren auf einem kleinen Traktor Marke Eigenbau, mit dem er die Felder bestellt.

Das Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR in Eisenhüttenstadt widmete Müller, der 1982 den Designpreis der DDR bekam, in der Ausstellung „Alltag formen! Bauhaus-Moderne in der DDR“, die bis März 2020 zu sehen war, viel Raum. „Es war eine der erfolgreichsten Ausstellungen des Dok-Zentrums“, so Kurator Axel Drieschner.  Ab Mitte Mai präsentiert das Haus Müllers und Jahnys Arbeiten auch virtuell auf der online-Plattform www.museum-digital.de.

Die Stadt Weißwasser, für die Wilhelm Wagenfeld elf  Jahre lang arbeitete, bleibt  bis zu den Wendetagen 1990 ein wichtiger Standort der Glasproduktion. Dort tobt aber auch lange ein Kampf um Ästhetik  und Form. Das bunte Bleikristall wird immer beliebter. Weißwasser setzt schließlich 2016 ein Zeichen. Die Stadt machte Wagenfeld, den Urvater der Neuen Sachlichkeit im Glasdesign, postum zum Ehrenbürger. Für Erich Müller, der 1992 in Neuzelle starb und der stets der Oderregion verbunden blieb, steht eine solche Ehrung noch aus.