Direktschnitt-Aufnahmen
: Neues Album von Anna Depenbusch

Die Hamburger Liedermacherin Anna Depenbusch hat ihr neues Album „Echtzeit“ komplett live aufgenommen – in Echtzeit.
Von
Boris Kruse
Berlin
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  • Ohne Perfektionismus geht es nicht: Anna Depenbusch bezeichnet sich selbst als technikaffin, hat aber eine Vorliebe für reduziertes Arbeiten im Tonstudio.

    Ohne Perfektionismus geht es nicht: Anna Depenbusch bezeichnet sich selbst als technikaffin, hat aber eine Vorliebe für reduziertes Arbeiten im Tonstudio.

    Steven Haberland
  • Rainer Maillard von den Emil-Berliner-Studios an dem Aufzeichnungsgerät, mit dem Tonsignale direkt in eine Platte geritzt werden.

    Rainer Maillard von den Emil-Berliner-Studios an dem Aufzeichnungsgerät, mit dem Tonsignale direkt in eine Platte geritzt werden.

    Boris Kruse/MOZ
  • Anna Depenbusch am Flügel

    Anna Depenbusch am Flügel

    Boris Kruse/MOZ
  • Der Arbeitsplatz: Steinway-Flügel in den Emil-Berliner-Studios mit Noten von Anna Depenbusch

    Der Arbeitsplatz: Steinway-Flügel in den Emil-Berliner-Studios mit Noten von Anna Depenbusch

    Boris Kruse/MOZ
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Es vergeht eine Weile, dann gibt Krause das Signal „Stand-by!“ und bittet um absolute Ruhe. Eine rote Leuchte neben dem Klavier geht an; Anna Depenbusch, 42 Jahre alt, Hamburgerin und seit Jahren ein Liebling der Kritik unter den deutschsprachigen Liedermacherinnen, atmet durch und greift in die Tasten. Und sie singt: „Augen auf, Sonne an / Neuer Tag, freie Bahn“. Es ist das Titellied ihres neuen Albums „Echtzeit“. Ein optimistischer, dezent souliger Popsong, der zwischen Gelassenheit und Aufgekratztheit schillert.

Eine ganz normale Aufnahmesession in den Emil-Berliner-Studios in der Köthener Straße nahe dem Potsdamer Platz? Ganz und gar nicht. Jedenfalls nicht, wenn die üblichen Prozeduren des Musikgeschäftes der Maßstab sind. Es fängt damit an, dass an diesem Januartag eine kleine Gruppe Journalisten mit Anna Depenbusch im Studio sitzt, direkt vor dem Konzertflügel der Marke Steinway & Sons. Die Gäste werden darauf eingeschworen, während der Aufnahmen nur ja keinen Mucks von sich zu geben: Nicht husten, nicht über die Bekleidung streichen, möglichst nicht die Sitzposition wechseln. Mobiltelefone aus, klar.

Aber noch etwas ist anders als bei normalen Aufnahmen. Anders als bei David Bowie etwa, der wenige Meter entfernt in den Hansa-Studios sein „Heroes“ eingesungen hat, im selben Gebäude, damals in den 70er-Jahren. Und anders als bei U2, die dort „Achtung Baby“ aufgenommen haben, ihr legendäres Berlin-Album von 1991 mit dem Trabi auf dem Cover.

Um diesen Unterschied zu erklären, muss man etwas weiter ausholen: Meist werden heutzutage in jedem "Take“ nur kleine Bruchstücke eines Liedes aufgenommen, einzelne Instrumente oder Stimmen. Hinterher wird dann alles zusammenmontiert, -geschnitten, -gepatcht, -gefixt, -gepitcht, -gemischt, und was das Musiker-Fachjargon des digitalen Zeitalters sonst noch hergibt. Bei dieser Aufnahme von Anna Depenbusch aber entsteht alles in einem Durchlauf. Die Emil-Berliner-Studios – benannt nach dem Erfinder des Grammophons und der Schallplatte, der von 1851 bis 1929 lebte – setzen eine spezielle Aufnahmetechnik ein, mit der sie seit einigen Jahren ein audiophiles Kennerpublikum beglücken. Beim „Direct-To-Disc“-Verfahren wird das akustische Signal in eine Lackfolie geritzt, ohne Umweg über Tonband oder Festplatte. Von dieser Lackfolie werden dann Abgüsse genommen und das Vinylalbum gepresst. Nachbearbeitungen oder zusätzliche Tonspuren (Overdubs) sind nicht möglich. Jeder Verspieler wandert auf die Platte. Toningenieur Krause ist dabei nur ein Mittler: Er steuert die Aufnahme aus, sorgt dafür, dass alles sauber klingt und Anna Depenbusch im richtigen Moment loslegt.

Die Maschine, die die Klangwellen einfängt, steht in einem separierten Raum weiter hinten in dem geschichtsträchtigen Altbau. Einmal über den Hinterhof geht es in den Raum, in dem Rainer Maillard, Geschäftsführer der Emil-Berliner-Studios, über den Direktschnitt wacht. Dort steht eine Lackfolien-Schneidanlage der Berliner Firma Neumann von 1981. Zwei Nadeln ritzen diagonal versetzt die Spuren für den Stereoklang in die schwarze Folie, die einer Vinyl-Langspielplatte ähnelt. Weil die Rille breiter wird als bei einer normalen LP – was für mehr klangliche Differenzierung steht –, passen aber nur 18 Minuten Musik auf jede Seite.

Es ist eine alte Technik. Bis in die 40er-Jahre hinein sind Musikaufnahmen so entstanden. Später wurde dieses Verfahren von Klangfetischisten wiederentdeckt, weil damit das Tonband und somit auch eine Quelle von Störgeräuschen entfällt. Der Signalweg von der live gespielten Musik zur fertigen Konserve ist schlicht kürzer, unmittelbarer. Mit der CD ebbte dieses Direktschnitt-Revival jedoch zu Beginn der 80er-Jahre rasch wieder ab. Maillard und Co. arbeiten nun seit einigen Jahren an einem zweiten Comeback. Die Gründe dafür sind nicht unbedingt nur in der Klangqualität zu suchen. Das anstrengende und gleichwohl reduzierte Aufnahmeverfahren gibt Musikern ein bestimmtes Prozedere vor, wie der gelernte Toningenieur Maillard erklärt: „Man muss sich vorher festlegen.“ Die Künstler müssen sich exakt vorbereiten, jeden Schritt genau planen. Es geht darum, auf Kommando alles abzurufen, was in ein Lied hinein soll an Emotion, aber auch an spieltechnischer Finesse.

Zurück zu Anna Depenbusch. Die spielt also beide Seiten ihres Albums „Echtzeit“ komplett am Stück durch. „Es ist eine Studioaufnahme, sehr konzentriert und trotzdem live“ – so beschreibt sie es hinterher. Volle Konzentration, jeweils knapp 18 Minuten lang. Die Pausen zwischen den Stücken dürfen nur wenige Sekunden lang sein, weil sonst auch auf dem fertigen Album unerträglich lange Pausen zu hören wären. Die Liedermacherin blättert zwischen den Titeln hektisch und möglichst geräuschlos um, mit allen Sinnen ganz präsent, angespannt bis in die Zehenspitzen.

Zwei Durchgänge spielt Anna Depenbusch an diesem Januartag ein, viermal knapp 18 Minuten also. Am Ende des ersten Durchlaufes springt sie auf, reißt die Arme in die Höhe und ruft „woah!“. Ihre Augen funkeln noch intensiver als sonst. Geschafft! Fast ohne Fehler. Ein paar kleinere Verspieler sind drin, hin und wieder holpert die Phrasierung des Gesanges, aber: „Wisst Ihr was? Ich lasse das jetzt einfach so!“ Nachzuhören auf ihrem just veröffentlichten Album.

Ein halbes Jahr Vorarbeit

Wie lässt sich die Anspannung vor solchen Aufnahmen kanalisieren? „Es ist ein bisschen wie die Vorbereitung auf eine Konzertpremiere“, erzählt die 42-Jährige: Das Repertoire hat sich noch nicht ins Unterbewusstsein eingenistet, es ist alles neu. „Es ist eben eine Momentaufnahme. Man kann sich schwer darauf vorbereiten, man muss dann einfach loslassen.“ Ein halbes Jahr Vorarbeit habe sie in „Echtzeit“ investiert. Sie war erst selbst als Zuschauerin bei einer Session dabei. Im Oktober hat sie Testaufnahmen im Meistersaal im selben Haus gemacht – das ist der prunkvolle Kammermusiksaal, der als Studio für klassische Aufnahmen genutzt wird. „Ich war mir noch nicht so sicher, welcher der richtige Raum ist“, sagt Anna Depenbusch. „Der Meistersaal ist natürlich beeindruckend, aber der hallt sehr.“ Das kleinere Studio findet sie intimer, das war die Entscheidung.

Anna Depenbusch allein am Klavier – ihre Fans kennen das eigentlich schon. Die Hamburgerin, die mit ihren Songs zwischen Deutschpop, Schlager, Chanson und Liedermacher-Ästhetik oszilliert, arbeitet seit einigen Jahren parallel an zwei Projekten. Mit ihrer eigenen Band nahm sie die Langspieler „Die Mathematik der Anna Depenbusch“ (2011) und „Das Alphabet der Anna Depenbusch“ (2017) auf. Wenig später folgten jeweils reduzierte akustische Versionen, bei denen sie sich selbst am Klavier begleitet. Die nennt sie „Schwarz-Weiß-Alben“, in Anspielung auf die Klaviertasten. Die Entscheidung für eine Direktschnitt-Aufnahme scheint da als konsequenter Schritt. Sie bezeichnet sich selbst als „Technikfreund“ und produziert ihre Alben üblicherweise auch selbst. Mehr Kontrolle über die eigene Musik geht kaum.

Anna Depenbusch: „Echtzeit“ (Liedland/Indigo); Konzert am 3.4., 20 Uhr, im Admiralspalast, Berlin-Mitte, Kartentel. 030 22507000