Digital: Eine Komödie über Gelbwesten im Berlinale-Wettbewerb

Christine (Corinne Masiero v. l.) und Marie (Blanche Gardin) in "Effacer l`historique"
Les films du Worso - No Money Productions/France 3 Cinéma/Pictanovo/Scope PicturesDas Publikum wird in den stinknormalen Alltag dreier französischer Durchschnittsbürger hineingezogen, in ihre Ängste und Abgründe. Soweit, so normal präsentiert sich der Filmanfang als das typische Setting für eine humorvolle Milieustudie.
Aber Marie (Blanche Gardin), Bertrand (Denis Polyadès) und Christine (Corinne Masiero) haben Sorgen, die die üblichen Verwerfungen mit unbezahlten Rechnungen, zu kurzen Tagen und pubertierenden Kindern weit übersteigen. „Effacer l`historique“ lässt sich übersetzen mit „den Verlauf löschen“ und spielt auf die bedenkliche Datenfülle an, die übermächtige Internetkonzerne über uns alle sammeln.
Marie ist eine arbeitslose Mutter, die in Trennung lebt und ihren Sohn nur selten sieht. Sie sitzt einem Studenten auf, der sie in einer Bar abschleppt und heimlich ein kompromittierendes Sexvideo mit ihr dreht. Damit erpresst er sie dann. Bertrand fällt immer wieder auf maßgeschneiderte Werbeangebote herein, die ihm per Telefon angepriesen werden. Er verschuldet sich dafür so lange immer weiter, bis es mit seinem gepflegten Mittelstandsleben samt Reihenhaus und Swimmingpool nicht mehr weiter geht. Außerdem sorgt er sich um seine pubertierende Tochter, die von ihren Mitschülern im Internet gemobbt wird.
Christine schließlich ist wegen ihrer TV-Seriensucht tief gefallen: weil sie auch auf der Arbeit andauernd Serien gestreamt hat, verlor sie ihren gutbezahlten Job als Aufpasserin in einem Atomkraftwerk. Jetzt betreibt sie einen schlecht laufenden Fahrdienst mit einem gemieteten Auto und kämpft gegen schlechte Bewertungen im Internet.
In ihrer 110 Minuten langen Komödie lassen sich Delépine und Kervern Zeit, diese drei Biographien zunächst in ihrem Alltagskampf zu schildern. Sie machen das mit bitterbösem satirischem Humor. Dabei werden immer wieder kleine Episoden eingeflochten, die die Auswüchse einer entfesselten Digitalwirtschaft auf die Spitze getrieben darstellen. So etwa ein altersschwacher Fahrradkurier der Handelskette „amarizon“, der, mit schweren Lieferboxen beladen, in seinem stressigen Arbeitstag beinahe zusammenbricht. Und der Panikattacken bekommt, wenn er mit seinem eng getakteten Lieferplan in Verzug gerät. Es ist die Welt der Billiglöhner und Scheinselbständigen, die hier geschildert wird, der prekär Beschäftigten ohne realistische Aussicht, ihre Privatkredite jemals abzustottern. Geschweige denn, sich eine Altersvorsorge zu erarbeiten.
Die drei gut besetzten Hauptdarsteller zeigen gekonnt die Überforderung ihrer Figuren, die alle verzweifelt ihrem Traum vom gemäßigten Mittelklassenwohlstand hinterherrennen und dabei in immer neue Konsumfallen und Knebelverträge tappen. Pointe reiht sich an Pointe. Der Humor mag zwar platt und letztlich einfach sein, er funktioniert im Kontext dieser schrillen Komödie aber ganz ausgezeichnet. Phasenweise entwickelt der Streifen sogar die Qualitäten einer Screwball-Comedy, es geht temporeich und mit viel Wortwitz zur Sache. „Effacer l`historique“ ist eine dieser seltenen Komödien, deren lustigste Dialoge man sich hinterher zum Beispiel auf der Arbeit am Mittagstisch erzählen mag.
Christine, Marie und Bertrand jedenfalls, die gar nicht heldenhaften Protagonisten des Filmes, schließen sich am Ende zusammen. Von ihrem beschaulichen Viertel aus zieht es die drei Nachbarn in die weite Welt, weil sie den Kampf gegen die Internetkonzerne aufnehmen, die ihnen die Malaise eingebrockt haben. Sie wollen sich ihr Recht auf das Löschen ihrer Daten erstreiten und reisen zu den Firmensitzen dieser Datenkraken. Den Kampfgeist dafür haben alle drei schon zuvor als Teilnehmer an den Gelbwesten-Protesten erprobt – eine von ihnen verklärte Bewegung, auf die sie sich nun besinnen, indem sie die alten Parolen noch einmal bei der Fahrt im örtlichen Kreisverkehr singen. Von jetzt an wird es etwas unübersichtlich, die Handlung zerfasert und driftet ins Surreale ab. Aber auch das verträgt diese aberwitzige Komödie, die definitiv ihr Ohr an der Zeit hat.
„Effacer l`historique“ ist bereits der dritte Film, mit dem Benoît Delépine und Gustave Kervern auf der Berlinale vertreten sind, nach „Mammuth“ (2010) und „Saint Amour“ (2016). Man könnte ihnen vorwerfen, dass sie sich dieses Mal mit dem Aufgreifen der Gelbwesten-Proteste auch ein bisschen beim Zeitgeist anbiedern. Der umstrittene Schriftsteller Michel Houellebecq ist hier in einem kleinen Nebenstrang als Selbstmordgefährdeter zu sehen. Ihm wird unter anderem vorgeworfen, er bediene fremdenfeindliche Ressentiments und schüre die Ängste vor einer weltoffenen, globalisierten, emanzipatorischen Gesellschaft. Auf jeden Fall werden hier Angehörige des sogenannten Kleinbürgertums vorgestellt, die eben nicht zu den großstädtisch geprägten Akademikerkreisen und Siegern der Globalisierung gehören. Es sind gerade die Schichten, die in den zurückliegenden Jahren von der sozialistischen Partei oder auch von der damaligen UMP enttäuscht worden sind. Die beiden Filmemacher hüten sich hier allerdings davor, politische Folgerungen aus dem Befund abzuleiten. So bleibt der Erzählung ein Rest Ambivalenz, und die traurig-tragischen Helden werden mit einiger Distanz beobachtet.
Vor allem aber bekommt der Wettbewerb mit „Effacer l`historique“ auch eine humoristische Note. Und das auf der diesjährigen Berlinale bislang eher die Ausnahme.
Heute (25.2.), 20.30 Uhr, Haus der Berliner Festspiele; Sonnabend (29.2.), 11 Uhr, Cinemaxx 3; Sonntag (1.3.), 14.15 Uhr, Friedrichstadtpalast
