Selten fiel die alte Journalisten-Regel „De Mortuis Nihil Nisi Bene“, über Verstorbene nichts Negatives zu berichten, so schwer wie im Fall Dieter Wedel. Ein Nachruf, der zu großen Teilen von schweren Vorwürfen wegen sexueller Belästigung, ja Vergewaltigung berichten muss, ein Tod, der just an dem Tag öffentlich wird, an dem bekannt gegeben werden soll, ob nun Anklage erhoben werden wird, und eine Nebenklägerin, deren berechtigtes Ansinnen nach Gerechtigkeit nun von einer höheren Macht vereitelt wird. Sie und die Welt muss damit leben, dass es kein Urteil geben wird.

Legendäre TV-Mehrteiler

Darf man angesichts dessen die unstreitbaren Verdienste des Regisseurs und Theatermachers würdigen? Seine TV-Mehrteiler, die in den Neunzigern zu Straßenfegern wurden, noch einmal zeigen? Zugeben, dass man durchaus beeindruckt war von der lebensprallen, kraftmeierischen, sozial genauen Art, mit der er Charaktere auf die Leinwand oder den Bildschirm und später die Bühne wuchtete?
Steht doch mit dem glamourösen Genussmensch Dieter Wedel, der die Kameras und die Öffentlichkeit liebte und suchte, meist mit mindestens einer hübschen jungen Schauspielerin im Arm, eine ganze hedonistische Epoche nachträglich in Verruf, die sich insbesondere in München und insbesondere beim Fernsehen gern um Wedel scharte. Wie schon in anderen internationalen Fällen, bei Woody Allen, mehr noch bei Harvey Weinstein, steht plötzlich ein ganzes System zur Anklage – und ein unbekümmertes, unschuldiges Filmvergnügen, das Stars hofierte und es mit dem Verhalten seiner Idole so genau nicht nehmen wollte, fühlt sich im Nachhinein schal an.