Die Jury der 69. Berlinale: Alles Menschliche ist auch politisch

Drei Damen und drei Herren: Trudie Styler (v.l.), Rajendra Roy, Sandra Hüller, Jury-Präsidentin Juliette Binoche, Justin Chang und Sebastián Lelio
dpa/Jens KalaeneDie Bürde der Verantwortung merkt man ihr zum Auftakt an. Etwas zugeknöpft gibt sich die 54-Jährige auf der Pressekonferenz und das nicht nur optisch – mit strengem Scheitel und hoch geschlossen. Binoche wägt jedes Wort ab, scheint eine nachdenkliche Jury-Präsidentin zu sein. Auf die Frage, wie politisch der Wettbewerb werde, verfällt sie ins Grübeln. „An erster Stelle muss es menschlich sein, und wenn es menschlich ist, dann ist es auch politisch“, kommt es ihr dann doch wie ein Geistesblitz. Sie ist vorsichtig, wozu und über wen sie sich äußert. Dass das Filmfest so weiblich sei, freue sie natürlich: „Das war vor zehn Jahren noch nicht so.“ Eine Frage zu Harvey Weinstein tut sie ab, man solle den Prozess abwarten. Für Netflix-Filme, welche stetig an Einfluss gewinnen und ebenfalls in Berlin vertreten sind, sei sie keine Expertin.
Kämpferisch und enthusiastisch präsentieren sich hingegen ihre Kollegen. Für den chilenischen Regisseur Sebastián Lelio ist Netflix ein großes Thema. Sein Film „Die fantastische Frau“ hat vor zwei Jahren einen Silbernen Bären und einen Auslands-Oscar abgesahnt. „Wir sind hier an einem Scheideweg. Es wird sich viel ändern, aber der Film wird nicht sterben. Ich bin ein Verteidiger der magischen Erfahrung, wenn man gemeinsam im Kino auf die Leinwand schaut.“
Sting-Ehefrau Trudie Styler war bereits bei der Reihe Generation zu Gast. Selbst Filmemacherin, hält es die taffe Britin für mehr als mutig, dass sieben von 17 Filmen im Wettbewerb von weiblichen Regisseuren sind. „Berlin war immer wegweisend in der Welt.“ Passend dazu das T-Shirt vom Filmkurator des New Yorker Museums MoMA, Rajendra Roy, mit der Aufschrift „The Future of Film is Female“ – die Zukunft des Films ist weiblich. „Deutschland ist ein Platz, wo man Film feiern kann“, meint er voller Vorfreude.
Neue Impulse erhofft sich der US-Kritiker Justin Chang, der sich erstmal damit anfreunden müsse, auf der anderen Seite zu sitzen. Über den eigenen Tellerrand wolle er schauen. „Die Industrie in den USA ist einfach zu sehr auf sich fokussiert.“ Ein deutsches Jury-Mitglied darf natürlich nicht fehlen: Schauspielerin Sandra Hüller habe sich vorgenommen, „ganz ohne Wertung“ an ihre Aufgabe heranzugehen. „Ich hoffe, der Vorgang des Schauens wird mit großem Genuss zu tun haben.“ Nicht nur diesen Sechs seien viele Genuss-Momente in den kommenden zehn Tagen gegönnt.