Dokumentation: Ein Film zum 10. Todestag von Christoph Schlingensief

Feuerkopf mit Wuschelfrisur: Christoph Schlingensief in "Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien"
-Tote Fische im Vorgarten
In dem schönen Dokumentarfilm „Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien“, den die Cutterin Bettina Böhler aus unendlich viel Material zusammengestellt hat, kann man das alles noch mal erleben: den ohne Ende dozierenden Künstler, der jede Talkshow an ihre Grenzen bringt und selbst den oft in die rechte Ecke gerückten Dirigenten Christian Thielemann zum unfreiwilligen Sparringpartner macht. Den Provokator, der Jürgen Möllemann wegen antisemitischer Äußerungen tote Fische in den Vorgarten kippt oder wegen des Aufrufs „Tötet Helmut Kohl“ 1997 auf der documenta in Kassel von der Polizei abgeführt wird. Und den ergebnisoffenen Künstler, der sich, besonders in seinen Arbeiten mit Menschen mit Beeinträchtigung voll Neugier in einen nicht steuerbaren Improvisationsprozess wirft.
Erschreckend noch im Rückblick, welche unglaublichen Aggressionen seine Aktionen bei Kulturbürgern wecken, bei der von Schlingensief selbst als traumatisch empfundenen „Parsifal“-Inszenierung in Bayreuth, bei der Aufführung von „Hamlet“ in Zürich mit Neonazis auf der Bühne oder der legendären Container-Aktion „Bitte liebt Österreich“ in Wien, wo die Passanten nach "Big Brother“-Manier Asylsuchende zur Abschiebung auswählen konnten. Wenn man sieht, wie haltlos Passanten pöbeln, ja, handgreiflich werden in ihrer Wut, ist da viel vom späteren Wutbürger-Potenzial erkennbar, ohne dass man es damals schon sah. Wie sehr so einer wie Schlingensief heute, in Zeiten von AfD, Identitätspolitik und Verschwörungstheoretikern fehlt, spürt man plötzlich besonders schmerzhaft. Und weiß gleichzeitig: Man wäre wahrscheinlich wieder ziemlich genervt gewesen.
Doch vor wohlfeilen Aktualisierungen scheut die Regisseurin Bettina Böhler klug zurück und blättert stattdessen eine außergewöhnliche Künstlerkarriere auf. Ähnlich wie Andres Veiel mit seinem Dokumentarfilm über Joseph Beuys kommt ihr dabei zugute, dass sie es mit einem Medienprofi zu tun hat, dessen Aktionen bestens und hundertfach dokumentiert sind. Wie aus dem Apothekersohn aus Oberhausen, dessen erste Versuche im Experimentalfilm ihn zu so schrillen Gesellschaftssatiren wie das die Wiedervereinigung persiflierende „Deutsche Kettensägenmassaker“ oder „100 Jahre Adolf Hitler. Die letzten Stunden im Führerbunker“ führten, schließlich ein politischer Aktivist und Theatervisionär wurde, das ist so folgerichtig wie amüsant zu verfolgen.
Doch der eigentliche Schatz ist das Dokumentarmaterial aus Christophs Kindheit. Der Vater, begeisterter Hobbyfilmer, begleitet sein spätes Wunschkind mit der Kamera, beim Spaziergang, auf dem Spielplatz oder im Sommerurlaub am Meer. Schon hier ist der blonde Knirps leidenschaftlicher Selbstdarsteller, der dann die Seiten wechselt und beginnt, selbst zu filmen. Wie er seine jugendliche Darstellertruppe herumkommandiert und immer wieder vor der Kamera pausieren lässt, weil er weiterspulen muss, ist ein großer Spaß – und eine Lektion in Ästhetik, ebenso wie die versehentlichen Mehrfachbelichtungen, die der Vater bei den Urlaubsfilmen produziert hat. Für Schlingensief wächst daraus die Erkenntnis: „Die Perspektive ist das Hauptmerkmal: Was passiert, wenn sich Dinge übereinanderlegen, die nichts miteinander zu tun haben?“
Am Ende führt ihn der Weg weit weg von Oberhausen, nach Berlin, Bayreuth, Venedig, schließlich nach Burkina Faso, wo er sein letztes Großprojekt, das Operndorf, begründet. Doch die treuen Apothekereltern haben ihren Sohn bei allem Unverständnis begleitet, sind immer wieder zu sehen, etwas verlegen und unbehaglich, aber auch stolz. Der Sohn hingegen hält bei einer Feier ganz manierlich im Anzug eine Rede. Dieses Zusammenspannen der beiden ungleichen Welten des Elternhauses und der Kunstwelt wirkt oft geradezu utopisch und vorbildlich in seinem Wunsch nach Versöhnung und Verständigung. Dafür muss man Christoph Schlingensief dann doch wieder unbedingt lieben.
Ein Lebensporträt aus vier Jahrzehnten
Christoph Schlingensief, geboren am 24. Oktober 1960 in Oberhausen, war Film- und Theaterregisseur, Autor und Aktionskünstler. Er starb am 21. August 2010 in Berlin an seiner Lungenkrebserkrankung.
Die Film-Editorin Bettina Böhler, die zwei Filme von Christoph Schlingensief, "Terror 2000" und "Die 120 Tage von Bottrop" geschnitten hat, hat aus Archivmaterial aus vier Jahrzehnten ein Lebensporträt montiert.
Der Film feierte auf der Berlinale 2020 seine Uraufführung und ist seit Donnerstag in ausgewählten Kinos zu sehen, u.a. in Berlin im Kino Union in Friedrichshagen und im Kino Toni in Weißensee. Infos: www.weltkino.de⇥red
