Deutsche Kinemathek
: Filmarchiv muss sich in Berlin neu erfinden - klappt das?

Die Deutsche Kinemathek eröffnet im E-Werk Berlin neu – und präsentiert sich ganz anders als noch am Potsdamer Platz. Warum sich ein Besuch des Filmarchivs lohnt.
Von
Michael Heider
Berlin
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Blick ins E-Werk und die neuen Ausstellungsräume der Deutschen Kinemathek in Berlin. Am 23. Januar 2026 öffnet das Filmarchiv für Besucherinnen und Besucher.

Blick ins E-Werk und die neuen Ausstellungsräume der Deutschen Kinemathek in Berlin.

Nancy Jesse/Deutsche Kinemathek
  • Die Deutsche Kinemathek eröffnet im E-Werk Berlin neu – Fokus auf Flexibilität und wechselnde Perspektiven.
  • Eröffnungsausstellung „Screentime“ zeigt Filmklassiker von „Metropolis“ bis „Lola rennt“ auf riesigen Leinwänden.
  • DDR-Filmklassiker wie „Coming Out“ ergänzen die Ausstellung und schließen Erinnerungslücken.
  • Sammlungsstücke wie Kostümentwürfe für Marlene Dietrich werden flexibel und themenbezogen präsentiert.
  • „Screentime“ läuft vom 23. Januar bis 6. Februar 2026; Eröffnungswochenende mit freiem Eintritt und Workshops.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Bereits die Fassade des E-Werks wirkt wie eine Filmkulisse. Derart monumental ragen die expressionistischen Klinkermauern im Herzen Berlins in die Höhe, dass sie an Fritz Langs „Metropolis“ erinnern. Noch ehe man Fuß ins Innere des ehemaligen Umspannwerks setzt, ist man also mittendrin in der Geschichte des deutschen Bewegtbilds.

„Besser kann es eigentlich kaum passen“, meint auch Nils Warneke, Medienkurator der Deutschen Kinemathek, mit Blick auf das E-Werk. Nach seinem Abschied vom Potsdamer Platz eröffnet das Filmarchiv, das seit über 60 Jahren das filmische Gedächtnis Deutschlands bildet, hier an diesem Freitag (23. Januar) neu – zwar als Interimsheimat, dafür aber mit eigenem Profil.

Einmal im Innern des neuen Ausstellungsstandorts angekommen, wandert der Blick zunächst nach oben. Die Deckenhöhe der ehemaligen Maschinenhalle scheint kaum enden zu wollen. Bis zu 13 Meter ragen die vielen Stahlträger nach oben. Im Nachwende-Berlin befand sich zwischen ihnen mit dem „E-Werk“ ein legendärer Techno-Tempel. Nun tanzen in der rohen, offenen Industriehalle Ausschnitte aus 130 Jahren Filmgeschichte über gigantische Leinwände.

Einst Techno-Tempel, heute Heimat der Deutschen Kinemathek

Für Nils Warnecke, der seit 25 Jahren Teil der Deutschen Kinemathek ist, stellt die Architektur des E-Werks mehr als eineße Hülle dar. Auch, weil sie eine Epoche sichtbar mache, mit der sich auch die Kinemathek immer wieder intensiv beschäftigt habe: die Ästhetik der 1920er-Jahre. So auch in der multimedialen Installation „Screentime“, mit der das Filmarchiv die Neueröffnung einleitet.

Auf riesigen Leinwänden zeigt die "Screentime", die Eröffnungsausstellung der Kinemathek, Meilensteine der deutschen Filmgeschichte.

Auf riesigen Leinwänden zeigt die "Screentime", die Eröffnungsausstellung der Kinemathek, Meilensteine der deutschen Filmgeschichte.

Nancy Jesse/Deutsche Kinemathek

Auf gigantischen Leinwänden erscheinen Szenen aus Klassikern wie „Das Cabinet des Dr. Caligari“ oder F.W. Murnaus „Der Letzte Mann“. Die Auswahl der gezeigten Ausschnitte verbindet Kanon und Kontrast. Meilensteine des deutschen Films sind zu sehen: Die ersten öffentlich vorgeführten Bewegtbilder des „Wintergartenprogramms“ der Brüder Skladanowsky, „M“ von Fritz Lang als erster Tonfilm, „Frauen sind doch bessere Diplomaten“, mit dem Farbe Einzug ins Kino erhielt, aber auch Franka Potente in „Lola rennt“ flitzt über die Leinwand – eine „Tour de Force“ nennt Nils Warnecke die Filmauswahl.

Deutsche Kinemathek: Auch DDR-Filmklassiker sind Teil der Ausstellung

Auch der ostdeutsche Film ist selbstverständlich Teil der Erzählung, darunter Produktionen wie „Coming Out“ oder „Solo Sunny“. Mit ihnen will die Kinemathek Erinnerungslücken schließen und neue Zugänge schaffen – „wir sind ja nun schon im Jahr 36 nach der Wende“, unterstreicht Kurator Nils Warnecke die Integration der DDR-Filme.

Es ist ein neues Konzept, mit dem sich die Kinemathek im E-Werk präsentiert. Die große, chronologisch aufgebaute Dauerausstellung, die am Potsdamer Platz über Jahre Hunderttausende Besucherinnen und Besucher anlockte, gibt es nicht mehr. Auf der mit 600 Quadratmetern nicht mal halb so großen Ausstellungsfläche der Industriehalle wird auf Verdichtung, Flexibilität und wechselnde Perspektiven gesetzt anstelle eines festen Narrativs.

„Wir wollen sehr exemplarisch vorgehen“, erklärt Warnecke. Es gehe darum, Schlaglichter zu setzen, Zeitgeist spürbar zu machen und zugleich einen Blick hinter die Kulissen zu erlauben: Wie wird Film gemacht? Welche technischen und ästhetischen Umbrüche gab es? Auf der Westseite der Halle laufen Bildcollagen aus den jeweiligen Jahrzehnten – eine raumgreifende Inszenierung, die eher auf Wirkung als auf Vollständigkeit zielt. Was früher am Potsdamer Platz noch in niedrigen Etagen im White-Cube-Charakter stattfand, entfaltet sich im E-Werk in der Vertikalen: weniger Fläche, aber mehr Höhe, mehr Atmosphäre.

Kostümentwürfe für Marlene Dietrich

Doch auch am neuen Standort bleibt der Bezug zur Sammlung des Filmarchivs zentral. An einer „Sammlungswand“ zeigt die Kinemathek ausgewählte Exponate, Fotos und Materialien aus ihrem Archiv – bewusst als „Schaufenster“, wie Warnecke sagt. Anders als früher soll dieser Blick in die Archive regelmäßig wechseln und auf aktuelle Themen reagieren können.

Zu den gezeigten Exponaten in der Deutschen Kinemathek gehören diese Kostümentwürfe für Marlene Dietrich.

Zu den gezeigten Exponaten in der Deutschen Kinemathek gehören diese Kostümentwürfe für Marlene Dietrich.

Nancy Jesse/Deutsche Kinemathek

Zu Beginn lässt die Kinemathek auch dort die 20er wieder aufleben und zeigt Kostümentwürfe für Marlene Dietrich, historische Starpostkarten oder Masken aus Fatih Akins Film „Rheingold“. Ergänzt wird die Ausstellungsfläche durch Medienstationen, an denen Film- und Fernsehausschnitte gesichtet werden können. Auch ein kleiner Kinosaal und Platz für Workshops wurden in den ehemaligen Industrieräumen eingerichtet.

Der Abschied vom Potsdamer Platz sei schmerzhaft gewesen, das unterstreicht auch Nils Warnecke. „Wir haben keine ständige Ausstellung mehr.“ Der neue Standort verlangt eine veränderte Herangehensweise – doch das ist kein Nachteil. Im Gegenteil. Dass die Deutsche Kinemathek das E-Werk als Experimentierfeld begreift, ist ein Trumpf. Und ist die Neueröffnung ein Indikator, dürfte die gigantische Halle in den kommenden Jahren Heimat frischer, innovativer Ausstellungen sein.

„Screentime“ in der Deutschen Kinemathek

Die Eröffnungsausstellung „Screentime“ im E-Werk (Mauerstr. 79, 10117 Berlin) läuft vom 23. Januar bis 6. Februar 2026. Öffnungszeiten sind täglich 10 bis 18 Uhr. Am Eröffnungswochenende (23.–25. Januar) ist der Eintritt frei, zudem gibt es Kurzführungen und ein wechselndes Workshop-Programm für Kinder. Weitere Infos dazu gibt es hier.

Während der Berlinale ist die Installation nicht zugänglich. Zu dieser Zeit finden in der Halle Screenings der Retrospektive. Ab 26. Februar bis 19. April ist „Screentime“ wieder zu sehen, dann immer donnerstags bis sonntags, 10 bis 18 Uhr.