Eindrücke
: Rundgang über die Frankfurter Buchmesse

Norwegen in allen Facetten, Streit um Peter Handke und ein Preis für unabhängige Verlage: Das ist die Buhmesse 2019.
Von
Jürgen Kanold
Frankfurt am Main
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Leser sehen dich an: Der Journalist Deniz Yücel stellt auf der Frankfurter Buchmesse sein Buch über die Haft vor.

STAR-MEDIA via www.imago-images.de

Zwischen Spiegelwänden lesen

Norwegen also ist in diesem Jahr unter dem Motto „Der Traum in uns“ das Gastland, zahlreiche international gefeierte Autoren wie Jostein Gaarder, Jo Nesbø, Maja Lunde und Karl Ove Knausgård sind angereist und zu erleben, Kronprinzessin Mette-Marit kam sogar, in beispielloser Werbemanier, im DB-Literaturzug dahergefahren. Der Pavillon der Norweger in der Forum-Halle freilich ist eher schlicht durchgestylt, kühl gehalten. Man kann – zwischen Spiegelwänden an filigran designten Tischen – vor allem Bücher anschauen und lesen.

Immerhin Wittgensteins Boot oder zumindest eine Bootsruine aus jenem Fjord, wo die Hütte des Philosophen stand, ist als Schaustück zu bewundern. Riechen kann man Norwegen auch an einer Station, wobei die angeblich wilden Erdbeeren mit Vanillesauce eher an den Abrieb alter Autoreifen erinnern, aber vielleicht sind auch nur die Gewürzstreuer mit den Proben vertauscht worden. Und wie fällt der „Book“-Duft aus? Neutral bis nichtssagend. Das irritiert, denn die Buchmesse ist alles, das aber nicht.

Wer zum Beispiel Peter Handke überhaupt nicht riechen kann, ist Saša Stanišic, der für seinen Roman „Herkunft“ den Deutschen Buchpreis erhalten hat. Schon in seiner Dankesrede zog der in Bosnien geborene Autor über den Österreicher her. So hat die Buchmesse einen Debattenstoff, auch weil der erfrischend leidenschaftliche Stanišic in vielen Gesprächen präsent ist.

Auf dem „Blauen Sofa“ des ZDF, einem der wichtigsten Talk-Bühnen der Buchmesse, erzählte er von seinem Integrationswunsch. Nur zwei deutsche Wörter – besser: einen Fußballernamen – habe er als 14-Jähriger gekannt: „Lothar Matthäus“. Der hatte bei der WM 1990 ein legendäres Tor gegen Jugoslawien geschossen. Stanišic wusste, auch davon handelt „Herkunft“, dass er die deutsche Sprache lernen musste, um anzukommen.

Die Stiftung Warentest, die auch einen Stand hat auf der Buchmesse, untersucht Herrenhemden, Backöfen oder Schwarzen Tee, aber Literatur bewertet sie nicht. Das tun Kritiker. Und der am pointiertesten sortiert und austeilt, ist Denis Scheck, der „Druckfrisch“-TV-Experte mit den Ringelsöckchen. Scheck sitzt diesmal selbst als Autor auf den Sofas. Er hat jetzt einen – naturgemäß streitbaren – Kanon mit den 100 wichtigsten Werken der Weltliteratur veröffentlicht (Piper Verlag): „Tim und Struppi“, „Herr Karlsson vom Dach“ und „Harry Potter“ sind dabei, aber nix von Grass oder Walser. Und auch nicht von Handke. Gegen die vom Aussterben begriffene Kulturtechnik des Lesens helfen so launige Empfehlungen wie Schecks Bücherkanon allemal.

Aber jetzt muss noch ein Loblied gesungen werden auf die kleinen, unabhängigen Verlage, die mit viel Mut und Risiko immer neue Bücher herausbringen, an die sie zwar glauben, die aber zunächst mal noch Leser finden müssen, noch lange kein profitables Geschäft sind – und vorerst in keinen Scheck‘schen Kanon passen. Diese Verlage haben in der Halle 4.1. ihre Stände und werden an diesem Freitag besonders im Rampenlicht stehen. Dann verleiht Kulturstaatsministerin Monika Grütters zum ersten Mal den Deutschen Verlagspreis.

63 Verlage wissen schon, dass sie eine Prämie von 15 000 Euro erhalten, drei können den Spitzenpreis von 60 000 Euro gewinnen. Zu den Nominierten gehört der Secession Verlag Berlin, und dessen Verleger Joachim von Zepelin rechnet vor: 15 000 Euro bedeuteten, zwei bis drei Bücher machen zu können in einem Umfeld minimaler Verkaufsmargen. Theater oder Museen würden subventioniert, aber ein Literaturverlage gelte als Wirtschaftsunternehmen.

Secession gibt übrigens eine „Handliche Bibliothek der Romantik“ heraus, mit „Gespenster“-Geschichten geht’s los. Die Romantik, so die Herausgeber, ist keine verstaubte Bewegung. Mit diesen Büchern könnte man jetzt nach Norwegen fahren.

Deutscher Verlagspreis

Preisträger des Deutschen Verlagspreises 2019, den Monika Grütters in diesem Jahr zum ersten Mal verliehen hat, sind eine Menge: 66 kleine und unabhängige Verlage stehen auf der Liste, die sich wie ein who is who liest.

Aus der Region Berlin-Brandenburg sind dabei: Alexander, Argobooks, AvivA, Berenberg, Binooki, Elfenbein, Guggolz, kookbooks, mikrotext, Reprodukt, speak low, Transit, Wagenbach, Walde + Graf, Voland & Quist das Verlagshaus Berlin und der Verbrecher Verlag.

Mehrere (Berenberg, Guggolz, Wagenbach und Edition Rugerup) sind auch auf der selbst organisierten Hotlist der unabhängigen Verlage vertreten.⇥red