Deutscher Sachbuchpreis: Christina Morina gewinnt mit „Tausend Aufbrüche“ Preis

Die Autorin Christina Morina zeigt die Urkunde des Deutschen Sachbuchpreis 2024, den sie für ihr Buch "Tausend Aufbrüche" erhalten hat. Die Stiftung Buchkultur und Leseförderung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels vergibt den mit insgesamt 42.500 Euro dotierten Preis seit 2021.
Markus Scholz/dpaFür den Preis der Leipziger Buchmesse war sie nominiert, den Deutschen Sachbuchpreis hat sie nun gewonnen: die in Frankfurt (Oder) geborene Historikerin Christina Morina, die mit „Tausend Aufbrüche. Die Deutschen und ihre Demokratie seit den 1980er Jahren“ (Siedler Verlag) so etwas wie das Buch der Stunde geschrieben hat. Das inzwischen viel gerühmte und unter anderem auch bei den Brandenburgischen Gesprächen in Cottbus vorgestellte Sachbuch verkörpert nach Ansicht der Jury „eine profunde deutschdeutsche Demokratiegeschichte 'von unten' jenseits vorgefertigter Erzählmuster und politischer Einseitigkeiten“.
Morina, die als Historikerin an der Universität Bielefeld lehrt, beklagt,„ dass man bislang sehr schematisch auf diese deutsch-deutsche Geschichte schaut“, sagt sie in dem Trailer, der den Buchpreis vorstellt.„ Im Osten die Diktatur, im Westen die Demokratie, im Osten marode Wirtschaft und Zusammenbruch, im Westen Wohlstand“: Sie versuche mit ihrem Buch genau diese Zweiteilung, diese schematische Sicht zu durchbrechen. Es gehe ihr um das Verhältnis der Deutschen zu ihrer Demokratie seit den 190er Jahren, und das nicht als „Geschichte von oben“, als Geschichte der Parteien und des Systems, sondern als Gesellschafts- und Alltagsgeschichte. Entstanden sei das Buch aus hunderten von Briefen, die Bürgerinnen und Bürger in Ost und West an den Staat geschrieben haben.
In der Jurybegründung zum Preis heißt es: „Demokratien befinden sich auf der ganzen Welt in der Krise, darüber herrscht weitgehende Einigkeit. Die Frage aber, was es eigentlich heißt, Demokratie zu leben, gerät dabei oft in den Hintergrund. Christina Morina nutzt bisher wenig beachtete Quellen, um zu zeigen, wie unterschiedlich sich das Demokratieverständnis in Ost- und Westdeutschland seit den 1980er Jahren entwickelt hat. Ihre methodisch raffinierte und augenöffnende zeitgeschichtliche Analyse auf der Grundlage von Briefen, Petitionen und Flugblättern gibt Bürger*innen der DDR und der BRD eine Stimme. Morina liefert mit diesem Buch überraschende und notwendige Impulse für die aktuellen gesellschaftlichen Diskussionen. Ihr Buch riskiert viel, ohne zu polarisieren - Demokratie ist Prozess, kein Zustand.“
Eine Feier des freien Denkens
Die Verleihung des Sachbuchpreises am Dienstag Abend, zwei Tage nach der Europawahl, wurde zur Feier des freien Denkens. Je mehr Informationen die Menschen hätten, desto wichtiger werde deren einordnende Verknüpfung, erklärte etwa Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, bei der Preisverleihung. „Umso wichtiger werden Texte, die gut recherchiert, klug und mit Zeit zu Ende gedacht Zusammenhänge klären und erklären, das Tagesgeschehen in den größeren Kontext einordnen.“ Die nominierten Sachbücher seien facettenreich und inspirierend. Sie regten an und machten neugierig. „Sie geben uns die Chance, das langsame Denken zu schulen - ein essenzielles Werkzeug, mit dem wir die Zukunft sinnvoll mitgestalten können.“
Der Trailer zu „Tausend Aufbrüche“ bei YouTube:
Auch die Preisträgerin äußerte ihre „Zuversicht, dass am Ende nicht der Shit gewinnt, sondern die gut begründeten Tatsachen“ und schloss ihre Rede: „Für mich ist Demokratie eine unabgeschlossene Aufgabe, und auch Bildung, Lehren, Aufklären ist für mich unabgeschlossen und eine unendliche, sehr befriedigende Aufgabe.“
Verliehen wurde der Deutsche Sachbuchpreis im Kleinen Saal der Elbphilharmonie in Hamburg. Er ist mit 25.000 Euro dotiert. Hinter dem Sachbuchpreis steht die Stiftung Buchkultur und Leseförderung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Die Auszeichnung wurde nun zum vierten Mal vergeben. 2023 ging er an Ewald Frie für sein Buch „Ein Hof und elf Geschwister“.
Für die Auszeichnung waren außerdem nominiert:
Jens Beckert: Verkaufte Zukunft. Warum der Kampf gegen den Klimawandel zu scheitern droht (Suhrkamp)
Sebastian Conrad: Die Königin. Nofretetes globale Karriere (Propyläen)
Ruth Hoffmann: Das deutsche Alibi. Mythos „Stauffenberg-Attentat“ - wie der 20. Juli 1944 verklärt und politisch instrumentalisiert wird (Goldmann)
Roman Köster: Müll. Eine schmutzige Geschichte der Menschheit (C.H.Beck)
Frauke Rostalski: Die vulnerable Gesellschaft. Die neue Verletzlichkeit als Herausforderung der Freiheit (C.H.Beck)
Marcus Willaschek: Kant. Die Revolution des Denkens (C.H.Beck)
Moshe Zimmermann: Niemals Frieden? Israel am Scheideweg (Propyläen)


