Herr Qurbani, Ihr Film "Berlin Alexanderplatz", der auf der Berlinale uraufgeführt wurde, hätte ab 16. April im Kino laufen sollen. Jetzt ist der Filmstart wegen der Corona-Krise verschoben. Was macht ein Regisseur ohne den sozialen Erlebnisraum Kino?
Zuerst mal mache ich Filme ja für die Gesellschaft, und wenn die Community aber krank ist, geht das halt gerade nicht. Natürlich tun mir die kleinen Kinos leid, die ohnehin jeden Tag ums Überleben kämpfen und jetzt umso mehr. Aber das Thema von "Berlin Alexanderplatz" altert leider nicht: Auch wenn wir das gerade nicht auf dem Schirm haben, versuchen immer noch Menschen, über das Mittelmeer nach Europa zu kommen und ertrinken bei dem Versuch. Die Aktualität des Films wird nicht verloren gehen. Ich hoffe nur, dass wir als sozialer Körper keine bleibenden Schäden davontragen. Wenn ich bei Netflix Filme sehe, in denen sich zwei Menschen die Hand schütteln, denke ich automatisch: "Uff, das sollten die besser nicht tun." Ich glaube, das können wir heute noch gar nicht einschätzen, inwieweit diese Erfahrungjetzt unser Leben bleibend verändern wird.
Wir haben ja gerade so viel Zeit und Gelegenheit wie lange nicht, Filme digital zu streamen und zu sehen. Was bedeutet das für die Zukunft des Kinos?
Derzeit haben wir Geschichtenerzähler endlich mal eine richtige Aufgabe und eine soziale Funktion, nämlich die Menschen zuhause zu unterhalten davon abzuhalten, wahnsinnig zu werden. Und gleichzeitig ist Film immer lustiger oder trauriger, wenn man ihn gemeinsam im Kino sieht. Wir sind soziale Wesen. Ich habe mit 16 zum ersten Mal "Das Unbehagen in der Kultur" von Sigmund Freud gelesen, und ich mag seine Idee des "ozeanischen Gefühls", das man hat, wenn man gemeinsam auf Veranstaltungen geht, ob das nun ein Konzert ist, oder ein Theater, oder Fußball – ich vermisse Fußball so sehr!
Ihr Film "Berlin Alexanderplatz" thematisiert eine Gesellschaft, die Teile nicht wahrnimmt, zum Beispiel die Dealer in der Hasenheide, die die bürgerliche Stadtgesellschaft ausblendet. Glauben Sie, dass unsere Gesellschaft nach diesem Shutdown achtsamer miteinander umgehen wird?
Es gibt da zwei Theorien – die einen sagen, wir werden aufmerksamer miteinander umgehen und nachhaltiger leben werden, und die anderen sagen, nach Corona ist vor Corona. In den ersten Wochen war das großartig, man war sich der anderen so gewahr. Und gleichzeitig waren wir jetzt sechs Wochen unter immensem kollektiven sozialen Stress, und das wird Auswirkungen haben. All das, Einsamkeit, Angst vor Öffentlichkeit und Berührung, will verarbeitet werden, und da haben wir auch als Geschichtenerzähler eine große Aufgabe.
Mehr denn je gibt es ja viele Missstände, die wir derzeit größtenteils ausblenden: Die Zustände in den griechischen Lagern, die Aufnahme von Geflüchteten auf dem Mittelmeer, die Situation in Flüchtlingsheimen…. Macht Sie das wütend?
Wir haben ein unglaubliches Vermögen zu verdrängen und zu vergessen. Genau deshalb mache ich ja Filme, weil man den Menschen immer wieder ins Gedächtnis rufen muss, was nicht gut läuft in unserer Gesellschaft. Aber ich kann total nachvollziehen, dass wir derzeit nur ein Trauma nach dem anderen abarbeiten können. Wenn in Nordkorea gerade wieder Raketen getestet werden, dann überlese ich das einfach, es interessiert mich nicht, weil ich nicht weiß, ob ich mich im Supermarkt mit COVID-19 anstecke. Alles ist sehr monothematisch gerade, aber achtzig Prozent der Welt sind im Lockdown, da ist es schon okay, wenn wir uns darauf konzentrieren. Aber zur gleichen Zeit sind wahrscheinlich Tausende auf den Ozeanen verloren gegangen, es gab unendliche Missstände in den Flüchtlingsheimen, das müssen wir wieder wahrnehmen, sobald der Winterschlaf vorbei ist.
Sie haben Döblins Roman von 1929 gewählt, um etwas über unsere heutige Gesellschaft zu erzählen – ist das die Kunst des Geschichtenerzählens, etwas über Umwege zu vermitteln?
Picasso sagt: "Kunst ist eine Lüge, die uns die Wahrheit erkennen lässt". Wir erzählen über Bande etwas über den Zustand unserer Welt jetzt, aber manchmal braucht das auch Zeit. Erich Fromm hat gesagt: "Die Aufgabe des Künstlers ist es, das kollektive Unterbewusste zu berühren." Aber dafür muss man selbst erst einmal durchsteigen, was da passiert ist. Ich bin jetzt 39, und das ist jetzt mein drittes Corona.
Was meinen Sie damit?
Das erste war Tschernobyl, als Kind: diese Erfahrung, wochenlang eingeschlossen zu sein, und durch das Fenster zuzusehen, wie im Kindergarten die Sandkästen ausgebuddelt wurden. Die Erfahrung, dass Natur zum Feind geworden war: keine Pilze essen, keine Milch trinken, dass Atmen gefährlich ist, das hat sich bei mir stark eingeprägt. Mein zweites Corona war der 11. September 2001, vor allem als Muslim, der nicht biodeutsch aussieht – das Misstrauen, das ich damals erfahren habe, hat für mich die Welt verändert. Und es hat gedauert, bis diese Themen im Film angekommen war: Tschernobyl ist erst im vergangenen Jahr zum ersten Mal anständig verfilmt worden,und der 11. September spielt immer noch eine große Rolle, diese beiden Türme sind etwas, zwischen dem sich auch mein Leben aufspannt.
Und gleichzeitig können Filme prophetisch sein und Themen vorwegnehmen, die später erst spürbar werden. Als Sie "Wir sind jung, wir sind stark" 2015 ins Kino brachten, wurde Pegida gerade stark, und der Film wirkte wie der Kommentar dazu. Und als "Berlin Alexanderplatz" auf der Berlinale lief, war gerade der Anschlag von Hanau passiert. Wie kommt das?
Eine Freundin von mir, die Psychiaterin ist, hat mir von "social dreaming" erzählt: Bei ihren Forschungen ging es darum, dass die jüdische Community weltweit vor dem Holocaust und dem "Dritten Reich" kollektiv eine ganz bestimmte Art von Albträumen hatte. Auch bei mir sind es oft Albträume, die den Ausgangspunkt bilden: Rostock-Lichtenhagen war ein Albtraum für mich. Für ein Kind, das in den Neunzigern aufwächst und asiatisch, ist DiskriminierungAlltag gewesen, und das hat sich dann auch in dem Film manifestiert. Auch bei "Berlin Alexanderplatz" war das so: Man kennt das Gefühl, außen vor zu sein und am Rande der Gesellschaft mitzuschwimmen, ohne jemals wirklich wahrgenommen zu werden. Das Thema des "Fremden" lässt mich nicht los.
Beim Filmpreis heute Abend ist "Berlin Alexanderplatz" in elf Kategorien nominiert. Auch bei der Berlinale war er für viele schon der große Favorit – und ging dann leer aus. War er zu "deutsch" für eine internationale Jury?
Das glaube ich nicht, denn auf dem Filmmarkt hat er sich international sehr gut verkauft. Ich glaube, die Berlinale-Jury hat nach etwas anderem gesucht, nach einer klaren Arthouse-Sprache, dazu waren wir zu schwer einzuordnen, zu poppig, zu frech, auch zu stylish. Doch die Tatsache, dass wir jetzt elf Nominierungen bekommen haben, würdigt, dass unser Film so eine großartige Teamleistung war: das Szenenbild, die Filmmusik, dasSounddesign, die Kamera, und natürlich die Schauspieler, sie alle sind offenbar preiswürdig, und das ist das, was mich am meisten freut.
Regisseur Burhan Qurbani
Burhan Qurbani, geboren 1980 in Erkelenz. Seine Eltern emigrierten 1979 aus Afghanistan nach Deutschland. Qurbani studierte an der Filmakademie Baden-Württemberg und fiel 2007 mit dem Kurzfilm "Illusion" auf. Sein Abschlussfilm "Shahada" lief 2010 im Wettbewerb der Berlinale. 2015 folgte "Wir sind jung, wir sind stark" über die Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen 1992. "Berlin Alexanderplatz" lief 2020 im Berlinale-Wettbewerb.
Die Verleihung des Deutschen Filmpreises wird an diesem Freitag ab 22.15 Uhr im Ersten live übertragen. Schauspieler Edin Hasanovic ("Skylines") moderiert den Abend. Mit elf Nominierungen geht die Literaturverfilmung "Berlin Alexanderplatz" als einer der Favoriten ins Rennen. Das Drama "Systemsprenger", das von einem sehr schwierigen Mädchen erzählt, kommt auf zehn Nominierungen. Beide Filme sind als bester Spielfilm vorgeschlagen – ebenso wie das Drama "Es gilt das gesprochene Wort" über eine Scheinehe, der Musikfilm "Lindenberg! Mach dein Ding", das Großstadtmärchen "Undine" und das Drama "Lara". Regisseur Edgar Reitz ("Heimat") soll in diesem Jahr den Ehrenpreis der Filmakademie bekommen. Die Komödie "Das perfekte Geheimnis" wird als besucherstärkster Film ausgezeichnet.