Seit zehn Jahren führen die Historikerin, Fotografin und Filmemacherin Marion Schütt sowie die Publizistin Rita Preuß Interviews mit Hundertjährigen in Berlin und lassen sich von ihnen deren Biografie schildern. 15 dieser Lebensgeschichten – elf Frauen und vier Männer, geboren zwischen 1911 und 1916 – haben die beiden Autorinnen für ihr Buch "100 Jahre in Berlin. Generation Kaiserzeit erzählt" aufbereitet, illustriert mit aktuellen Porträts und historischen Fotografien aus dem jeweiligen Familienalbum.
Autobiografisches boomt derzeit. Doch dieses Buch ragt heraus. Hier kommen Menschen zu Wort, die keine Prominenten sind, deren oft belangloses Geschwätz die Regale der Buchläden füllt. Nein, diese Hochbetagten, diese beeindruckenden Persönlichkeiten haben uns tatsächlich etwas zu erzählen. Aus der Perspektive der kleinen, der einfachen Leute legen sie Zeugnis ab über ihr Leben, das von fünf politischen Systemen geprägt ist. Als Kind wachsen sie in der Kaiserzeit und im Ersten Weltkrieg auf, ihre Jugend verbringen sie in der Weimarer Republik, als junge Erwachsene durchleiden sie Nazidiktatur und Zweiten Weltkrieg, im reiferen Alter folgen die Bundesrepublik beziehungsweise die DDR, zur Wiedervereinigung sind sie längst Rentner. "Niemand hat mehr Lebenserfahrung als sie", schreiben die Herausgeberinnen im Nachwort.
Kein Geschichtsbuch vermag die vergangenen 100 Jahre plastischer, spannender, originärer wiedergeben als die Viten der 15 Berliner. Sie haben ganz unterschiedliche Lebensläufe, berufliche und auch politische Verortungen. Aber alle lassen den Leser tief in ihr Innerstes blicken.
Da sind ihre Alltagserfahrungen in guten wie in schlimmen Zeiten. Da sind ihre Familiengeschichten, ihre Erinnerungen, wie sie um das kleine Glück ringen. Es sind Berichte von Frauen, die darum kämpfen, sich selbst zu verwirklichen, von Männern, die in den Mahlstrom des Zweiten Weltkrieges geraten. Sie schildern das Leben in einer Millionenmetropole, die nach den verheerenden Bombennächten nasskalt in den Strudel des Kalten Krieges geworfen wird. Es sind aber auch Geschichten vom Lieben und Lachen – und vom großen Vertrauen in die Kraft des Lebens. Wirtschaftskrisen, Krieg, zigfacher Tod, Hunger, Armut, Mauerbau und Mauerfall – gemeinsam ist den Selbstporträtierten, dass sie immer wieder aufstehen und neuen Mut fassen. Und dass sie nie ihren Humor verlieren. Damit vermitteln sie den Nachgeborenen, was wirklich wichtig ist, was glücklich macht: Familie, Freundschaften, Bescheidenheit. Das geht unter die Haut, das berührt das Herz, das fordert zum Innehalten auf, auch mal das eigene Leben zu reflektieren.
Die beiden Autorinnen, die Klara S. mehrfach zum Gespräch treffen, darunter im Sommer 2018 als 106-Jährige, erleben sie als starke Persönlichkeit mit einem – auch politisch – hellwachen Geist. Einem, der sich etwa große Sorgen macht wegen der Wahlerfolge der rechtspopulistischen AfD: "Mein Gott, nichts auszudenken, die Leute heutzutage vergessen viel zu schnell!"
Es ist phänomenal, an wie viele Details sich Klara S. erinnert – als wären sie erst gestern geschehen. Sie erzählt von ihrem Religionslehrer Herr Papst, "der über Tische und Bänke hinter uns her kletterte und prügelte", und ihrer Französischlehrerin Fräulein Weise, einem "leibhaftigen Teufel": "Die schlug mit der Hand ins Jesicht, einmal bis ich Nasenbluten kriegte". Sie berichtet von ihrer Mutter Emma – " so ’ne janz Kühle" – und ihrem Vater Wilhelm, mit dem sie die Freude am Lesen teilte, von den ersten Rundfunksendungen, ihrer ersten Zigarette und ihrem Wunsch, Gärtnerin zu werden und dann doch als Hausmädchen in einer jüdischen Familie arbeitete. Sie schildert, wie sie ihren Mann Werner, einen Koch, kennenlernt, in der Nazizeit heimlich BBC hört, den ersten ihrer drei Söhne zu Hause entbindet – und wie dieser als Sechsjähriger an einer Rippenfellentzündung stirbt. Sie wird ausgebombt, kommt mit den Kindern in Krampnitz bei Potsdam unter und ist glücklich, als ihr Mann aus dem Krieg heimkehrt. 55 Jahre sind sie verheiratet, als er 1991 stirbt; mehr als fünf Dekaden lebt Klara S. in der gleichen Wohnung in Schöneberg, ehe sie in eine Senioreneinrichtung umzieht. Warum sie so ein hohes Alter erreicht habe? Ihre prompte Antwort: "Das Geheimnis ist, wir haben unterm Dach jewohnt, 64 Treppenstufen rauf und runter. Und das 55 Jahre lang."
Rita Preuß und Marion Schütt haben die wohl letzte Chance genutzt, mit den noch in der Monarchie geborenen Zeitzeugen zu sprechen, um deren Erlebnisse und Erfahrungen dem Vergessen zu entreißen, sie zu dokumentieren und an künftige Generationen weiterzugeben. Eine gar nicht hoch genug einzuschätzende Arbeit, wie auch die frühere Tempelhof-Schöneberger Stadträtin für Gesundheit und Soziales Sibyll Klotz (Grüne) in ihrem Vorwort betont: "Je älter die Menschen werden, umso unsichtbarer werden sie. Sie verschwinden aus dem öffentlichen Raum, aus Theatern, Bussen und Bahnen." Um dagegen anzukämpfen, führen Rita Preuß und Marion Schütt seit 2017 auch Gespräche mit Frauen und Männern ab 90 Jahren in Brandenburg.
Rita Preuß und Marion Schütt: "100 Jahre in Berlin. Generation Kaiserzeit erzählt", Verlag für Berlin-Brandenburg (vbb), 272 S., 25 Euro